Liebe Leserinnen und Leser,
die Indizes starten gelassen in den Juni. Bewertungen nahe dem Zehnjahresschnitt, drei eingepreiste Zinssenkungen bei Fed und EZB, moderate Gewinnerwartungen — alles aufgeräumt, alles eingepreist. Doch wer nur auf den DAX schaut, verpasst die eigentliche Geschichte. Sie spielt eine Etage tiefer: bei Unternehmen mit 0,5 bis 2 Millionen Euro Umsatz, wo die Ausfallquote laut Creditreform erstmals seit der Finanzkrise über die Zwei-Prozent-Marke klettern dürfte. Wer Mittelstandsanleihen hält oder regionale Banken im Depot hat, sollte diese Woche genauer hinsehen als auf den nächsten EZB-Termin.
Drei Zinssenkungen, 4,1 Prozent Inflationserwartung — passt das zusammen?
Der Konsens ist klar: Sowohl die EZB als auch die Fed sollen in diesem Jahr jeweils drei Mal um 25 Basispunkte senken. Anleger arbeiten mit dieser Annahme, Portfolios sind danach positioniert. Gleichzeitig liefert die Universität Michigan eine Zahl, die diesen Konsens untergräbt: US-Konsumenten erwarten langfristig eine Inflation von 4,1 Prozent — der höchste Wert seit 30 Jahren.
Das ist die unbequemste Rechnung dieses Sommers. Notenbanken können Zinsen senken, solange die Inflationserwartungen verankert bleiben. Lösen sie sich, wird jede Lockerung zum Glaubwürdigkeitsrisiko. Am Bundesanleihenmarkt spiegelt sich die Unsicherheit: Die Rendite zehnjähriger Bunds war zwischenzeitlich bis auf 2,9 Prozent gestiegen und notiert zuletzt bei 2,59 Prozent. Spängler Asset Management fährt eine leicht untergewichtete Aktienquote, setzt bei Anleihen auf mittlere Laufzeiten in bester Bonität und hat High Yield reduziert. Gold — plus 50 Prozent seit Vorjahresbeginn, plus 11 Prozent seit Jahresbeginn 2025 in Euro — bleibt der Gradmesser dafür, wie ernst der Markt das Inflationsthema nimmt.
Während Notenbanken zwischen Zinssenkung und Inflationsbekämpfung lavieren, kaufen Zentralbanken weltweit Gold in Rekordmengen — und senden damit ein klares Signal. Was das für Privatanleger bedeutet und wie auch Einsteiger vom nächsten Gold-Boom profitieren können, zeigt dieser kostenlose Report. Gold-Report jetzt kostenlos herunterladen
Creditreform-Studie: 2,08 Prozent Ausfallrate für 2026 — und eine brutale Spreizung nach Größe
Die „Default Study 2026″ von Creditreform Ratings liefert die Zahlen, die hinter der moderaten Wachstumserzählung stehen: Die empirische Ausfallrate deutscher Unternehmen stieg 2025 auf 1,88 Prozent. Für 2026 wird ein Anstieg auf 2,08 Prozent prognostiziert — erstmals über zwei Prozent seit der Finanzkrise. Das reale BIP-Wachstum 2025 lag bei 0,2 Prozent; für 2026 erwartet Creditreform 1,1 Prozent, für 2027 dann 1,5 Prozent.
Die Granularität macht die Studie wertvoll. Der klassische Mittelstand (0,5 bis 2 Millionen Euro Umsatz) trägt eine Ausfallquote von 2,06 Prozent. Große Unternehmen über 250 Millionen Euro Umsatz bleiben bei stabilen 0,36 Prozent. Junge Firmen zwischen zwei und fünf Jahren fallen mit 3,66 Prozent am häufigsten aus. Branchenseitig stechen Verkehr und Logistik mit 3,58 Prozent sowie das Baugewerbe mit 2,37 Prozent hervor — beide deutlich über Vorkrisenniveau. Regional führt Berlin mit 3,04 Prozent die Negativliste an, die stärksten Anstiege kommen aus Bremen und Nordrhein-Westfalen. Für Anleger in Mittelstandsanleihen oder regionalen Bankaktien sind das keine abstrakten Statistiken, sondern direkte Risikoparameter.
