Liebe Traderinnen und Trader,

während in den Schlagzeilen weiter von der schrumpfenden deutschen Industrie die Rede ist, erzählt der DAX gerade eine andere Geschichte – zumindest in einer Ecke. Stahlwerte laufen seit Wochen im Rekordtempo, der Leitindex hat am Freitag die Marke von 25.000 Punkten zurückerobert, während ein schwedischer Halbleiter-Titel zeitgleich vorführt, wie brutal die Gegenbewegung ausfallen kann. Diese Spreizung – und die Frage, wie lange sie trägt – ist das Thema für die kommende Handelswoche, die mit der Fed-Sitzung und den Deutsche-Bank-Zahlen gleich zwei weitere Prüfsteine bereithält.

Stahl-Rally widerspricht der Deindustrialisierungs-These

Es ist paradox: Die deutsche Wirtschaft kämpft weiter mit strukturellen Bremsen – im Zeitraum Mai 2025 bis April 2026 zählte die Statistik 24.599 Unternehmensinsolvenzen, 8,3 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Und ausgerechnet die Stahlbranche, Sinnbild der schwächelnden Old Economy, liefert eine der stärksten Peer-Group-Performances des Jahres.

ThyssenKrupp schloss am Freitag bei 12,24 Euro (+2,51 Prozent zum Vortag) und liegt seit Jahresbeginn knapp 32 Prozent im Plus. Voestalpine ging bei 44,64 Euro aus dem Handel (+2,39 Prozent), ArcelorMittal bei 58,74 Euro (+1,77 Prozent am Tag). Der eigentliche Ausreißer zeigt sich auf Jahressicht: ArcelorMittal hat sich binnen zwölf Monaten mit +105,46 Prozent mehr als verdoppelt und notiert nun nur noch knapp unter dem 52-Wochen-Hoch von 62,50 Euro.

Für Trader heißt das: Die Sektorrotation ist intakt, getragen von echtem Momentum – kein reiner Strohfeuer-Effekt. Aber die Luft wird dünner, je näher ArcelorMittal an die 62,50-Euro-Marke heranläuft. Wer hier investiert ist, sollte Gewinne engmaschig absichern, statt auf den nächsten Ausbruch zu spekulieren.

Sivers Semiconductors: Der Chart hat die Story bereits abgestraft

Ganz anders das Bild bei Sivers Semiconductors. Die Aktie schloss am Freitag bei 2,80 Euro, ein Tagesminus von 6,35 Prozent – und das ist nur die Spitze. Auf 30-Tage-Sicht steht ein Kursverlust von über 60 Prozent. Zur Einordnung der Fallhöhe: Das 52-Wochen-Hoch von 10,23 Euro datiert erst vom 3. Juni dieses Jahres, das Tief von 27 Cent liegt im März.

Das ist keine gewöhnliche Korrektur, das ist ein Kursverlauf mit voller Amplitude in beide Richtungen. Für risikofreudige Trader stellt sich die Frage, ob sich hier eine Bodenbildung anbahnt oder der Wert weiter durchgereicht wird. Bei einer Marktkapitalisierung von gut einer Milliarde Euro und dieser Volatilität gilt: Wer positioniert ist, braucht enge Stopps und starke Nerven. Ein sauberes charttechnisches Kaufsignal fehlt bislang – die Momentum-Indikatoren zeigen weiter nach unten.

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Dass gerade ein Halbleiter-Titel wie Sivers so heftig durchgeschüttelt wird, ist kein Zufall – der gesamte Chip-Sektor steht derzeit unter dem Eindruck einer geopolitischen Zäsur. Genau darum geht es im Live-Webinar „TAM Chipkrieg USA vs China – Die neue NVIDIA“: Chip- und Tech-Experte Bernd Wünsche ordnet morgen um 18:00 Uhr ein, wie zwei chinesische KI-Modelle jüngst einen historischen Kurssturz bei US-Chip-Aktien auslösten und Nvidia an einem einzigen Tag rund 197 Milliarden Dollar an Börsenwert kostete – und wie Washington mit einem 100-Milliarden-Dollar-Deal mit TSMC dagegenhält. Wünsche zeigt konkret, welches Unternehmen seiner Einschätzung nach das Potenzial hat, in diesem Wettlauf zur neuen Nvidia zu werden, und warum der aktuelle Kurssturz bei etablierten Chip-Werten für aufmerksame Anleger eine besondere Ausgangslage schafft. Für alle, die wie bei Sivers Semiconductors gerade beobachten, wie schnell sich Bewertungen im Halbleitersektor verschieben können, dürfte das ein aufschlussreicher Blick hinter die Kulissen des globalen Chip-Wettrüstens sein. Jetzt zum Webinar „TAM Chipkrieg USA vs China – Die neue NVIDIA“ anmelden

