Bulgarien setzt auf Kontinuität an der Staatsspitze: Ilijana Jotowa hat die Stichwahl um das höchste Staatsamt für sich entschieden und stärkt damit den Kurs der regierenden Mitte-Links-Kräfte. Das Land an der Ostflanke der Nato behält damit eine Staatsführung, die auf eine eigenständigere EU-Politik pocht und Verhandlungen mit Moskau im Ukraine-Krieg befürwortet.
Nach Auszählung aller Wahlprotokolle erreichte die 62-jährige frühere sozialistische EU-Abgeordnete 57,5 Prozent der Stimmen. Ihr Herausforderer Andrej Gjurow aus dem prowestlichen liberal-konservativen Oppositionslager kam auf 39,4 Prozent. Jotowa, die das Amt nach dem Rücktritt von Rumen Radew bereits seit Januar 2026 vorübergehend führte, ist damit die erste direkt vom Volk gewählte Präsidentin des Landes.
Geringe Beteiligung und innenpolitischer Druck
Die Abstimmung galt als Stimmungstest für die seit Mai amtierende Mitte-Links-Regierung von Ministerpräsident Radew. Steigende Lebenshaltungskosten und hohe Treibstoffpreise belasten viele Haushalte im Land. Das prowestliche Oppositionslager wertet das Ergebnis dennoch als Kritik an der Regierung, da sich die Stimmen für Gjurow im zweiten Wahlgang fast verdoppelten.
Geprägt war der Urnengang von einer geringen Beteiligung. Lediglich 29,1 Prozent der Stimmberechtigten gaben ihre Stimme ab. Von den insgesamt 6,5 Millionen Wahlberechtigten beteiligten sich weniger als zwei Millionen Bürger an der Entscheidung.
Eigene Akzente in Brüssel und im Schwarzen Meer
Außenpolitisch kündigte Jotowa an, die Interessen ihres Landes in der Europäischen Union selbstbewusster zu vertreten. Kleinere Mitgliedsstaaten sollten Beschlüsse der größeren Länder nicht automatisch übernehmen müssen. Jotowa sprach sich dafür aus, dass Bulgarien ein starker Staat innerhalb Europas bleibt, jedoch mit eigenem Rückgrat in der Außenpolitik.
Der Krieg im Nachbarland prägte die Wahldebatten spürbar. In den bulgarischen und rumänischen Wirtschaftszonen im Schwarzen Meer häuften sich zuletzt Drohnenangriffe auf Handelsschiffe. Jotowa positionierte sich im Wahlkampf als Vermittlerin und warb für eine Friedenslösung durch Verhandlungen mit Russland. Sollten die zuständigen Institutionen sie beauftragen, sei sie auch zu Gesprächen mit Wladimir Putin bereit.
Ihre reguläre Amtszeit tritt Jotowa am 22. Januar 2027 an. Als Staatsoberhaupt übernimmt sie zugleich den Oberbefehl über die bulgarischen Streitkräfte und dürfte die außenpolitisch zurückhaltende Linie der Regierung in Sofia fortführen.


