Ein Kursrutsch von über 20 Prozent seit dem Rekordhoch, ausgelöst von einer chinesischen Maschine, die noch nicht einmal an ASML herankommt. Klingt übertrieben? Genau das ist meine These heute: Der Markt bestraft ASML gerade für eine Bedrohung, die technologisch noch Jahre entfernt ist – und übersieht dabei den eigentlichen Fortschritt des Unternehmens.
Die Aktie fiel heute um 4,48 Prozent auf 1.394,60 Euro. Damit setzt sich eine Talfahrt fort, die den Kurs in den vergangenen 30 Tagen bereits um mehr als 15 Prozent gedrückt hat. Auslöser ist ein Name, den vor wenigen Wochen kaum jemand kannte: Aishengna Electronic Technology Group aus Shanghai.
Die China-Angst trifft einen Nerv, aber nicht das Kerngeschäft
Das staatlich unterstützte Unternehmen hat Berichten zufolge die Produktion eigener DUV-Immersionsanlagen gestartet – jener Maschinen, mit denen sich Chips im Reifenbereich fertigen lassen. Der Markt reagiert nervös. Verständlich, aber meiner Einschätzung nach überzogen.
Die chinesischen Geräte liegen bei Leistung und Zuverlässigkeit klar hinter den ASML-Systemen zurück. Trotzdem reicht die bloße Existenz eines heimischen Anbieters, um Zweifel am langfristigen China-Geschäft von ASML zu säen. Das ist der Kern der aktuellen Verkaufswelle – eine Neubewertung der Zukunftsaussichten, nicht ein akutes operatives Problem.
Interessant wird es beim Blick auf die Charttechnik. Mit einem RSI von 36,9 nähert sich die Aktie überverkauftem Terrain. Der aktuelle Kurs liegt nur noch knapp über dem 100-Tage-Durchschnitt von 1.377,35 Euro – für mich ein Bereich, in dem institutionelle Käufer historisch gerne zugreifen.
High-NA: Der eigentliche Wendepunkt bleibt unterbelichtet
Während sich alle auf die chinesische Konkurrenz stürzen, hat ASML im Hintergrund einen echten Meilenstein erreicht. Mitte Juli bestätigte das Unternehmen: Intel Foundry hat die Hochvolumenfertigung mit den neuen High-NA-EUV-Systemen aufgenommen.
Wichtig ist die Einschränkung. Der Einsatz beschränkt sich vorerst auf einen Teil der „Panther Lake“-Prozessoren auf dem Intel-18A-Knoten. Kein kompletter Plattformwechsel also, sondern ein gezielter Einsatz für bestimmte Schichten, die parallel auch mit klassischen EUV-Systemen qualifiziert wurden.
ASML selbst nennt das einen „Reifegrad-Meilenstein“. Die Formulierung ist bewusst zurückhaltend: Die Technologie funktioniert nun in der Produktion, ist aber noch nicht reif für den branchenweiten Masseneinsatz. Für mich heißt das: Der finanzielle Effekt von High-NA wird sich über mehrere Jahre aufbauen, kein Strohfeuer, sondern eine langsame, aber stetige Einnahmequelle.
Mein Fazit: Sentiment schlägt Fundamentaldaten – vorerst
Die Zahlen relativieren die Aufregung. Auf Zwölfmonatssicht steht ASML immer noch mit 121,82 Prozent im Plus. Bei einer Marktkapitalisierung von 600,35 Milliarden Euro bleibt der Konzern der Torwächter für Chips unterhalb von zwei Nanometern – daran ändert eine chinesische DUV-Anlage im Reifenbereich nichts.
Mein Urteil: Die „China-Bedrohung“ belastet aktuell mehr die Stimmung als die Fundamentaldaten. Gleichzeitig bestätigt der schrittweise, aber erfolgreiche Weg von High-NA zur Marktreife die Sonderstellung von ASML im KI-Zeitalter. Wer über den geopolitischen Lärm hinwegblickt, sieht in der Nähe zum 100-Tage-Durchschnitt eher eine Stabilisierung als den Anfang eines fundamentalen Bruchs.
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