Zwei Welten, ein Index: Während Commerzbank und Deutsche Bank auf Mehrjahreshochs klettern, reißt der Ausschluss von Volkswagen aus einem wichtigen europäischen Leitindex die Autobranche weiter nach unten. Der DAX selbst kämpft mit hohen Ölpreisen und steigenden Anleiherenditen. Die Gräben zwischen den Sektoren werden dabei von Tag zu Tag tiefer.

Der September zeigt sich bislang von seiner unrühmlichen Seite als traditionell schwacher Börsenmonat. Innerhalb des Leitindex geht die Entwicklung jedoch komplett auseinander: Banken profitieren von einer positiven Analystenstimmung und Zinsfantasie, während Automobilwerte unter erheblichem Verkaufsdruck stehen. Halbleiterwerte wie Infineon bewegen sich irgendwo dazwischen – getragen von langfristigem Optimismus, aber belastet von kurzfristigen Rücksetzern.

Deutsche Bank: Goldman Sachs sieht „Ära höherer Profitabilität“

Die Deutsche Bank zählt mit einem Kursplus von 1,8 Prozent zu den Tagesgewinnern und steigt auf 34,83 Euro – ein neues Mehrjahreshoch. Auslöser ist eine Hochstufung durch Goldman Sachs, die das Rating von „Neutral“ auf „Buy“ anhebt.

Das Kursziel wandert dabei von 37,00 auf 43,75 Euro nach oben. Analyst Chris Hallam begründet den Schritt bemerkenswert offensiv: Die Bank starte eine „Ära höherer Profitabilität“, getragen von höherer Ertragsdynamik und operativem Hebel.

Besonders bemerkenswert ist die fundamentale Argumentation. Ein zunehmend günstiges heimisches Umfeld – mit Infrastrukturinvestitionen und Wachstumschancen in Verteidigung und IT-Dienstleistungen – stärke die makroökonomischen Aussichten für den Finanzkonzern. Bis Ende 2026 soll die harte Kernkapitalquote über 14 Prozent liegen, was der Bank ab 2027 die Wahl lässt, entweder Wachstum zu beschleunigen oder Ausschüttungen zu erhöhen.

Im Jahresverlauf steht bei der Aktie ein Plus von 4,7 Prozent, auf Zwölfmonatssicht sind es 17 Prozent. Der europäische Bankensektor insgesamt hat im gleichen Zeitraum deutlich stärker zugelegt – für die Deutsche Bank bleibt damit trotz des positiven Analystenvotums Aufholpotenzial im Branchenvergleich.

Commerzbank: Zinsfantasie und Übernahmespekulation treiben den Kurs

Die Commerzbank legt um 2,2 Prozent auf 40,57 Euro zu und nähert sich damit erneut ihrem 52-Wochenhoch von 41,00 Euro, das sie erst Ende August markierte. Die Bewegung ist eng mit der allgemeinen Stärke des europäischen Bankensektors verknüpft, verstärkt durch die positive Neubewertung der Deutschen Bank.

Beide deutschen Großbanken profitieren vom selben makroökonomischen Umfeld: einer verbesserten Zinsstruktur sowie der Aussicht auf stärkere Infrastruktur- und Verteidigungsinvestitionen, die das Kreditgeschäft beleben dürften. Hinzu kommt ein struktureller Faktor: Die italienische UniCredit hält weiterhin einen bedeutenden Anteil an der Commerzbank, was Marktteilnehmer immer wieder zu spekulativen Käufen veranlasst.

Seit Jahresbeginn steht bei der Aktie ein Plus von 12 Prozent, binnen zwölf Monaten hat sich der Kurs um 25 Prozent verteuert. Ein Großteil dieser Bewegung geht auf sektorweite Neubewertungen zurück, nicht auf unternehmensspezifische Einzelnachrichten – die Rally bleibt damit auch von der Fortsetzung des positiven Branchentrends abhängig.

Infineon: Halbleiter-Branche bleibt gefragt, doch der Weg zum Rekordhoch ist weit

Infineon gewinnt heute 0,7 Prozent und steigt auf 55,79 Euro. Der Münchner Chiphersteller profitiert von einer grundsätzlich positiven Grundstimmung im globalen Halbleitersektor, der zuletzt vor allem von KI-bedingter Nachfrage getragen wurde.

Besonders das Geschäft mit Leistungshalbleitern für die Stromversorgung von Rechenzentren sorgt derzeit für Fantasie. Auch im Automotive-Bereich und in der Industriesparte spürt der Konzern Rückenwind.

Vom Rekordhoch ist die Aktie trotz allem noch deutlich entfernt: Sie notiert rund 38 Prozent unter ihrem 52-Wochenhoch, nachdem sie allein im vergangenen Monat etwa 10 Prozent verloren hat. Seit Jahresbeginn steht dennoch ein Plus von 48 Prozent, auf Zwölfmonatssicht sogar von 67 Prozent – der Titel bleibt damit ein Gradmesser für die Stimmung im gesamten Technologiesektor.

Volkswagen: Rauswurf aus dem Euro Stoxx 50 verschärft die Krise

Volkswagen verzeichnet mit einem Rückgang von 3,6 Prozent auf 73,66 Euro den größten Tagesverlust im DAX. Seit Jahresbeginn hat der Titel bereits knapp 29 Prozent verloren. Der Auslöser für den heutigen Rutsch ist unmittelbar erkennbar: Der Indexanbieter Stoxx wirft Volkswagen aus dem Euro Stoxx 50, während Nokia aufsteigt.

