Eine Margenprognose, die von 6,5 auf 1 Prozent schrumpft: Alstom hat zum Wochenstart die Reißleine gezogen. Die Aktie brach im frühen Handel um bis zu 31 Prozent auf 10,89 Euro ein und fiel damit auf das Niveau von 2024 zurück. Am späten Vormittag lag das Minus noch bei mehr als 27 Prozent, obwohl der Gesamtmarkt moderat zulegte.
Für den Bahntechnikkonzern ist es die zweite Gewinnwarnung im laufenden Geschäftsjahr. Sie beendet eine mehrmonatige Stabilisierung der Papiere abrupt.
Coradia Max reißt Löcher in die Bilanz
Hauptauslöser sind massive Probleme bei der Elektrotriebzug-Plattform Coradia Max. Betroffen sind sechs Projekte mit einem Auftragsvolumen von rund fünf Milliarden Euro. Produktionsprobleme, Nachrüstungen und Verzögerungen treiben die Kosten, hinzu kommen Strafzahlungen bei deutschen Projekten. Verspätete Doppelstockzüge für Baden-Württemberg gelten als ein Brennpunkt.
Schwerer noch wiegt die Liquidität. Der freie Cashflow soll im laufenden Geschäftsjahr bei minus 1,5 Milliarden Euro liegen, nachdem bereits das erste Halbjahr mit 1,2 Milliarden Euro Abfluss belastet war. Rund eine Milliarde davon soll sich in den Folgejahren umkehren, sobald ausstehende Meilensteinzahlungen eingehen.
Auch die operativen Ziele schrumpfen. Die Wagenproduktion soll nur noch bei rund 4.000 statt 4.400 bis 4.500 Einheiten liegen. Das organische Umsatzwachstum dürfte im niedrigen bis mittleren einstelligen Prozentbereich bleiben.
Schuldenabbau ohne Details
Alstom will gegensteuern und die Verschuldung bis spätestens September 2027 um rund zwei Milliarden Euro senken. Ausdrücklich möglich sind dafür Verkäufe von Unternehmensteilen und Beteiligungen. Welche Assets infrage kommen, ist offen. Einen detaillierten Fahrplan will der Konzern im zweiten Quartal 2027 vorlegen.
Citigroup-Analyst Martin Wilkie verweist genau auf diese Lücke: Der Finanzvorstand habe in der Telefonkonferenz nur über mögliche Veräußerungen gesprochen, ohne Einzelheiten zu nennen.
Analyst sieht Bereinigung
JPMorgan-Analyst Akash Gupta spricht von einem „schmerzhaften, aber notwendigen Bereinigungsprozess“. Die neue Prognose impliziert für 2026/27 ein bereinigtes operatives Ergebnis von etwa 200 Millionen Euro. Das liegt rund 85 Prozent unter der bisherigen Markterwartung.
Gupta bleibt dennoch bei „Overweight“. Seine Begründung: Das Risiko einer Kapitalerhöhung sei bei der günstigen Bewertung bereits eingepreist, was auch der hohe Anteil an Wetten auf fallende Kurse nahelege. Zudem stützen ihn das günstige Nachfrageumfeld und die Überprüfung des Auftragsbestands, der sich schneller und verlässlicher in Liquidität verwandeln soll.
Der nächste konkrete Termin ist das zweite Quartal 2027. Dann muss Alstom zeigen, welche Verkäufe den Schuldenabbau tragen sollen.
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