Manchmal genügt ein einziges Gerücht, um Milliarden an Marktkapitalisierung verschwinden zu lassen – und ebenso schnell wieder auftauchen zu lassen. Genau das erlebten Anleger von ASML in den vergangenen Wochen. Wer den Kurs der Aktie derzeit verfolgt, sieht nicht nur ein Unternehmen, sondern ein Lehrstück über den globalen Wettlauf um Chiptechnologie – und darüber, wie nervös der Markt auf jede Erschütterung dieses Wettlaufs reagiert.

Der Schock aus Shanghai

Ende Juli sorgte ein Bericht für Unruhe: Ein staatsnahes chinesisches Unternehmen aus Shanghai habe laut Bloomberg begonnen, Immersions-DUV-Lithografiesysteme in Serie zu fertigen – jene Maschinen, mit denen sich Chips im mittleren Technologiesegment herstellen lassen. ASML lehnte eine öffentliche Stellungnahme zu den Berichten ab. Die Reaktion an der Börse fiel deutlich aus: Die Aktie schloss am Montag jenes Tages fast 6 Prozent im Minus, am Dienstag darauf rutschte sie um weiter mehr als 5 Prozent ab. China peilt laut den Berichten fünf solcher Maschinen in diesem Jahr und 20 im kommenden Jahr an – ASML selbst plant, in diesem Jahr rund 130 vergleichbare DUV-Einheiten auszuliefern. Die Dimension zeigt: Von einer echten Bedrohung des Marktanteils ist man noch weit entfernt, doch die Psychologie der Anleger reagierte trotzdem sofort.

Bank of America ordnete die Nachricht wenig später als „moderate“ Gefahr ein. Der entscheidende Punkt bleibt technologisch: ASML hält weiterhin die Monopolstellung bei extrem-ultravioletter Lithografie, jener Technologie, die für die Fertigung modernster Chips unterhalb von drei Nanometern zwingend nötig ist. Chinesische DUV-Systeme, so die Einschätzung, liegen bei Ausbeute, Zuverlässigkeit und vor allem bei der High-NA-EUV-Technologie noch Jahre zurück.

Die Antwort der Analysten

Am Montag dieser Woche kam die Gegenbewegung – und sie hatte Gewicht. Goldman Sachs nahm ASML neu in seine monatlich aktualisierte Conviction-Liste für europäische Aktien auf. Analyst Alex Duval begründete den Schritt mit einer besseren Sichtbarkeit bei Kapazitätserweiterungen, gestützt auf einen starken Auftragseingang sowohl im Logic- als auch im DRAM-Segment. Goldmans eigene Gewinnschätzungen für die Geschäftsjahre 2027 bis 2029 liegen dadurch 5 bis 18 Prozent über dem Marktkonsens. Nahezu zeitgleich kürte Bernstein ASML zu einer seiner Top-Ideen für das dritte Quartal 2026, bestätigte die Einstufung „Outperform“ und setzte ein Kursziel von 2.500 Euro. Bernstein lieferte zudem ein Argument gegen einen der zentralen Marktängste: Der Anteil Chinas am ASML-Umsatz ist im ersten Halbjahr 2026 auf 16 Prozent gesunken – ein Wert, der die Abhängigkeit von einem einzigen, politisch heiklen Markt relativiert.

Schon Mitte Juli, nach den Quartalszahlen, hatten mehrere Häuser ihre Kursziele kräftig angehoben, einige auf über 2.100 Euro. Die Zahlen selbst gaben dafür Anlass: Im zweiten Quartal erzielte ASML einen Nettoumsatz von 9,3 Milliarden Euro bei einer Bruttomarge von 54,0 Prozent und einem Nettogewinn von 2,9 Milliarden Euro. Für das dritte Quartal stellte das Unternehmen einen Umsatz zwischen 11,0 und 12,0 Milliarden Euro sowie eine Marge von 55 bis 57 Prozent in Aussicht. Die Jahresprognose für 2026 sieht nun einen Gesamtumsatz zwischen 43 und 45 Milliarden Euro vor.

Ein Monopol unter Ausbaudruck

Was bleibt hängen, wenn man den Lärm der vergangenen Wochen beiseite lässt? Vor allem eines: ASML baut aus, statt zu bremsen. Für 2027 ist eine Kapazitätserweiterung bei Low-NA-EUV- und DUV-Immersionssystemen von rund 30 Prozent gegenüber 2026 geplant, eine weitere Steigerung um denselben Umfang wird für 2028 geprüft. Firmenchef Christophe Fouquet bezeichnete den Auftragseingang im ersten Halbjahr als „außergewöhnlich stark“. Im zweiten Quartal kaufte das Unternehmen zudem eigene Aktien im Wert von rund 1,1 Milliarden Euro im Rahmen des laufenden Rückkaufprogramms 2026–2028 zurück, und am Mittwoch wurde eine Zwischendividende von 1,88 Euro je Aktie ausgezahlt. Auch ein Vorhaben mit dem Namen Terafab – ein milliardenschweres Chipfabrik-Projekt, das mit Elon Musks Tesla und SpaceX in Verbindung gebracht wird – taucht in Aussagen des ASML-Finanzchefs auf, wobei spätere Unterlagen von SpaceX klarstellten, dass es sich bislang um einen unverbindlichen Rahmen ohne finanzielle Festlegungen handelt.

An der Börse hat sich die Aktie von ihrem Tief bereits deutlich erholt: In den vergangenen sieben Handelstagen legte sie um 5,94 Prozent zu und schloss am Freitag bei 1.508,20 Euro. Vom Rekordhoch trennen das Papier aber weiterhin rund 13,72 Prozent. Die Kapazität für EUV-Maschinen der nächsten Generation gilt Medienberichten zufolge bis Ende 2027 als praktisch ausverkauft – ein Umstand, der die strukturelle Stärke des Unternehmens unterstreicht, während der Streit um chinesische Konkurrenztechnologie noch lange nicht ausgestanden sein dürfte. Die nächsten Quartalszahlen werden nach Konsensschätzungen am 14. Oktober erwartet, ein offizieller Termin steht noch aus.