Liebe Leserinnen und Leser,
2,2 Milliarden Dollar. So viel stellt JPMorgan Chase als Kreditverlustrückstellung bereit, um die Apple Card von Goldman Sachs zu übernehmen — mehr als 20 Milliarden Dollar an Kartensalden, verteilt über 24 Monate. Für Goldman ist es der Abschied von einem Konsumentengeschäft, das vor allem Verluste produziert hat. Für JPMorgan ein kalkuliertes Risiko. Und für Anleger ein Signal: Wer im zweiten Halbjahr 2026 nach Rendite sucht, muss genauer hinschauen als je zuvor — auf Kreditqualität, Cashflows und Bilanzdisziplin statt auf Wachstumsfantasien.
Die Fed bleibt der Taktgeber — und sie gibt keinen Takt vor
Cleveland-Fed-Präsidentin Beth Hammack hat eine mögliche Zinserhöhung in den Raum gestellt, falls die Inflation über dem 2-Prozent-Ziel verharrt. Der US-Verbraucherpreisindex lag zuletzt 2,4 Prozent über Vorjahr, die Arbeitslosenquote bei 4,4 Prozent. JPMorgan Chase rechnet für 2026 mit null Zinssenkungen und sieht eine mögliche Erhöhung 2027. Goldman Sachs und Barclays erwarten ebenfalls verzögerte Lockerungen.
Für Aktienanleger verschiebt das die Prioritäten: Zinssensitive Titel — REITs, dividendenstarke Versorger, hoch bewertete Wachstumsaktien — bleiben unter Druck, solange die Fed keinen klaren Kurs vorgibt. Wer auf Zinssenkungen wettet, braucht einen langen Atem.
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American Express: Robuste Kreditqualität, aber kein Schnäppchen
Im Kreditkartengeschäft trennt sich gerade die Spreu vom Weizen. American Express lieferte im ersten Quartal 2026 starke Zahlen: Nettozinserträge plus 13 Prozent, Nettogewinn plus 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Nettoabschreibungsrate sank auf 2,0 Prozent nach 2,1 Prozent im Vorjahresquartal, die 30-Tage-Delinquenzrate blieb stabil bei 1,3 Prozent.
Die Aktie liegt seit Jahresbeginn 8 Prozent im Minus, hat im letzten Monat aber 8 Prozent zugelegt. Bewertet wird sie mit dem 19-Fachen der erwarteten Gewinne. Der Fokus auf wohlhabendere Kunden wirkt in einem schwächeren Konsumumfeld als Puffer — aber bei einem KGV von 19 ist Kreditzyklusrisiko nicht vollständig eingepreist. Genaues Hinsehen bleibt Pflicht.
S&P Global und Adobe: Cashflow-Maschinen mit unterschiedlichen Fragezeichen
S&P Global notierte am Freitag bei 409 Dollar, Marktkapitalisierung 121,6 Milliarden Dollar. Der freie Cashflow der letzten zwölf Monate betrug 5,6 Milliarden Dollar — beeindruckend. Seit Ende Februar hat die Aktie dennoch rund 5 Prozent verloren. Der Grund: Die EPS-Prognose für das Geschäftsjahr 2026 von 19,40 bis 19,65 Dollar blieb unter der Analystenschätzung von 19,96 Dollar. Ein Qualitätswert, der seinen Preis kennt — und bei dem der Markt gerade prüft, ob die Bewertung noch zur Wachstumsdynamik passt.
Bei Adobe ist die Lage komplexer. Der Umsatz stieg im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2026 um 12 Prozent auf 6,40 Milliarden Dollar, der Non-GAAP-Gewinn je Aktie um 19 Prozent auf 6,06 Dollar. Der operative Cashflow erreichte 2,96 Milliarden Dollar. Firefly überschritt 250 Millionen Dollar ARR. Gleichzeitig tritt CEO Shantanu Narayen nach 18 Jahren ab, und die geplante Übernahme von Semrush für 1,9 Milliarden Dollar muss integriert werden. Starke Zahlen, offene Führungsfrage — wie viel der KI-Fantasie bereits eingepreist ist, entscheidet sich in den kommenden Quartalen.
