Liebe Traderinnen und Trader,

30 Prozent Umsatzwachstum, ein Auftragsbuch von 664 Milliarden Dollar – und trotzdem notiert die Aktie fast 55 Prozent unter ihrem Zwölfmonatshoch. Oracle hat in dieser Woche das stärkste Cloud-Wachstum der Firmengeschichte vorgelegt, und der Markt hat mit einem Kursrutsch geantwortet. Diese Diskrepanz ist keine Randnotiz, sie ist die zentrale Frage für jeden, der aktuell auf KI-Wachstumswerte setzt: Zählt operative Stärke, oder zählt nur noch, wie teuer diese Stärke erkauft wird? Der Blick nach China liefert eine zweite Antwort auf dieselbe Frage – dort verschiebt sich gerade die gesamte Wachstumsstory der Autoindustrie, während VW zulasten der Belegschaft spart.

Oracle liefert Rekordzahlen, doch die Kasse blutet

Oracle übertraf im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 die Erwartungen der Wall Street deutlich: Der Umsatz kletterte um 30 Prozent auf 19,3 Milliarden Dollar, das bereinigte Ergebnis je Aktie lag bei 1,92 Dollar gegenüber einem Konsens von 1,73 Dollar, das GAAP-Ergebnis stieg um 55 Prozent auf 1,56 Dollar. Der eigentliche Wachstumstreiber ist die Cloud-Infrastruktursparte OCI: Sie legte um 121 Prozent auf 7,4 Milliarden Dollar zu, während das gesamte Auftragsbuch auf 664 Milliarden Dollar anschwoll – ein Zuwachs von rund 26 bis 30 Milliarden Dollar allein in diesem Quartal, größtenteils neue KI-Verträge.

Der Preis dafür ist hoch. Die Investitionen summierten sich im Quartal auf 28,5 Milliarden Dollar, der freie Cashflow blieb mit minus 5,4 Milliarden Dollar erneut deutlich negativ, und die Restrukturierungskosten wurden um 700 Millionen auf inzwischen 2,8 Milliarden Dollar aufgestockt. Der Markt zog daraus einen eindeutigen Schluss: Am Freitag notierte die Aktie bei rund 129,50 Euro, 1,4 Prozent leichter als am Vortag. Gemessen am Zwölfmonatshoch von knapp 289 Euro bedeutet das ein Minus von 55 Prozent auf Jahressicht und von 22 Prozent seit Jahresbeginn. Für den Kurs wiegt die Cash-Burn-Debatte um die KI-Infrastruktur offenbar schwerer als das operative Wachstum – wer auf Oracle setzt, kauft derzeit eine Wachstumsgeschichte, deren Kosten der Markt strenger bepreist als deren Erträge.

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Auch SAP bekam die Nervosität im Softwaresektor zu spüren, wenn auch aus anderem Anlass: Ein vorsichtiger Umsatzausblick von Adobe drückte am Donnerstag die Stimmung der gesamten Branche, SAP verlor rund 2,6 Prozent. Am Freitag drehte die Aktie zwar wieder ins Plus (plus 0,8 Prozent auf 178,50 Euro), bleibt aber mit einem Minus von 15 Prozent seit Jahresbeginn klar hinter dem DAX zurück.

Nvidia tritt auf der Stelle, AMD und Infineon liefern

Im Chipsektor zeigt sich dieselbe Kluft zwischen Fundamentaldaten und Kursverlauf, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Nvidia bewegte sich am Freitag praktisch unverändert um 188 Euro und bleibt damit unter seinem Zwölfmonatshoch von 202,50 Euro von Mitte Mai; auf Monatssicht steht ein Minus von gut 3 Prozent zu Buche. Belastet hat zuletzt die Nachricht, dass das US-Justizministerium prüft, ob der rund 20-Milliarden-Dollar-Deal mit dem KI-Chip-Start-up Groq kartellrechtliche Fragen aufwirft. Goldman Sachs hält trotzdem an seinem Kursziel von 300 Dollar fest, und Piper Sandler startete die Coverage ebenfalls mit der Einstufung „Overweight“ und demselben Ziel – gestützt auf eine erwartete GPU-Preissteigerung von 25 bis 40 Prozent in diesem Jahr und eine für den Compute-Sektor prognostizierte Gewinn-Wachstumsrate von 45 Prozent jährlich bis 2030. Zusätzliche Fantasie liefert eine mögliche Investition von bis zu 10 Milliarden Dollar in den geplanten Börsengang von Anthropic, der bis zu 100 Milliarden Dollar einbringen und das Start-up mit rund 2 Billionen Dollar bewerten könnte. Nvidia-Chef Jensen Huang wies Vorwürfe der „zirkulären Finanzierung“ – Nvidia finanziere letztlich die eigenen Kunden – öffentlich zurück.

