Sechs Monate nach Ausbruch des Iran-Kriegs zittert die Finanzwelt gleich an mehreren Fronten. Ein Ausverkauf am US-Anleihemarkt zwang das Finanzministerium zu einem beispiellosen Eingriff, während Öl- und Dieselpreise die Inflation befeuern. Anleger fragen sich: Zahlt am Ende der Dollar die Zeche für Washingtons Versuch, die Zinsen künstlich niedrig zu halten?

Der gescheiterte „Bessent Bid“

Was als Beruhigungssignal gedacht war, verpuffte binnen 24 Stunden. Am Mittwoch kündigte das US-Finanzministerium an, den Rückkauf langlaufender Anleihen mindestens zu verdoppeln – auf mindestens vier Milliarden Dollar je Operation. Finanzminister Scott Bessent legte im CNBC-Interview nach und stellte noch größere Summen in Aussicht, nachdem die Rendite der 30-jährigen US-Staatsanleihe zwischenzeitlich auf den höchsten Stand seit 2007 geklettert war.

Die Erleichterung hielt nicht lange. Bereits am Donnerstag kletterten die Renditen zurück auf 5,25 Prozent – fast dorthin, wo sie vor der Intervention standen. Analysten rechnen vor, dass die angepeilten vier Milliarden Dollar pro Rückkauf aufs Quartal hochgerechnet gerade einmal 14 Milliarden Dollar ausmachen würden. Ein Tropfen im 32-Billionen-Dollar-Markt für US-Staatsanleihen. Kein Wunder also, dass Investoren dem Manöver wenig zutrauen.

Hinzu kommt: Die Aufkäufe müssten über zusätzliche kurzfristige Schulden finanziert werden – vermutlich zu höheren Zinsen als die, die gerade aufgekauft werden. Bessent selbst räumte ein, der Markt sei „etwas zu weit vorgeprescht“, verband dies aber gleich mit dem Vorschlag eines Konsolidierungsplans unter Präsident Trump. Angesichts eines Haushaltsdefizits von über sechs Prozent des BIP und Zinszahlungen von 1,2 Billionen Dollar auf einen Schuldenberg von mittlerweile 40 Billionen Dollar wirkt dieses Versprechen wenig glaubwürdig.

Wenn der Dollar die Last trägt

Genau hier setzt die eigentliche Sorge der Devisenmärkte an. Wenn Washington nicht zulässt, dass die Zinsen ihr natürliches, markträumendes Niveau erreichen, muss die Anpassung irgendwo anders stattfinden – und das könnte der Dollar sein. „Es muss einen Preis geben“, sagt Shaun Osborne, Chefdevisenstratege bei Scotiabank. „Entweder in Form höherer Renditen, oder man bekommt ein Zugeständnis vom US-Dollar.“

Deutsche-Bank-Stratege George Saravelos zieht Parallelen zur „Operation Twist“ der Fed aus den Jahren 2011/12 und spricht von einer „sanften finanziellen Repression“. Andere relativieren: CIBC-Strategin Sarah Ying nennt es eine „Mini-Version“ früherer Dollar-Stress-Episoden, milder als der Ausverkauf im April 2025. Für sie testet nicht der Markt Washingtons Entschlossenheit – sondern Bessent testet den Markt, und der Markt schlägt zurück.

Dass Gold um mehr als drei Prozent zulegte und Bitcoin binnen zwei Tagen um 13 Prozent stieg, gilt vielen als Fieberkurve für genau diese Entwertungsängste. Auch die politische Terminierung nährt Zweifel: Mit den Midterms im Blick käme Washington ein Rückgang der Hypothekenzinsen gerade recht. Doch zu aggressives Eingreifen riskiert, die Inflation neu zu entfachen – und eine restriktivere Fed passt schlecht ins Wahlkampfjahr.

Öl, Diesel und die nächste Inflationswelle

Verschärft wird die Gemengelage durch den Iran-Krieg, der inzwischen ein halbes Jahr andauert. Die anhaltende Blockade der Straße von Hormus treibt Brent-Öl auf ein Einmonatshoch von 94,71 Dollar, mit Kurs auf die zweite deutliche Wochengewinnserie in Folge. Noch brisanter als der Rohölpreis selbst ist der Sprung bei Raffinerieprodukten: Europäischer Diesel hat sich seit Kriegsausbruch im Februar um mehr als 70 Prozent verteuert, US-Benzin um 60 Prozent. Da Raffineriekapazitäten im Nahen Osten, in Russland und Ostasien eingeschränkt sind, dürfte dieser energiegetriebene Preisdruck bestehen bleiben – und trifft mit Blick auf den kommenden Winter besonders empfindlich.

Bessent goss zusätzlich Öl ins Feuer, im übertragenen Sinne: Er kündigte „die härtesten Sanktionen der Geschichte“ gegen Iran an und will die Details am Montag auf einer Pressekonferenz vorstellen. Trump hatte zuvor von „Wirtschaftskrieg und Isolation in beispiellosem Ausmaß“ gesprochen. Teheran zeigte sich unbeeindruckt – Außenminister Abbas Araghchi warf Trump vor, damit von der wachsenden US-Verschuldung ablenken zu wollen. Auch China, größter Abnehmer iranischen Öls, lehnte die Sanktionspläne ab. Die Aussicht auf eine rasche Öffnung der Straße von Hormus rückt damit in weite Ferne.

Fed-Chef Warsh unter Zugzwang

Vor diesem nervösen Hintergrund treffen sich kommende Woche die wichtigsten Notenbankchefs der Welt in Jackson Hole. Fed-Chef Kevin Warsh steht vor einer Grundsatzentscheidung für seine Grundsatzrede: Soll er über langfristige Reformideen für die Notenbank sprechen, oder liefert er konkrete Signale zur aktuellen Zinspolitik? Bislang hat sich Warsh zurückgehalten – doch nach dem Anleihe-Beben und Bessents Interventionen dürften Investoren kaum noch Geduld für vage Andeutungen aufbringen.

Die US-Kerninflation gemessen am PCE-Index, die am Mittwoch veröffentlicht wird, dürfte den 65. Monat in Folge über dem Zwei-Prozent-Ziel der Fed liegen. Parallel liefert Nvidia am selben Tag Quartalszahlen, die als Stimmungsbarometer für die gesamte KI-Rally gelten. Nach einem holprigen Wochenverlauf für Technologiewerte wird genau beobachtet, ob die Nachfrage der großen Cloud-Anbieter die hohen Bewertungen weiter rechtfertigt.

Fazit: Getestete Glaubwürdigkeit

Ob Bessents Rückkaufprogramm, Warshs Jackson-Hole-Rede oder die Sanktionsdrohungen gegen Iran – in allen Fällen steht die Glaubwürdigkeit der handelnden Institutionen auf dem Prüfstand. Steve Englander von Standard Chartered bringt es auf den Punkt: Die Improvisationen des Finanzministeriums in illiquiden Marktecken könnten wie Panikreaktionen wirken und bei Wiederholung an Vertrauen verlieren. Die fundamentalen Fakten – starke US-Produktivität einerseits, ein wachsendes Defizit andererseits – ändern sich dadurch nicht. Die kommende Woche wird zeigen, ob die Notenbanken und das Finanzministerium diesen schmalen Grat meistern, oder ob der Dollar tatsächlich die Rechnung für Washingtons Zinspolitik übernehmen muss.