Ams Osram hat sein Sensorgeschäft an Infineon verkauft und wollte damit Schulden abbauen. Fitch sieht die Kapitalstruktur des Konzerns trotzdem deutlich kritischer als das Management selbst. Diese Lücke zwischen offizieller Zahl und Ratingagentur-Einschätzung lässt Anleger aufhorchen.
Fitch rechnet strenger als das Management
Fitch kommt für Ende 2025 auf einen EBITDA-Leverage von 6,3. Die Ratingagentur nutzt dafür eine strengere Bilanzierungsmethodik als Ams Osram selbst. Der Konzern spricht dagegen nur von einer Pro-forma-Verschuldungsquote von 2,5.
Diese Diskrepanz ist kein Zufall. Im ersten Quartal 2026 verbuchte Ams Osram einen Nettoverlust von rund 154 Millionen Euro. Analysten erwarten für das Gesamtjahr weiterhin ein negatives Ergebnis je Aktie. Erst 2027 soll der Konzern wieder schwarze Zahlen schreiben.
Simplify-Programm soll die Lücke schließen
Das Management setzt auf das Restrukturierungsprogramm „Simplify“. Bis 2028 sollen daraus jährliche Einsparungen von rund 200 Millionen Euro entstehen. Die bisherigen Verkäufe von Unternehmensteilen sollen zusammen etwa 670 Millionen Euro einbringen.
Der jüngste Baustein ist bereits umgesetzt. Zum 1. Juli 2026 schloss Ams Osram den Verkauf des nicht-optischen Sensorgeschäfts an Infineon ab und kassierte dafür 570 Millionen Euro. Das Geld soll primär dem Schuldenabbau dienen. Fitch zeigt jedoch: Die Bilanzlast ist trotz dieses Schritts noch nicht ausreichend gesunken.
Der Kurs zeigt sich unbeeindruckt
Die Aktie ignoriert die Ratingwarnung bislang komplett. Am Dienstag schloss das Papier bei 19,75 Euro, ein Plus von 9,12 Prozent auf Wochensicht. Seit Jahresbeginn hat sich der Kurs um 132,35 Prozent mehr als verdoppelt.
Vom Dezember-Tief bei 7,38 Euro hat sich die Aktie um 167,62 Prozent erholt. Zum Jahreshoch von 26,70 Euro aus dem Mai fehlen dagegen noch 26,03 Prozent. Der Titel notiert nahezu exakt auf seinem 50-Tage-Durchschnitt von 19,77 Euro. Der RSI von 49,4 signalisiert weder Überhitzung noch Ausverkauf, die annualisierte Volatilität von 96,74 Prozent zeigt aber weiterhin starke Schwankungen.
Zwei Kräfte im Wettstreit
Auf der einen Seite steht die Transformation hin zu digitaler Photonik. Wachstumschancen bei KI-Rechenzentren und Smart-Glasses-Anwendungen treiben die Fantasie der Anleger. Auf der anderen Seite steht die von Fitch attestierte hohe Verschuldung, die zur optimistischen Kursentwicklung bislang nicht passt.
In den kommenden Quartalen zeigt sich, ob Ams Osram die Lücke zwischen eigener Zielgröße und Fitch-Einschätzung schließen kann. Bis dahin bleibt der Leverage von 6,3 eine offene Rechnung, die der Kurs noch nicht eingepreist hat.
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