Liebe Traderinnen und Trader,

drei Geschichten liefen in dieser Woche parallel, und sie erzählen dieselbe Lektion aus drei verschiedenen Blickwinkeln: Wo echtes Kapital fließt, steigen Kurse. Wo nur Erwartungen gehandelt werden, reichen selbst gute Nachrichten nicht mehr. Und wo eine Bilanz plötzlich Milliarden an Abschreibungen offenbart, zieht das eine ganze Branche mit nach unten. Bitcoin katapultierte sich trotz eines gescheiterten US-Regulierungsgesetzes über die 80.000-Dollar-Marke. SAP hält seine Bewertung, während der US-Rivale Salesforce trotz prominenter Unterstützung Kurs verliert. Und Volkswagen hat mit einer Gewinnwarnung nicht nur die eigene Aktie, sondern die gesamte deutsche Autoindustrie an der Börse belastet.

Krypto: Der Short-Squeeze, der die CLARITY-Enttäuschung wegwischte

Eigentlich hätte es für Bitcoin schlecht laufen müssen. Am 15. September scheiterte der US-Senat an der Cloture-Abstimmung zum CLARITY Act zur Krypto-Regulierung, mit 49 zu 50 Stimmen knapp unter der nötigen 60-Stimmen-Hürde. Stattdessen sprang Bitcoin binnen weniger Tage auf 81.613 Dollar, ein Tagesplus von knapp 7 Prozent und ein Zuwachs von 18 Prozent auf Monatssicht. Der Auslöser war ein klassischer Short-Squeeze: Allein binnen 24 Stunden wurden Positionen im Volumen von 613,7 Millionen Dollar zwangsliquidiert, davon 536 Millionen auf der Short-Seite. Parallel flossen den Spot-Bitcoin-ETFs an zwei Handelstagen in Folge frisches Geld zu, 159 Millionen Dollar am Donnerstag, 433 Millionen am Freitag. Für Trader heißt das: Diese Rally ist nicht nur Stimmung, sondern wird von echtem Kapitalfluss getragen.

Der eigentlich interessante Teil spielt sich bei den Altcoins ab, die das Nachholpotenzial gegenüber Bitcoin gerade technisch abarbeiten. XRP sprang um 10 Prozent auf 1,43 Dollar, nachdem die US-Terminmarktaufsicht CFTC einen Regelentwurf zur Prüfung ans Weiße Haus geschickt hat, ein Baustein, der genau die regulatorische Lücke schließen könnte, an der CLARITY gescheitert ist. Worldcoin legte nach dem Start der World Money App in über 150 Ländern um 11 Prozent zu; die auf WLD spezialisierte Beteiligungsgesellschaft Eightco Holdings hält mittlerweile 302 Millionen WLD im Gegenwert von rund 380 Millionen Dollar und wirkt damit wie ein gehebelter Wetteinsatz auf den Coin. Internet Computer stieg um 8,8 Prozent auf eine Marktkapitalisierung von über 6 Milliarden Dollar, ganz ohne konkreten Anlass wie ein Protokoll-Update, reine Sogwirkung der Gesamtrally. Vorsicht ist dagegen bei LayerZero geboten: Der Coin gewann zwar 5,8 Prozent, doch am 20. September werden 26 Millionen ZRO-Token freigeschaltet, etwa 7,2 Prozent des Umlaufangebots, ein Angebotsschub, der die Rally schnell wieder einfangen kann.

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SAP hält die Bewertung, Salesforce verliert trotz Starbesetzung

Während sich US-Softwarewerte im Sog der Zinsdebatte schwertun, zeigt SAP relative Stabilität. Der Konzern kaufte in der Woche vom 14. bis 18. September weitere 50.000 eigene Aktien zu einem Durchschnittskurs von 185,57 Euro zurück, das Gesamtvolumen des laufenden Rückkaufprogramms liegt inzwischen bei 8.305.886 Aktien. Berenberg bestätigte am Freitag die Kaufempfehlung mit Kursziel 205 Euro und verweist auf eine erwartete robuste Berichtssaison mit positiven Signalen für 2027, Jefferies sieht sogar 210 Euro als Ziel. Untermauert wird der Optimismus vom operativen Geschäft: Der Cloud-Umsatz legte im zweiten Quartal um 22 Prozent auf 6,3 Milliarden Euro zu, ergänzt durch die im Juli abgeschlossene Übernahme von Prior Labs und Dremio.

