Liebe Leserinnen und Leser,
drei Unternehmen, drei Schlagzeilen, eine gemeinsame Frage: Wann wird aus Investition Übermut? Alphabet kündigte an, seine Kapitalausgaben nahezu zu verdoppeln – auf bis zu 185 Milliarden Dollar. Qualcomm warnte vor Lieferengpässen bei Speicherchips. Rheinmetall enttäuschte mit einer Umsatzprognose, die zwölf Prozent unter den Erwartungen liegt. Was diese drei auf den ersten Blick völlig unterschiedlichen Geschichten verbindet: Anleger reagieren allergisch auf Unsicherheit – egal ob sie aus zu viel Ambition oder zu wenig Wachstum resultiert. Gleichzeitig geriet die gesamte Softwarebranche unter Druck, während Bitcoin erneut Richtung 70.000 Dollar rutschte. Ein Tag, der zeigt: Die Märkte sortieren sich neu.
Google-Mutter Alphabet: Wenn KI-Hunger teurer wird als gedacht
Alphabet lieferte eigentlich starke Zahlen für das vierte Quartal – Umsatz und Gewinn übertrafen die Erwartungen. Doch statt Jubel folgte ein Kurssturz von zeitweise fast fünf Prozent. Der Grund: Das Unternehmen stellte Investitionen zwischen 175 und 185 Milliarden Dollar für 2026 in Aussicht – etwa doppelt so viel wie im Vorjahr und deutlich mehr als Analysten kalkuliert hatten. Das Geld soll vor allem in Rechenzentren und KI-Chips fließen, um im Wettlauf mit Microsoft, Amazon und zunehmend auch mit chinesischen Anbietern nicht ins Hintertreffen zu geraten.
Analysten von Wedbush zeigten sich dennoch optimistisch und hoben ihr Kursziel auf 370 Dollar an. Sie argumentieren, Alphabet sei gut positioniert, um durch KI-gestützte Werbung und Cloud-Dienste zusätzliche Erlösquellen zu erschließen. Zudem profitiere Google von der Partnerschaft mit Apple, dessen Siri-Assistent künftig auf Google-Technologie setzen soll. Doch die Frage bleibt: Wie lange dauert es, bis sich diese Milliarden-Wetten auszahlen? Für deutsche Anleger bedeutet das: Alphabet bleibt ein Langfrist-Investment – wer auf schnelle Gewinne hofft, könnte enttäuscht werden.
Qualcomm und die Chip-Branche: Wenn Engpässe die Prognose verhageln
Qualcomm geriet mit einem Minus von zeitweise elf Prozent noch stärker unter die Räder. Zwar meldete der Chiphersteller Rekordumsätze für das erste Geschäftsquartal, doch der Ausblick auf das laufende Quartal fiel enttäuschend aus. Schuld sind branchenweite Engpässe bei Speicherchips, die Smartphone-Hersteller belasten und die Nachfrage dämpfen. Qualcomm warnte, dass diese Lieferprobleme auch die Preise in die Höhe treiben und damit die Margen drücken könnten.
Die Nachricht traf die gesamte Halbleiterbranche. Auch andere Chip-Aktien gerieten unter Druck, während Investoren sich fragen, ob die KI-getriebene Nachfrage nach High-End-Chips wirklich so robust ist wie erhofft. Für Anleger heißt das: Die Chip-Story bleibt intakt, aber die Straße wird holpriger. Wer in Qualcomm oder andere Halbleiter-Titel investiert ist, sollte Geduld mitbringen – und Volatilität aushalten können.
Rheinmetall: Wenn Rüstungsboom auf Produktionsrealität trifft
Der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall sorgte für eine kalte Dusche. In einem nachbörslichen Call stellte das Unternehmen eine Umsatzprognose für 2026 vor, die mit 13,2 bis 14,1 Milliarden Euro rund zwölf Prozent unter den Analystenschätzungen liegt. Die Aktie verlor daraufhin zeitweise über sieben Prozent und zog andere Rüstungstitel wie Hensoldt, Renk und TKMS mit nach unten. Analysten von Jefferies senkten ihr Kursziel von 2.170 auf 2.060 Euro, hielten aber an ihrer Kaufempfehlung fest.
