Liebe Leserinnen und Leser,

minus 5 Prozent im Philadelphia Semiconductor Index. An einem einzigen Tag. Ausgelöst nicht durch Quartalszahlen, nicht durch Zölle, nicht durch eine Notenbank — sondern durch einen Bericht über Software-Optimierungen bei OpenAI. Der stärkste Trade des ersten Halbjahres, die Halbleiter-Wette auf unbegrenzten KI-Hunger nach Rechenleistung, bekommt zum Auftakt des zweiten Halbjahres seine erste ernsthafte Gegenthese. Und die Frage, die sich daraus ergibt, ist unbequem: Was passiert mit den Bewertungen der Chip-Aktien, wenn KI plötzlich mit der Hälfte der GPUs auskommt?

OpenAI halbiert die Inferenz-Kosten — und der Chip-Trade wankt

Laut einem Bericht von The Information haben OpenAI-Ingenieure Software-Optimierungen freigeschaltet, die die Inferenz-Kosten halbieren und die Zahl der für ChatGPT nötigen Nvidia-GPUs deutlich reduzieren. Die Marktreaktion kam sofort: AMD verlor rund 5,4 Prozent, Intel gab über 7 Prozent nach, der SOX — im ersten Halbjahr um über 90 Prozent gestiegen — rutschte um etwa 5 Prozent ab.

Das ist kein Tagesrauschen. Es trifft die zentrale Annahme, auf der die gesamte KI-Rallye aufgebaut ist: dass Compute dauerhaft knapp bleibt und jede zusätzliche Nachfrage zwingend neue Hardware erfordert. Nvidia war im Juni bereits um über 11 Prozent gefallen und notiert zuletzt bei rund 192,53 Dollar, was einer Marktkapitalisierung von 4,66 Billionen Dollar entspricht — unter der 5-Billionen-Schwelle. Mitte Juni hatte Rich Privorotsky, Delta-1-Chef bei Goldman Sachs, bereits gewarnt, dass die These der Compute-Knappheit bröckelt: Hyperscaler entwickeln zunehmend eigene Hardware, GPU-Mietpreise sinken, die Kosten pro Megawatt für KI-Rechenzentren steigen auf 15 bis 20 Millionen Dollar.

Wer den Halbleiter-Trade als Selbstläufer betrachtet hat, muss seine Prämissen überprüfen. Die Gegenposition liefert SemiAnalysis, die am 30. Juni prognostizierte, Nvidias Rechenzentrums-Umsatz könnte im zweiten Halbjahr FY27 den Konsens um 20 Prozent übertreffen, weil die HBM4-Lieferengpässe der Vera-Rubin-Plattform gelöst seien. Der Analystenkonsens bleibt bei Strong Buy mit einem durchschnittlichen Kursziel von 298 bis 309 Dollar — über 50 Prozent über dem aktuellen Kurs. Aber die Wette ist nicht mehr einseitig. Technisch liegt die nächste Unterstützung nahe 200 Dollar; ein Bruch dieser Zone könnte laut TradingShot einen Rückgang bis 165 Dollar bis Ende August auslösen.

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Nvidia gekauft und trotzdem kaum Gewinn gemacht, während AMD und Intel im Zuge der OpenAI-Meldung zweistellig einbrachen? Die aktuelle Verunsicherung bei den bekannten Chip-Schwergewichten lenkt den Blick auf weniger prominente Profiteure des KI-Booms – vier Unternehmen, die abseits der Schlagzeilen an der Wertschöpfungskette hängen. Kostenlosen Spezialreport „Heimliche KI-Profiteure“ sichern

SpaceX: 750 Millionen Dollar Buchverlust für die Short-Seite

Der spektakulärste Börsengang des Jahres entwickelt sich zum teuersten Short-Trade. SpaceX, im Juni mit einem Emissionsvolumen von 86 Milliarden Dollar an die Börse gegangen, zieht massiv Leerverkäufer an: Fast ein Drittel der handelbaren Aktien ist inzwischen leerverkauft. Das Problem für die Shorts: Laut Ortex haben sie bereits rund drei Viertel einer Milliarde Dollar an Buchverlusten angehäuft. Jeder Dollar Kursbewegung bedeutet für die Short-Seite etwa 200 Millionen Dollar Gewinn oder Verlust.