AMD zeigt sich deutlich impulsiver: Am Freitag ging es um 2,5 Prozent auf gut 445 Euro nach oben, auf Monatssicht steht ein Plus von 6 Prozent, seit Jahresbeginn sogar von 142 Prozent. Piper Sandler stufte auch AMD auf „Overweight“ mit Kursziel 600 Dollar hoch und begründet dies mit der Verbreitung von KI-Agenten als neuem Nachfragetreiber. Auch der deutsche Vertreter im KI-Rennen zeigte Stärke: Infineon sprang am Freitag um 4,5 Prozent auf 58,06 Euro. Der Kurs bleibt aber immer noch fast 8 Prozent unter dem Niveau vor einem Monat und weit entfernt vom Jahreshoch von 89,67 Euro aus dem Juni. Die Erholung ist real – die Korrektur ist es aber auch noch.

VW spart, China exportiert: zwei Geschwindigkeiten der Autoindustrie

Während der VW-Aufsichtsrat am Freitag den nach eigenen Angaben härtesten Sanierungsplan der Konzerngeschichte beschloss und intern sogar ein Worst-Case-Szenario mit einem Absatzrückgang auf nur noch 8 Millionen Fahrzeuge jährlich durchgespielt wird, liefert China das exakte Gegenbild. Im August produzierten chinesische Hersteller 1,653 Millionen Elektro- und Hybridfahrzeuge und verkauften 1,643 Millionen, ein Plus von rund 19 Prozent zum Vorjahr und ein Marktanteil von 60,6 Prozent am Heimatmarkt. Die Exporte legten von Januar bis August um 66,7 Prozent auf 7,15 Millionen Fahrzeuge zu. BYD steigerte seine Ausfuhren im August um 130,8 Prozent auf 188.746 Einheiten und liegt damit nur noch knapp hinter Branchenprimus Chery (193.069 Einheiten); nach acht Monaten hat BYD bereits 1,13 Millionen Fahrzeuge exportiert.

Für Anleger ist das kein Freifahrtschein. BYDs eigene Aktie leidet unter dem Preiskampf im Heimatmarkt und notiert trotz eines Freitagsplus von 1,2 Prozent auf 8,79 Euro weiterhin 18 Prozent im Minus seit Jahresbeginn und 24 Prozent unter dem Stand vor einem Jahr – die Exportstärke kaschiert die Probleme zu Hause nur teilweise. Strukturell bleibt der Trend aber eindeutig: Chinesische Marken kommen bereits auf einen Anteil von 8,7 Prozent am europäischen Pkw-Markt und 12,6 Prozent am europäischen E-Auto-Markt (Januar bis Juli 2026) – eine Entwicklung, die VWs Sparkurs zusätzlich erklärt.

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Während Nvidia an charttechnischen Marken kämpft und AMD sowie Infineon bereits kräftig zulegen, richten sich viele Blicke längst auf die weniger bekannten Zulieferer und Nischenanbieter der KI-Infrastruktur. Ein Spezialreport stellt vier solcher Unternehmen vor – darunter einen Nischen-Monopolisten und einen Spezialisten für Rechenkapazität und Speicherplatz. Spezialreport hier sichern

Marschroute

Das Wochenende neigt sich, doch die eigentliche Entscheidung fällt ohnehin nicht in Frankfurt, sondern in Washington. Am Dienstag und Mittwoch tagt die Fed. Nach den heißen US-Verbraucherpreisen – die Kernrate zog im Monatsvergleich um 0,3 Prozent an – preist der Markt eine Zinserhöhungswahrscheinlichkeit von rund 86 Prozent ein. Steigende Renditen träfen besonders die hoch bewerteten KI-Wachstumswerte: Nvidia notiert charttechnisch an einer Unterstützung um 215 Dollar, die es zu verteidigen gilt. Der DAX kämpft nach einem Wochenverlust von knapp 1,9 Prozent mit der Haltezone zwischen 25.100 und 25.300 Punkten; eine Rückeroberung der 50-Tage-Linie bei etwa 25.750 Zählern wäre das erste Signal einer echten Stabilisierung.

Diese Woche hat gezeigt, dass operative Stärke allein Kurse nicht mehr trägt, wenn die Kosten dafür genauso schnell wachsen wie die Umsätze – das gilt für Oracle ebenso wie für den gesamten Chipsektor. Wer in den kommenden Tagen long geht, sollte genau prüfen, ob er auf Wachstum setzt, das sich bereits rechnet, oder auf ein Versprechen, das erst noch bezahlt werden muss.

Gute Trades,

Ihr Andreas Sommer