Ab dem 21. September müssen alle Fonds, die den Index nachbilden, ihre Volkswagen-Aktien verkaufen und dafür Nokia kaufen. Diese technische Belastung durch erzwungene Fondsverkäufe trifft auf einen Konzern, der bereits mit erheblichen strukturellen Problemen kämpft.

Konzernchef Oliver Blume machte die Ernsthaftigkeit der Lage zuletzt selbst deutlich: „Die Lage ist mehr als kritisch“, sagte er zum Auftakt mehrerer Betriebsversammlungen. Der Vorstand hat sich offenbar einstimmig dazu entschlossen, vier deutsche Werke – in Neckarsulm, Emden, Zwickau und Hannover – zwischen 2031 und 2034 durch Leerlaufen der Produktion zu schließen.

Die operativen Zahlen untermauern die Anlegersorgen. Das operative Ergebnis sank im zweiten Quartal um rund zehn Prozent auf 3,47 Milliarden Euro. Beim Nettogewinn verdiente der Konzern mit 1,54 Milliarden Euro rund ein Drittel weniger als im Vorjahresquartal – deutlich unter der Analystenerwartung von 2,35 Milliarden Euro.

Porsche SE: Abschreibungen auf die VW-Beteiligung belasten die Holding

Die Porsche Automobil Holding SE verliert 2,7 Prozent auf 27,39 Euro und wird damit unmittelbar vom Kursrückgang ihrer Kernbeteiligung Volkswagen erfasst. Die Holding bietet selbst keine eigenen Produkte an, sondern bündelt und steuert Beteiligungen im Automobilsektor als einflussreicher Ankeraktionär von VW.

Diese enge Verknüpfung bedeutet, dass jede negative Entwicklung bei Volkswagen mit einem Hebel auf die Holding durchschlägt. Für das erste Halbjahr wies Porsche SE einen Verlust nach Steuern von 2,22 Milliarden Euro aus, nach einem Gewinn von 338 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Ausschlaggebend waren Abschreibungen auf den Buchwert der VW-Beteiligung in Höhe von 3,0 Milliarden Euro.

Seit Jahresbeginn steht bei der Aktie ein Minus von 31 Prozent, auf Zwölfmonatssicht sind es 24 Prozent. Solange Volkswagen mit Werksschließungen, Absatzproblemen in China und dem nun bevorstehenden Indexausschluss kämpft, dürfte auch die Holding kaum eigenständigen Boden unter den Füßen finden.

Scout24: Gewinnmitnahmen nach starkem Lauf

Scout24 gibt 2,2 Prozent auf 76,60 Euro ab und zählt damit zu den schwächeren Werten im DAX. Der Betreiber der Plattformen ImmoScout24 und AutoScout24 zeigte sich operativ zuletzt durchaus robust, kämpft aber immer wieder mit Bewertungsfragen und schwankender Anlegerstimmung.

Fundamental steht das Unternehmen grundsätzlich gut da. Zukäufe in Spanien und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz trieben das Wachstum an, der Umsatz kletterte im Vergleich zum Vorjahr um ein Fünftel auf fast 193 Millionen Euro. Analysten verwiesen zuletzt allerdings darauf, dass die Zahl privater Nutzer der Plattformen hinter der Markterwartung zurückgeblieben sei.

Auf Wochensicht hat der Kurs bereits 4,4 Prozent verloren, seit Jahresbeginn sind es 11 Prozent. Seit dem Allzeithoch von Sommer 2025 bei über 120 Euro hat sich der Kurs nahezu halbiert – ein Teil der Skepsis geht auf sektorweite Sorgen zurück, wonach Künstliche Intelligenz klassische Vermittlungsplattformen künftig überflüssig machen könnte.

Sektordynamik im Überblick

  • Banken im Aufwind: Commerzbank und Deutsche Bank profitieren von Zinserwartungen, Kapitalrückführungsfantasien und einer positiven Analystenstimmung.
  • Autowerte unter Druck: Volkswagen und Porsche SE leiden unter strukturellen Problemen, chinesischer Konkurrenz und dem bevorstehenden Indexausschluss.
  • Halbleiter zwiegespalten: Infineon bleibt auf Jahressicht stark, notiert aber deutlich unter dem Rekordhoch.
  • Immobilienplattform in der Zwickmühle: Scout24 zeigt operative Stärke, bleibt aber bewertungssensitiv.

Rotation zwischen Banken und Autowerten dürfte anhalten

Der heutige Handelstag verdeutlicht eine klare Zweiteilung im DAX. Finanzwerte profitieren von strukturell verbesserten Ertragsaussichten, während die deutschen Automobilwerte weiter unter Druck geraten. Die VW-Krise mit Werksschließungen, chinesischem Wettbewerbsdruck und dem Rauswurf aus dem Euro Stoxx 50 dürfte die Branche noch länger belasten und strahlt über die Beteiligungsstruktur unmittelbar auf Porsche SE aus.

Für Anleger bedeutet das: Die Sektorrotation hin zu Bankaktien könnte sich fortsetzen, solange die fundamentalen Argumente – wie sie Goldman Sachs für die Deutsche Bank formuliert hat – Bestand haben. Der 21. September mit dem endgültigen VW-Ausschluss aus dem Euro Stoxx 50 dürfte für die Automobilwerte ein weiterer wichtiger Termin werden. Ob Infineon und Scout24 aus ihrer Zwischenposition herausfinden, hängt vor allem davon ab, wie sich die Stimmung im Technologiesektor und bei wachstumssensiblen Bewertungen in den kommenden Wochen entwickelt.