Eine derart hohe Short-Quote kann bei jeder positiven Nachricht einen Squeeze auslösen. Für deutsche Anleger ist die SpaceX-Story indirekt relevant: Die Deutsche Telekom, die ich gestern bei ihrem Mehrjahrestief besprochen habe, leidet weiter unter Gerüchten über einen SpaceX-Einstieg ins Mobilfunkgeschäft und einen möglichen Kauf von T-Mobile US. Am Mittwoch zeigte die T-Aktie bei rund 26 Euro mit plus 1,8 Prozent ein erstes Lebenszeichen, der RSI ist überverkauft. Mit einem KGVe 2026 um 12 und einer erwarteten Dividendenrendite von 4,7 Prozent bleibt der Wert für Antizykliker auf der Watchlist — die nächste harte Unterstützungszone liegt allerdings erst bei 22,00 bis 22,50 Euro.

Tesla vs. BYD: 557.090 gegen geschätzte 406.000

Tesla legt diese Woche seine Q2-Auslieferungen vor. Der Wall-Street-Konsens liegt bei rund 406.000 Fahrzeugen (Teslas eigener Konsens: 408.609), nach 358.023 im ersten Quartal. Die Aktie hat in fünf Handelstagen bereits 11 Prozent zugelegt — getrieben vor allem von Europa: In Dänemark stiegen die Juni-Registrierungen um 39 Prozent, in Schweden um 56 Prozent, in Frankreich mehr als verdoppelt. In den USA brachen die Verkäufe wegen weggefallener Steuergutschriften dagegen um rund 20 Prozent ein.

Der Vergleich mit BYD macht die Lage deutlich. Die Chinesen lieferten im zweiten Quartal 557.090 reine E-Autos aus — über 160.000 mehr als der Tesla-Konsens. Wer die Q2-Zahlen als Long-Setup spielt, sollte wissen: Die Europa-Erholung dürfte eingepreist sein. Ein Miss unter 400.000 könnte die jüngste Rally schnell abräumen. Das TipRanks-Kursziel liegt bei 403,49 Dollar.

Bitcoin: Zwei Verlustquartale, 4,5 Milliarden Dollar ETF-Abflüsse

Zum Quartalswechsel liefert Bitcoin eine nüchterne Bilanz: Q1 minus 22,2 Prozent, Q2 minus 14,1 Prozent. Zuletzt rang die Kryptowährung um die 60.000-Dollar-Marke. Citigroup kappte das 12-Monats-Ziel auf 82.000 Dollar von zuvor 112.000 Dollar. Die Bitcoin-ETFs erlebten im Juni mit 4,5 Milliarden Dollar Abflüssen ihren schlechtesten Monat überhaupt.

Im DAX zeigte der Mittwoch ein bezeichnendes Bild: Die großen Verlierer des ersten Halbjahres — Rheinmetall mit plus 6,1 Prozent und SAP mit plus 5,1 Prozent — stellten die Tagesgewinner, während Infineon nach seiner Kursverdopplung im ersten Halbjahr um 4,6 Prozent nachgab. Window-Dressing in Reinform. CMC-Analyst Andreas Lipkow bringt es auf den Punkt: Dem Index fällt es weiter schwer, die 25.000 dauerhaft zu halten. Etwas Rückenwind kommt von der Makro-Seite — die Eurozonen-Inflation fiel im Juni auf 2,8 Prozent, gestützt vom Ölpreisrückgang nach Öffnung der Straße von Hormus.

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Während Rheinmetall und SAP zulegen und Infineon nach seiner Kursverdopplung ins Straucheln gerät, deutet sich am US-Markt eine ähnliche Rotation an: weg von überbewerteten Tech-Schwergewichten, hin zu Sektoren mit Nachholpotenzial. Börsenexperte Henrik Voigt zeigt in seinem kostenlosen Sonderreport, welche drei US-Aktien aus Bereichen wie E-Commerce und Logistik von dieser „Rolling Recovery“ profitieren könnten – inklusive Name und WKN. Jetzt Sonderreport „US-Markt im Wandel“ kostenlos herunterladen

Was jetzt zählt

Drei Fragen bestimmen die Richtung der kommenden Tage. Erstens: War der OpenAI-Bericht ein einmaliger Ausschlag, oder beginnt der Markt, die Preissetzungsmacht der Chip-Champions strukturell neu zu bewerten? Die 200-Dollar-Marke bei Nvidia wird zum Stresstest. Zweitens: Liefert Tesla über oder unter 400.000 Fahrzeugen — und reicht das, um die eingepreiste Rally zu rechtfertigen? Drittens: Stabilisiert sich Bitcoin über 60.000 Dollar, oder setzt sich die Rotation aus Risiko-Assets fort? Die Rotation aus Krypto in KI-Aktien — und nun teils wieder heraus — zeigt, wie dünn das Vertrauen in den stärksten Trades des Jahres geworden ist.

Herzlichst, Ihr Andreas Sommer