Der Kontrast zu Salesforce könnte kaum größer sein. Auf der Dreamforce-Konferenz ließ sich der Konzern von KI-Prominenz wie Sam Altman, Jensen Huang und Dario Amodei flankieren und bekräftigte sein Umsatzziel von über 63 Milliarden Dollar für das Geschäftsjahr 2030, deutlich über dem bisherigen Analystenkonsens von 59,2 Milliarden Dollar. Trotzdem gab die Aktie nach, obwohl JPMorgan ein Kursziel von 265 Dollar und Stifel sogar 275 Dollar ausgerufen haben. Das ist die eigentliche Lektion dieser Woche für Softwareanleger: Gute Nachrichten reichen nicht mehr automatisch für steigende Kurse, wenn die Bewertung bereits hohe Erwartungen einpreist. SAP dagegen wird für seine vergleichsweise konservative Historie und den laufenden Rückkauf mit stabilerem Vertrauen belohnt.

Volkswagen kappt die Prognose, Porsche-Abschreibung reißt den ganzen Sektor mit

Die dominante Einzelstory der Woche kam aus Wolfsburg. Volkswagen senkte die Prognose für die operative Umsatzrendite 2026 auf nur noch 1 Prozent, zuvor standen 4,0 bis 5,5 Prozent in Aussicht. Der Umsatz soll bei 315 Milliarden Euro landen, rund 7 Milliarden Euro unter dem Vorjahr. Ursache sind Sonderbelastungen von rund 10 Milliarden Euro, darunter allein 6 Milliarden Euro Abschreibung auf die Porsche-Beteiligung im dritten Quartal sowie weitere Kosten für Restrukturierung und die China-Schwäche. Auch die Porsche SE musste ihre eigene Konzernergebnis-Prognose kappen, auf eine Spanne zwischen minus 0,5 und plus 1,5 Milliarden Euro, jeweils 2 Milliarden Euro unter der bisherigen Erwartung. Die Porsche-Vorzugsaktie schloss 2,9 Prozent leichter, die Porsche SE-Aktie büßte sogar 5,8 Prozent ein und nähert sich damit ihrem Jahrestief.

Der Abverkauf blieb nicht auf Stuttgart und Wolfsburg beschränkt: BMW gab 3,3 Prozent nach, Mercedes-Benz 3,0 Prozent, Continental 3,9 Prozent. Für Anleger mit Autowerten im Depot heißt das: Die Porsche-Problematik ist keine Randnotiz mehr, sondern ein Belastungsfaktor für den gesamten deutschen Autosektor, der auch technisch unbeteiligte Titel unter Druck setzt.

Chips: Infineon und Siltronic trotzen dem Ausverkauf

Inmitten des schwachen Verfallstags stachen Infineon und Siltronic positiv heraus. Infineon gewann 2,4 Prozent, nachdem bekannt wurde, dass der Konzern seine Speicherchip-Sparte für 1,12 Milliarden Dollar an Winbond verkauft, der Deal soll in der zweiten Jahreshälfte 2027 abgeschlossen werden, und parallel 10 Milliarden Euro in eine neue Chipfabrik in Dresden investiert. Siltronic sprang um 11 Prozent, nachdem UBS das Kursziel auf 120 Euro angehoben hatte. Beide Bewegungen fügen sich in denselben Rahmen: den globalen Speicherchip-Engpass, der derzeit die gesamte Branche antreibt.

Marschroute

Die kommende Woche entscheidet, ob sich der Bitcoin-Ausbruch über 80.000 Dollar technisch bestätigt oder ob der ZRO-Unlock am 20. September erste Bremsspuren bei den Altcoins hinterlässt. Bei SAP lohnt der Blick auf die 185-Euro-Marke als Unterstützung, während Volkswagen und die gesamte Autobranche vorerst im Bann der Porsche-Abschreibung bleiben dürften. Die Charts laufen weiter, auch wenn die Börsen ruhen, gönnen Sie sich trotzdem eine Pause vom Bildschirm.

Gute Trades, Ihr Andreas Sommer