ASML steht vor einer Zerreißprobe. Am 15. Juli 2026 legt der niederländische Lithografie-Konzern seine Zahlen für das zweite Quartal vor. Vorausgegangen ist eine Woche mit heftigen Kursschwankungen: Am 9. Juli brach die Aktie zeitweise um mehr als 5 Prozent ein, ausgelöst durch Margin-Call-Kaskaden an asiatischen Börsen. Am Ende des Handelstages stand dennoch ein Plus von 4,21 Prozent.
Der Konzern hält an seiner Umsatzprognose für 2026 fest, zwischen 36 und 40 Milliarden Euro. Die Aufmerksamkeit der Anleger verschiebt sich jedoch. Reine KI-Euphorie reicht nicht mehr. Gefragt sind jetzt belastbare Lieferzahlen für 2027.
Die entscheidende Schwelle: 100 Systeme
Im Zentrum der Debatte steht eine einzige Zahl: die bestätigte Lieferroadmap für Extreme-Ultraviolett-Systeme (EUV) im Jahr 2027. Analysten von Morgan Stanley nennen eine Spanne von 90 bis 100 EUV-Anlagen als kritische Schwelle. Erst wenn ASML dieses Volumen glaubhaft in Aussicht stellt, dürfte eine grundlegende Neubewertung der Aktie möglich werden.
Die Frage, die den Markt umtreibt: Tragen die aktuellen Nettobestellungen dieses Volumen? Genau das könnte am 15. Juli zur Nagelprobe werden.
Bullen-Szenario: Der Speicher-Boom treibt die Nachfrage
Für eine Fortsetzung des Aufwärtstrends sprechen gewaltige Investitionspläne der großen Speicherchip-Hersteller. Micron plant für das Geschäftsjahr 2026 Investitionen von 27 Milliarden Dollar. Samsung und SK Hynix haben zusammen Ausgaben von rund 520 Milliarden Dollar über mehrere Jahre angekündigt.
Dieser Investitionsschub hängt direkt an der Nachfrage nach KI-fähigem Speicher und fortschrittlichen Logikchips. ASML sitzt dabei an der Schaltstelle: Der Konzern hält ein vollständiges Monopol bei EUV-Lithografie und einen Marktanteil von 98,5 Prozent bei Immersionslithografie.
Die Analystenstimmung hat sich vor dem Berichtstermin spürbar aufgehellt. Bernstein hob das Kursziel jüngst von 1.971 auf 2.623 Dollar an. Begründung: ein erwarteter Anstieg der EUV-Auslieferungen auf 91 Systeme im Jahr 2027 und 113 Systeme im Jahr 2028.
Hinzu kommt die nächste Technologiegeneration. High-NA-EUV-Systeme kosten pro Stück rund 350 Millionen Euro und sollen zu einem wichtigen Umsatztreiber werden. Bis 2030 rechnen Analysten mit einem EUV-Umsatzwachstum von jährlich 30 Prozent auf 42,7 Milliarden Euro. ASML bleibt damit, wie es in Analystenkreisen heißt, die Mautstelle auf der KI-Autobahn.
Bären-Szenario: Hohe Bewertung trifft auf geopolitisches Risiko
Der Gegenpart zur Wachstumsstory ist die Bewertung. ASML notiert derzeit mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 64,71 – deutlich über dem breiten Marktdurchschnitt. Diese hohe Bewertung lässt kaum Spielraum für Enttäuschungen.
Sollten die Nettobestellungen im zweiten Quartal schwächer ausfallen als erwartet, könnte das eine scharfe Korrektur auslösen. Einige Analysten halten diese Kennzahl mittlerweile für wichtiger als den aktuellen Umsatz.
Dazu kommen externe Risiken. Handelsbarrieren und das, was manche Beobachter „Technologie-Nationalismus“ nennen, bleiben eine Belastung. Zwar gibt es Berichte, wonach China heimischen KI-Firmen begrenzten Zugang zu fortschrittlichen Chips erlauben könnte. Die bestehenden Exportkontrollen bleiben für ASMLs China-Geschäft aber eine dauerhafte Gefahr.
Der Halbleitersektor neigt zudem zu plötzlichen, liquiditätsgetriebenen Ausverkäufen. Die Margin-Call-Kaskade vom 7. und 9. Juli hat das gerade erst vorgeführt. Sollten Speicherchip-Hersteller wie Samsung ihre Zahlen verfehlen oder ihre aggressiven Investitionspläne zurückfahren, geraten ASMLs Wachstumsannahmen für 2027 unter Druck. Das aktuelle Kurs-Gewinn-Verhältnis wäre dann schwer zu rechtfertigen.
Ausblick: Zwei Szenarien für den 15. Juli
Solange ASML seine Jahresprognose für 2026 bestätigt und signalisiert, dass die Nettobestellungen ein EUV-Volumen von 90 bis 100 Systemen für 2027 stützen, dürfte die Aktie ihre aktuelle Dynamik behalten. JPMorgan rechnet für das zweite Quartal mit einem Umsatz von 8,7 Milliarden Euro – ein Plus von 13,1 Prozent zum Vorjahr – sowie einem Gewinn je Aktie von 6,67 Euro. Übertrifft ASML diese Schätzungen und liefert zugleich positive Signale zum High-NA-EUV-Rollout, wäre ein Ausbruch in Richtung der oberen Analystenziele zwischen 2.300 und 2.623 Dollar denkbar.
Zeigt der Bericht dagegen eine Stagnation bei den Nettobestellungen, oder schlägt das Management bei der Kapazitätserweiterung für 2027 einen vorsichtigeren Ton an, droht der Aktie eine Konsolidierungsphase. Ein Blick lohnt sich auch auf die Bruttomarge, die für das zweite Quartal bei rund 51,7 Prozent erwartet wird. Weicht dieser Wert deutlich ab und bleibt zugleich Unklarheit über die Liefermengen für 2027 bestehen, dürfte der Markt seinen Fokus rasch zurück auf das Risiko eines zyklischen Höhepunkts im Halbleiterausrüstungsmarkt richten.
Der nächste konkrete Prüfstein ist damit klar terminiert: der Quartalsbericht am 15. Juli 2026.
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