Das Problem: Der Produktionshochlauf gestaltet sich komplizierter als gedacht. Rheinmetall expandiert zwar schnell in neue Bereiche wie Drohnen und Luftverteidigung – etwa mit dem Skyranger-System gegen feindliche Drohnen. Doch die ersten Bewährungsproben in der Ukraine stehen erst bevor. Sollte der Skyranger nicht überzeugen, könnte das die gesamte Wachstumsstory belasten. Hinzu kommt: Die laufenden Friedensgespräche zwischen Russland und der Ukraine werfen Fragen über die künftige Auftragslage auf. Für deutsche Anleger bleibt Rheinmetall ein Langfrist-Spiel – aber eines mit erhöhtem Risiko.
Software-Aktien im Sturzflug: KI als Bedrohung statt Versprechen
Die gesamte Softwarebranche erlebte einen brutalen Ausverkauf. Der S&P 500 Software- und Dienstleistungsindex verlor in den letzten sechs Handelstagen über 800 Milliarden Dollar an Marktwert – die schwächste Dreimonatsphase seit dem Platzen der Dotcom-Blase. Aktien wie ServiceNow, Oracle und Intuit gerieten unter massiven Druck. Auslöser war ein neues KI-Tool von Anthropic, das juristische Aufgaben übernehmen kann – und damit das Geschäftsmodell vieler Software-as-a-Service-Anbieter infrage stellt.
Einige Portfoliomanager sehen darin eine Überreaktion und nutzen die Kursschwäche für erste Zukäufe. Jake Seltz von Allspring Global Investments stockte ServiceNow und Monday.com auf, wartet aber auf klarere Signale – etwa starke KI-Umsätze oder Kundenzusagen – bevor er aggressiver zugreift. Auch Walter Todd von Greenwood Capital kaufte ServiceNow und Microsoft in kleinen Mengen. Die Frage bleibt: Ist KI wirklich eine existenzielle Bedrohung für traditionelle Software – oder nur ein weiterer Hype-Zyklus, der sich legt? Für deutsche Anleger gilt: Wer langfristig denkt und Volatilität aushält, findet hier möglicherweise Einstiegschancen.
Bitcoin und Krypto: Die Talfahrt geht weiter
Bitcoin fiel zeitweise unter 71.000 Dollar und näherte sich damit der psychologisch wichtigen Marke von 70.000 Dollar. Seit dem Rekordhoch von über 126.000 Dollar im Oktober hat die älteste Kryptowährung fast 44 Prozent verloren. Auch Ethereum und andere Altcoins gerieten unter Druck. Die Stimmung im Kryptomarkt bleibt angespannt – nicht zuletzt wegen der Schwäche bei Gold und Silber, die als alternative Absicherungen gelten.
JPMorgan sieht dennoch langfristig Potenzial: Bitcoin sei im Vergleich zu Gold attraktiver geworden, nachdem die Volatilität von Gold stark gestiegen ist. Die Bank argumentiert, dass Bitcoin auf Basis der Volatilität auf 266.000 Dollar steigen müsste, um mit der privaten Investition in Gold gleichzuziehen. Kurzfristig bleibt die Lage aber fragil. Für deutsche Anleger heißt das: Wer an die langfristige Story glaubt, kann die Schwäche nutzen – sollte aber mit weiteren Rücksetzern rechnen.
Was jetzt zählt
Die Märkte befinden sich in einer Phase der Neuordnung. Während Tech-Giganten wie Alphabet Milliarden in KI pumpen, fragen sich Investoren, wann diese Investitionen Früchte tragen. Gleichzeitig zeigt die Software-Branche, dass KI nicht nur Chance, sondern auch Bedrohung sein kann. Rheinmetall wiederum erinnert daran, dass selbst in Boom-Branchen die Produktionsrealität schneller einholt als gedacht. In den kommenden Tagen stehen weitere Quartalszahlen an – darunter Amazon nach US-Börsenschluss am Donnerstag. Zudem bleibt die Entwicklung der Friedensgespräche zwischen Russland und der Ukraine im Blick, die für Rüstungsaktien entscheidend sein könnte.
Eines ist klar: Wer jetzt investiert, braucht Geduld, Nerven und einen langen Atem. Die Volatilität dürfte uns noch eine Weile begleiten.
Bis morgen – und bleiben Sie wachsam,
Andreas Sommer


