Sieben Tage, plus 14,69 Prozent. Nach einem Jahr voller China-Sorgen und Rechtsstreitigkeiten fühlt sich das fast unwirklich an. Und doch steht genau das gerade am Kurschart von Alibaba.

Der Freitagsschluss bei 98,40 Euro markiert mehr als nur eine gute Woche. Er markiert möglicherweise einen Wendepunkt. Seit Jahresbeginn liegt die Aktie noch immer 26,02 Prozent im Minus. Aber die Erzählung hat sich gedreht: Weg vom „China-Discount“, hin zu einer Wette auf Cloud und künstliche Intelligenz.

Eine Woche mit zwei Befreiungsmomenten

Der Auslöser kam in der Wochenmitte. Alibaba legte den besten Handelstag seit fast einem Jahr hin. Zwei Ereignisse trafen zusammen.

Ein US-Bundesrichter blockierte vorläufig eine Pentagon-Einstufung, die Alibaba als „chinesisches Militärunternehmen“ gelistet hätte. Diese Entscheidung ist keine endgültige Entwarnung. Aber sie nimmt der Drohkulisse aus Zwangsverkäufen und institutionellen Anlagesperren erstmal die Schärfe. Parallel dazu verdichtete sich unter Analysten die Einschätzung, dass Alibabas AI-Wachstum echte Substanz hat.

Auch die Charttechnik zeigt Stabilisierung. Die Aktie notiert zwar 20,51 Prozent unter ihrem 200-Tage-Durchschnitt von 123,79 Euro. Vom 52-Wochen-Tief bei 79,50 Euro, erreicht Ende Juni, hat sie sich aber bereits um 23,77 Prozent entfernt. Das spricht dafür: Der Verkaufsdruck der ersten Jahreshälfte lässt nach.

Qwen als neuer Wachstumsmotor

Der eigentliche Treiber sitzt tiefer als die juristische Entspannung. Er heißt Qwen — Alibabas Sprachmodell-Serie. Im jüngsten Quartal wuchs der Cloud-Umsatz um 45 Prozent, getragen von dreistelligen Zuwachsraten im AI-Geschäft.

Alibaba baut sich damit zum Infrastruktur-Anbieter für Chinas Unicorn-Szene aus. In der ersten Hälfte 2026 entstanden landesweit 67 neue Unicorns. Über 53 Prozent davon kommen aus den Bereichen AI und Robotik. Alibaba ist an mehreren dieser Firmen als Investor beteiligt, darunter der frisch gekürte Unicorn X Square Robot.

Diese Strategie bekommt zusätzliches Gewicht durch internationale Partnerschaften: BMW, SAP und Apple wollen Alibabas AI-Technologie in ihre eigenen Software- und Hardware-Ökosysteme einbinden. Bei einer Marktkapitalisierung von 236,83 Milliarden Euro und einem RSI von 58,6 — stark, aber nicht überhitzt — beginnen offenbar mehr institutionelle Investoren, diese Bewertung als Kaufgelegenheit zu lesen.

Kapitaldisziplin trifft auf Käuferstimmung

Die Rally hat auch eine kapitalmarkttechnische Seite. Über die „Southbound“-Handelsverbindung kaufen Investoren vom chinesischen Festland seit fünf Handelstagen in Folge netto Alibaba-Aktien. Das ist ein Signal, dass das inländische Vertrauen zurückkehrt.

Alibaba selbst spielt mit. Anfang Juli gab der Konzern rund 99,66 Millionen US-Dollar aus, um eigene Aktien zurückzukaufen und einzuziehen — ein klassischer Hebel, um den Kurs zu stützen und den Gewinn je Aktie zu verbessern. Die Dividendensaison liegt bereits hinter dem Unternehmen: Der Ex-Dividendentag war der 11. Juni, die Ausschüttung lag bei 1,0500 US-Dollar je Aktie.

Bleibt die Bewertungsfrage. Das Kursziel der Analysten liegt im Konsens bei 167,25 Euro — das wäre ein Aufschlag von 70 Prozent zum Freitagsschluss. Eine Lücke dieser Größenordnung zwischen Markt und Erwartung ist selten und sagt vor allem eines: Entweder ist die Aktie noch immer deutlich unterbewertet, oder die Wall Street preist eine AI-Story ein, die sich erst noch beweisen muss.

Der Weg zurück zum 52-Wochen-Hoch von 161,60 Euro aus dem Oktober 2025 bleibt weit. Entscheidend wird, ob Alibaba seine Cloud-Margen halten kann, während gleichzeitig hohe Investitionen in AI-Infrastruktur fließen. Das margenschwächere E-Commerce-Kerngeschäft muss diesen Spagat mittragen — und genau daran wird sich zeigen, ob aus der Sieben-Tage-Rally mehr wird als eine kurze Erholung.