DAX-Pensionslücke wächst auf 191 Milliarden Euro
Eine Zahl, die selten Schlagzeilen macht, aber Bilanzen verändert: Die Pensionsverpflichtungen der DAX-Konzerne stiegen im zweiten Quartal laut Willis Towers Watson um 7 Prozent auf 428,8 Milliarden Euro. Das Planvermögen wuchs nur um 0,4 Prozent auf 237 Milliarden Euro — der Ausfinanzierungsgrad rutschte auf 55,3 Prozent, ein Minus von 3,5 Punkten gegenüber März. Im MDAX sieht es mit 41,5 Prozent noch dünner aus.
Der Mechanismus ist simpel und für Aktienanleger relevant: Sinkende Zinsen entlasten die Refinanzierung, blähen aber die Pensionsverbindlichkeiten auf. Der Rechnungszins fiel im Q2 um 42 Basispunkte auf 1,70 Prozent, nach bereits minus 38 Basispunkten im Q1. Wer die drei eingepreisten Zinssenkungen durchrechnet, sieht, wohin die Reise geht — die Pensionslücke wird größer, nicht kleiner. Das drückt auf das Eigenkapital und begrenzt den Spielraum für Dividendenerhöhungen und Aktienrückkäufe.
Easyjet: 26 Tage bis zur Entscheidung
Die US-Investmentgesellschaft Castlelake prüft eine Übernahme von Easyjet, hat 16,2 Millionen Aktien (2,1 Prozent) erworben und muss bis zum 26. Juni ein formelles Angebot vorlegen. Die Aktie sprang zeitweise um 11 Prozent, das Management lehnte ab. Der Börsenwert von 3,3 Milliarden Pfund spiegelt einen Kursverfall von knapp einem Drittel in zwölf Monaten — getrieben vor allem durch den Kerosinpreisschock nach dem Irankrieg.
Die Ausgangslage ist schwierig: Easyjet meldete einen Rekordverlust von 552 Millionen Pfund im Winter, 40 Prozent mehr als im Vorjahr, gab keine Gewinnprognose für 2025/26 ab und schied im März aus dem FTSE 100 aus. Mit 356 Maschinen ist die Flotte substanziell, aber die EU-Regelung zum Mehrheitsbesitz durch EU-Bürger und der 15-Prozent-Anteil der Gründerfamilie Haji-Ioannou machen eine feindliche Übernahme komplex. Für Trader ist das ein definierter Zeitrahmen mit klarem Auslöser — die nächsten 26 Tage werden Volatilität liefern.
Draghis Karlspreis und ein stilles EuG-Urteil mit Cashflow-Wirkung
Mario Draghi erhält den Karlspreis 2026 — und sein 400-Seiten-Report zur europäischen Wettbewerbsschwäche aus dem Herbst 2024 liest sich inzwischen wie eine Selbstdiagnose für Deutschland. Wachstum unter 0,9 Prozent pro Jahr im Zehnjahresvergleich, während die USA fast 30 Prozent zulegten. 4.000 sanierungsbedürftige Autobahnbrücken. Draghis Regel „eine neue Vorschrift, zwei alte streichen“ bleibt eine gute Idee ohne Umsetzung.
Konkreter wirkt ein Urteil, das kaum jemand bemerkt hat: Das Europäische Gericht erlaubt seit dem 11. Februar 2026 (Rs. T-689/24) den Vorsteuerabzug bereits im Leistungsmonat, sofern die Rechnung vor Abgabe der Steuererklärung vorliegt. Für börsennotierte Unternehmen mit hohen monatlichen Vorsteuervolumina bedeutet das einen Cashflow-Vorteil von bis zu einem Monat und Zinsvorteile für zurückliegende Jahre. Kein spektakulärer Bilanzeffekt, aber ein realer — und einer, den CFOs jetzt in ihrer Buchhaltungslogik umsetzen sollten.
Was diese Woche zählt
Die Leitfrage lautet nicht, ob die nächste Zinssenkung kommt, sondern ob drei Zinssenkungen mit 4,1 Prozent Inflationserwartung vereinbar bleiben. Die Spängler-Positionierung — Aktien leicht unter, Anleihen mittlere Laufzeit, High Yield reduziert — ist defensiv, nicht pessimistisch. Im Mittelstand liefert Creditreform die Erinnerung, dass moderate Makrozahlen bei kleineren Unternehmen härter ankommen als in den Indizes sichtbar. Und bei Easyjet tickt die Uhr bis zum 26. Juni. Genug Stoff für einen Monat, der ruhig beginnt — aber selten so bleibt.
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Herzlichst, Ihr Andreas Sommer


