Ein Gewinneinbruch von 75 Prozent klingt nach Alarm. An der Börse reagierten Anleger am Freitag entsprechend: Die Alibaba-Aktie brach zeitweise um über acht Prozent ein, in Frankfurt schloss das Papier am Freitag bei 102,20 Euro, ein Minus von 8,1 Prozent. Für mich ist das die falsche Reaktion auf die richtige Zahl.

Ja, der Nettogewinn im ersten Geschäftsquartal (Ende 30. Juni) fiel um 75 Prozent auf 10,54 Milliarden Yuan. Ja, der freie Cashflow rutschte mit minus 44,7 Milliarden Yuan tief ins Negative. Und ja, das bereinigte Ergebnis je Aktie von 1,26 US-Dollar verfehlte die Erwartungen der Analysten von rund 1,85 bis 1,94 US-Dollar deutlich. Wer nur auf diese Zeilen schaut, sieht ein Unternehmen, das seine Profitabilität verbrennt.

Die Zahl, die zählt: 45 Prozent Cloud-Wachstum

Doch genau hier liegt für mich der Denkfehler des Marktes. Alibaba hat die Kapitalausgaben um 75 Prozent auf 67,68 Milliarden Yuan hochgefahren – bewusst und mit Ansage. Von den geplanten 380 Milliarden Yuan für den Drei-Jahres-KI-Investitionsplan sind erst 190 Milliarden Yuan verausgabt, also die Hälfte.

Im Gegenzug wuchs der externe Cloud-Umsatz um 45 Prozent, den höchsten Wert seit 22 Quartalen. KI-Produkte legten das zwölfte Quartal in Folge dreistellig zu und machen inzwischen 35 Prozent des externen Cloud-Umsatzes aus. Der annualisierte KI-Umsatz nähert sich bereits 49,5 Milliarden Yuan.

Das ist kein Unternehmen, das Geld verschwendet – das ist ein Konzern, der eine Wachstumsphase finanziert, die sich in der Marge bereits zeigt: Die bereinigte EBITA-Marge der Cloud-Sparte stieg um 133 Prozent, ein Beleg dafür, dass Skalierung funktioniert. CEO Eddie Wu sprach von einer „überlegenen Position“ im KI-Boom – eine Aussage, die angesichts der Zahlen nicht als reine PR-Floskel abzutun ist.

Das E-Commerce-Problem bleibt real

Wer die These vom überreagierenden Markt vertritt, darf die Schwachstellen nicht ausblenden. Das China-E-Commerce-Geschäft schrumpfte um 8 Prozent auf rund 111 Milliarden Yuan – das Kerngeschäft, das einst Alibabas Fundament war, verliert an Substanz.

Die operative Marge insgesamt fiel von 14,8 auf 7 Prozent. Das zeigt: Die KI-Wette wird derzeit auf Kosten der Gesamtprofitabilität finanziert, und Management-Zusagen zu einem Break-even der KI-Investitionen in rund drei Jahren bleiben genau das – Zusagen, keine Garantien.

Die Analystenreaktionen fallen entsprechend gespalten aus. Baird senkte sein Kursziel auf 160 US-Dollar, während Barclays es auf 200 und JPMorgan sogar auf 210 US-Dollar anhob.

Fawne Jiang von Benchmark bestätigte ihr Buy-Rating mit einem Kursziel von 220 US-Dollar und begründete dies mit höheren EBITDA-Schätzungen für die kommenden zwei Geschäftsjahre. Diese Bandbreite spiegelt exakt die Unsicherheit wider, die den Kurs derzeit prägt: Wachstumsstory versus Cashflow-Sorge.

Was der Kurs gerade signalisiert

Der Blick auf die technische Lage untermauert das gemischte Bild. Mit einem Abstand von rund 38 Prozent zum 52-Wochen-Hoch von 164,20 Euro und einem RSI von 43,9 notiert die Aktie in neutralem bis leicht überverkauftem Terrain, ohne dass ein klares Kaufsignal vorliegt. Seit Jahresbeginn steht ein Minus von 19 Prozent zu Buche – ein deutlicher Dämpfer für eine Aktie, die im Jahresvergleich nahezu unverändert bei plus 0,4 Prozent liegt.

Unterm Strich überwiegen für mich die Argumente für Geduld statt Panik. Ein Unternehmen, das seine Cloud-Sparte mit 45 Prozent Wachstum und deutlich verbesserter Marge skaliert, während es gleichzeitig kurzfristig Profitabilität opfert, folgt einem Muster, das man von anderen Hyperscalern kennt – und das dort honoriert wurde.

Die Schwäche im E-Commerce-Geschäft ist der eigentliche Belastungsfaktor, nicht die Cloud-Investitionen. Wer Alibaba beobachtet, sollte weniger auf den Gewinnrückgang dieses einen Quartals starren als auf die Frage, ob die Cloud-Dynamik anhält. Die nächsten Quartalszahlen dürften zeigen, ob sich die These bestätigt.