Ein Barrel der Nordseesorte Brent verteuerte sich am Dienstag zeitweise auf bis zu 111,05 Dollar – der höchste Stand seit fast fünf Monaten. Auslöser sind erneute Angriffe auf Tanker in der Straße von Hormus und die Furcht vor einer nachhaltigen Blockade des Seewegs. Zwar gab der Preis im Tagesverlauf wieder auf 109,74 Dollar nach, der Risikoaufschlag am Rohstoffmarkt bleibt jedoch beträchtlich.

Die Straße von Hormus gilt als zentrales Nadelöhr des weltweiten Öltransports. Teheran untermauerte zuletzt seinen Anspruch auf das Seegebiet mit der Erklärung, man habe keine andere Wahl, als die Meerenge zur eigenen Sicherheit zu kontrollieren. Mindestens 18 Tanker gerieten in den vergangenen zwei Wochen ins Visier von Attacken.

Drastischer Einbruch der Tankerströme

Die Zwischenfälle hinterlassen deutliche Spuren im Schiffsverkehr. Datenbasierte Erhebungen beziffern den täglichen Öltransport aus dem Persischen Golf zuletzt auf durchschnittlich 8,5 Millionen Barrel. Zwei Wochen zuvor passierten noch mehr als 20 Millionen Barrel täglich die Meerenge. Zuvor hatte sich das Volumen nach Angaben des US-Energieministeriums zwischenzeitlich wieder auf rund 80 Prozent des Niveaus vor Ausbruch der Kampfhandlungen erholt.

Die Hoffnung auf eine dauerhafte Entspannung hat sich damit vorerst zerschlagen. Marktbeobachter der Großbank ING verweisen darauf, dass eine verlässliche Stabilisierung der Tankerströme auf hohem Niveau zwingend nötig wäre, um die kriegsbedingte Risikoprämie am Markt abzubauen. Anzeichen dafür fehlen derzeit.

Zusätzlicher Druck auf die Förderregion

Erschwerend wirken neue Angriffe der jemenitischen Huthi-Rebellen, die unter anderem Energieanlagen und Flughäfen in Saudi-Arabien ins Visier nahmen. Am Aktienmarkt treibt das Szenario die Kurse der Produzenten nach oben: Die Anteilscheine von Shell näherten sich nach jüngsten Gewinnmitnahmen wieder ihrem bisherigen Rekordhoch an.

Solange die Attacken auf Handelsschiffe anhalten und die Durchfahrt durch die Straße von Hormus unberechenbar bleibt, rechnen Analysten von Capital Economics mit anhaltendem Aufwärtsdruck auf die Ölpreise. Eine spürbare Entlastung der Notierungen setzt voraus, dass die Lieferungen aus den Fördergebieten am Golf wieder ohne Zwischenfälle über die Seerouten abgewickelt werden können.