Verisure und Global Ship Lease: Wiederkehrende Erlöse, unterschiedliche Risiken
Verisure meldete für Q1 2026 einen ARR von 3,533 Milliarden Euro, ein Plus von 12,2 Prozent. Der Umsatz stieg um 10,3 Prozent auf 1,019 Milliarden Euro, das bereinigte EBIT um 19,3 Prozent auf 277 Millionen Euro bei einer Marge von 27,2 Prozent. Der Free Cashflow war mit 39 Millionen Euro zum zweiten Quartal in Folge positiv. Das Kundenportfolio wuchs auf 6,3 Millionen bei einer Attrition von 7,5 Prozent.
Die Bilanz bleibt das Thema: Nettoverschuldung unter 5,0 Milliarden Euro, Leverage bei 2,8x mit Ziel 2,5x bis 2,75x zum Jahresende. Chairman Stefan Goetz räumte auf der Hauptversammlung im April ein, dass die Kursentwicklung seit der Notierung enttäuschend sei — sieht aber die operative Stärke nicht abgebildet. Klassischer Fall: überzeugendes Recurring-Revenue-Profil, aber die Verschuldung muss weiter sinken, bevor der Markt das honoriert.
In der Schifffahrt liefert Global Ship Lease ein gemischtes Bild. Rekordumsatz im Q1 2026 mit 198,1 Millionen Dollar, plus 3,7 Prozent. Aber: Der operative Gewinn sank um 24,2 Prozent auf 97,4 Millionen Dollar. Die Visibilität ist hoch — 100 Prozent Deckung für 2026, 86 Prozent für 2027, über 2 Milliarden Dollar vertraglich vereinbarte Einnahmen. Planbare Cashflows, aber Ergebnisdruck durch steigende Kosten.
Krypto-Mining: Rekordproduktion, Rekordverlust
American Bitcoin produzierte im ersten Quartal 2026 mit 817 BTC so viel wie nie zuvor. Die durchschnittlichen Mining-Kosten je BTC sanken auf 36.200 Dollar nach 46.900 Dollar im Vorquartal. Trotzdem: ein Nettoverlust von 81,8 Millionen Dollar, belastet durch Buchverluste auf digitale Assets von 117,2 Millionen Dollar infolge des Bitcoin-Preisrückgangs. Die Mining-Einnahmen fielen auf 62,1 Millionen Dollar nach 78,3 Millionen Dollar im vierten Quartal 2025. Die strategische Bitcoin-Reserve stieg auf rund 7.021 BTC — aber solange der Bitcoin-Preis unter Druck bleibt, bleibt auch das Geschäftsmodell fragil.
Was jetzt zählt
Die zweite Jahreshälfte stellt drei Fragen: Wie lange bleibt die Fed restriktiv? Welche Geschäftsmodelle profitieren von höheren Zinsen, ohne bei Kreditqualität unter Druck zu geraten? Und wo sind Cashflows verlässlich genug, um die Bewertung zu rechtfertigen?
American Express zeigt, dass Kreditqualität im Kartengeschäft möglich ist — zu einem Preis. S&P Global generiert 5,6 Milliarden Dollar freien Cashflow, kämpft aber mit der Bewertungslücke. Verisure wächst wiederkehrend, muss aber den Leverage senken. Adobe liefert Rekordzahlen in eine Führungslücke hinein. Und im Krypto-Mining zeigt sich, dass Produktionsrekorde nichts wert sind, wenn der Basiswert fällt.
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Wer in den kommenden Wochen handelt, sollte weniger auf die lauteste Story setzen — und stärker auf die Frage, ob Kapital, Cashflow und Risiko bei einem Titel tatsächlich zusammenpassen. Ich wünsche Ihnen einen schönen Rest des Wochenendes.
Herzlichst, Ihr Andreas Sommer
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