Deutsche Bank vor den Zahlen: Warum ein Gewinn-Beat allein nicht reicht

Am kommenden Mittwoch, 29. Juli, legt die Deutsche Bank ihre Q2-Zahlen vor. Der Analystenkonsens erwartet ein Ergebnis je Aktie von rund 1,15 Dollar bei einem Umsatz um 9,85 Milliarden Dollar. Zur Einordnung: Im ersten Quartal hatte die Bank mit 0,97 Dollar je Aktie die Schätzungen leicht übertroffen – und die Aktie fiel trotzdem rund vier Prozent. Ein klassisches Sell-on-good-News-Muster, vor dem man sich auch diesmal in Acht nehmen sollte.

Die Aktie schloss am Freitag bei 30,50 Euro (+1,62 Prozent), liegt damit aber seit Jahresbeginn knapp acht Prozent im Minus und deutlich unter dem Januar-Hoch von 33,81 Euro. Die Zinsunsicherheit vor der Fed-Sitzung bildet die Kulisse: Solange sie anhält, bleiben Financials anfällig für Ausschläge in beide Richtungen. Die Q2-Zahlen am Mittwoch sind der konkrete Auslöser. Wer investiert ist, sollte wissen: Bei dieser Bank hat ein Beat zuletzt nicht ausgereicht, um die Aktie zu stützen. Am selben Tag berichten mit UBS und Banco Bradesco zwei weitere Schwergewichte – der 29. Juli wird damit zum Bilanz-Nadelöhr für den gesamten Finanzsektor.

Fed-Woche: Der Zinsentscheid, an dem auch Bitcoin hängt

Über allem liegt die Fed-Sitzung am 28. und 29. Juli. Für die deutsche Konjunktur bleibt der Zinspfad entscheidend – die Inflation kühlte sich im Juni auf 2,3 Prozent ab, nach 2,6 Prozent im Mai, und der BIP-Nowcast des BMWE signalisiert für das zweite Quartal nur ein zartes Wachstum von 1,0 Prozent.

Bitcoin hängt derweil unter der psychologisch wichtigen 64.000-Dollar-Marke fest, zuletzt bei rund 64.120 Dollar und auf Tagessicht gut 1,4 Prozent schwächer. Der Fear-and-Greed-Index steht bei 27 Punkten und damit klar im Angstbereich. Belastend wirkt der jüngste ETF-Abfluss: Am Donnerstag verzeichneten die Spot-Bitcoin-ETFs einen Netto-Abfluss von 225 Millionen Dollar – das Ende einer siebentägigen Zuflussserie –, davon allein 203 Millionen Dollar aus BlackRocks IBIT. Bemerkenswert ist der Gegentrend: Während aus dem Bitcoin-ETF Geld abfließt, verzeichneten die Ether-ETFs mit 26,3 Millionen Dollar wieder einen Zufluss. Der Bereich um 63.500 Dollar ist die Support-Zone, die in den kommenden Sitzungen halten muss.

Marschroute

  • ArcelorMittal / ThyssenKrupp: Sektorrotation intakt, aber ArcelorMittal nähert sich mit 58,74 Euro dem Hoch bei 62,50 Euro – Momentum mitnehmen, Gewinne aber engmaschig sichern.
  • Sivers Semiconductors: Kein Kaufsignal. Bei 2,80 Euro und minus 60 Prozent in 30 Tagen nur etwas für Zocker mit hartem Stopp – auf Stabilisierung warten.
  • Deutsche Bank: Mittwoch, 29. Juli, kommen die Q2-Zahlen. Konsens bei rund 1,15 Dollar je Aktie – Vorsicht vor dem Sell-on-good-News-Muster aus dem ersten Quartal.
  • Bitcoin: Wartet auf die Fed am 28./29. Juli. Der Kurs muss den Support um 63.500 Dollar verteidigen, während die ETF-Abflüsse auf dem Sentiment lasten.

Drei völlig unterschiedliche Charts, ein gemeinsamer Termin: Der 29. Juli entscheidet, ob die Stahl-Rally ihren zweiten Wind bekommt, ob die Deutsche Bank das Beat-Fluch-Muster durchbricht und wohin die Fed den Dollar und damit Bitcoin schickt. Der Rest des Wochenendes ist die letzte ruhige Gelegenheit, Positionsgrößen und Stopps zu überprüfen – ab Montag zählt wieder jede Kursbewegung.

Gute Trades, Ihr Andreas Sommer