Brasiliens Senat hat mit überwältigender Mehrheit für eine weitreichende Arbeitszeitverkürzung gestimmt. Weniger als zwei Wochen vor der Präsidentschaftsstichwahl votierten 75 Senatoren bei nur einer Gegenstimme für das Ende der regulären Sechs-Tage-Woche in der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas. Die Verfassungsänderung bringt Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva einen späten politischen Erfolg, den selbst sein rechtsgerichteter Herausforderer mittragen musste.
Die Reform beendet eine Praxis, die vor allem im Einzelhandel weit verbreitet war: formell Beschäftigte an sechs Tagen pro Woche einzusetzen. Künftig gilt regulär eine Fünf-Tage-Woche. Damit vollzieht das Land den umfassendsten Umbau des Arbeitsrechts seit Jahrzehnten.
Schrittweise Absenkung der Arbeitszeit
Die wöchentliche Arbeitszeit sinkt im Zuge der Reform von bisher 44 auf 40 Stunden. Die Verfassungsänderung tritt in zwei Monaten in Kraft und sieht zunächst einen Zwischenschritt auf 42 Wochenstunden vor.
Nach einem weiteren Jahr folgt die vollständige Reduzierung auf 40 Stunden. Insgesamt erstreckt sich die Umsetzung über 14 Monate und kommt nach Regierungsangaben mehr als 37 Millionen formal Beschäftigten zugute. Das Unterhaus hatte der Reform bereits im Frühjahr seine Zustimmung erteilt.
Politischer Schulterschluss vor der Stichwahl
Das Gesetzesvorhaben war im Vorfeld politisch hart umkämpft. Lula hatte die Verkürzung der Arbeitswoche zu einem zentralen Projekt seiner Kampagne gemacht. Sein Herausforderer Flávio Bolsonaro und dessen Partei wehrten sich lange gegen die Initiative und kritisierten sie als wahlpolitisches Manöver der Regierung.
Unmittelbar vor der Abstimmung im Senat vollzog Bolsonaro jedoch eine Kehrtwende. Der Senator kündigte an, für die Verfassungsänderung zu stimmen, und ebnete damit den Weg für die überparteiliche Mehrheit im Parlament.
Hintergrund des Manövers ist die anstehende Präsidentschaftsstichwahl am 25. Oktober 2026. Im ersten Wahlgang lag Bolsonaro mit rund 47 Prozent der Stimmen knapp vor Lula, der etwa 45 Prozent erzielte. Durch das Einlenken verhinderte der Herausforderer, dass die Regierung das populäre Sozialthema im Endspurt des Rennens um das Spitzenamt allein für sich verbuchen kann.


