ASML hat gerade wieder einmal die eigenen Prognosen übertroffen und die Jahresziele für 2026 zum zweiten Mal angehoben. Trotzdem klebt die Aktie zehn Prozent unter ihrem Rekordhoch vom 30. Juni. Diese Lücke zwischen starken Zahlen und schwachem Kurs erklärt sich nicht aus der Bilanz — sie erklärt sich aus Washington.
Ein Monopol, das Washington nicht in Ruhe lässt
Jahrelang ruhte die Investmentthese für ASML auf einer fast langweiligen Gewissheit: Niemand sonst auf der Welt kann EUV-Lithografiemaschinen bauen, und die US-Exportkontrollen halten Chinas Zugriff auf diese Technologie fern. Diese Gewissheit wackelt gerade.
US-Handelsminister Howard Lutnick hat gegenüber ASML-Führungskräften Bedenken geäußert. Sein Verdacht: Eines der hochsensiblen EUV-Systeme könnte in China gelandet sein — ein Vorwurf, der seit Juni kursiert und diesen Monat weiter nachhallt. Sollte sich das bestätigen, wäre es ein massiver Bruch der Exportregeln, die EUV-Verkäufe nach China seit der ersten Trump-Administration verbieten.
ASML hat darauf ungewöhnlich energisch reagiert — für ein Unternehmen, das sonst eher zurückhaltend auftritt. Der Konzern verfasste ein Dokument mit dem Titel „No indication of any ASML EUV System in China“ und verteilte es in Washington. Die Kernaussage: 314 EUV-Maschinen sind weltweit im Einsatz, 26 wurden stillgelegt — keine einzige in China. Zusätzlich verweist ASML auf die schiere physische Unmöglichkeit eines heimlichen Transfers: Die größten Systeme sind so groß wie ein Schulbus, wiegen 180 Tonnen und brauchen laufende Wartung durch eigene ASML-Mitarbeiter.
Kann eine Exportkontrolle, die eigentlich das Monopol schützen soll, am Ende selbst zum politischen Risiko für dieses Monopol werden? Genau das scheint gerade zu passieren. Parallel zur Lutnick-Episode arbeitet der US-Kongress an einem parteiübergreifenden Gesetzentwurf, der ASML auch den Export weniger sensibler DUV-Anlagen nach China verbieten würde. Das ist kein Randgeschäft: ASML rechnet für 2026 mit rund 20 Prozent seines Umsatzes aus bereits genehmigten China-Verkäufen. Jede Einschränkung dieses Anteils kostet echten, wiederkehrenden Umsatz — keine hypothetische Größe.
Warum der Markt weiter zögert
Am operativen Geschäft liegt es nicht. Die Quartalszahlen dieser Woche lagen erneut über der eigenen Guidance. Trotzdem zeigt der Chart eher Zögern als Überzeugung.
Die Aktie hat seit Jahresbeginn 58,66 Prozent zugelegt — eine außergewöhnliche Rally. Gleichzeitig steht sie 3,84 Prozent tiefer als vor 30 Tagen. Diese Kombination aus starkem Jahresverlauf und schwachem Monat ist der Fingerabdruck eines Marktes, der an die KI-getriebene Nachfrage glaubt, aber das Kopfrisiko aus Washington einpreist. Der RSI von 50,7 signalisiert weder Überkauft- noch Überverkauft-Zustand. Der Markt wartet auf Klarheit, statt sich in eine Richtung zu committen.
Das größere Bild
ASMLs Marktkapitalisierung von rund 600 Milliarden Euro basiert auf einer einfachen Prämisse: Der EUV-Flaschenhals ist unangreifbar, technisch wie geopolitisch. Die Lutnick-Episode ändert an der Technologie nichts. Sie sät aber einen Zweifel, der für einen Monopolisten schwerer wiegt als jede Konkurrenzsorge — nämlich ob der regulatorische Schutzwall selbst zur politischen Angriffsfläche werden kann.
Investoren haben ASML für seine Exklusivität lange fürstlich belohnt. Genau diese Exklusivität macht den Konzern jetzt aber auch zum bevorzugten Ziel für Politiker, die neue Linien um die strategisch wichtigste Maschine der Welt ziehen wollen. Wie der Kongress mit dem DUV-Gesetzentwurf verfährt und ob sich der China-Verdacht um das EUV-System entkräften lässt, dürfte in den kommenden Wochen darüber entscheiden, ob die Aktie ihr Rekordhoch vom 30. Juni zurückerobert — oder ob die Zehn-Prozent-Lücke zur neuen Normalität wird.
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