BYD hat MG vom Thron gestoßen. Im Mai lieferte der chinesische Elektroautobauer erstmals mehr Fahrzeuge in Europa aus als der langjährige Marktführer — ein Meilenstein, der von der Börse bislang vollständig ignoriert wird.

Rekordzahlen, die niemanden begeistern

Mit 31.576 ausgelieferten Fahrzeugen in Europa übertraf BYD im Mai den Konkurrenten MG, der auf 30.299 Einheiten kam. Das Wachstum gegenüber dem Vorjahr: 141 Prozent. Für chinesische Marken bedeutet das einen Rekordmarktanteil von 10,7 Prozent in Europa.

An der Börse kommt davon nichts an. Die Aktie schloss am Montag bei 8,60 Euro — nur einen Wimpernschlag über dem 52-Wochen-Tief von 8,56 Euro. Seit Jahresbeginn hat das Papier mehr als ein Fünftel seines Wertes verloren. Der RSI liegt bei 22,2, ein technisch stark überverkauftes Niveau.

Türkei pausiert, Ungarn läuft

Hinter dem Verkaufserfolg steckt eine klare Produktionsstrategie — die sich gerade verschiebt. Vizepräsidentin Stella Li bestätigte, dass BYD das geplante Werk im türkischen Manisa auf Eis gelegt hat. Die Fabrik sollte 150.000 Fahrzeuge pro Jahr produzieren. Einen neuen Zeitplan gibt es nicht.

Stattdessen konzentriert sich der Konzern auf sein erstes europäisches Montagewerk im ungarischen Szeged. Der Produktionsstart ist für das vierte Quartal 2026 geplant. Parallel sucht BYD aktiv nach einer bestehenden Fabrik in Südeuropa — Spanien steht unter Beobachtung. Ziel ist es, schneller zu lokalisieren und mögliche EU-Zölle abzufedern.

Australien: Wachstum mit kleinen Stolpersteinen

In der Region Asien-Pazifik baut BYD seine Präsenz ebenfalls aus. Im Juni unterzeichnete das Unternehmen eine zwölfmonatige Partnerschaft mit dem australischen Fußballclub Melbourne Victory FC als exklusiver Fahrzeuglieferant. Die Kooperation soll die Bekanntheit der Marke stärken, während BYD sein Hybrid- und Elektro-Angebot erweitert — darunter das Modell Seal 6 und das Nutzfahrzeug Shark 6.

Beim Shark 6 gab es allerdings einen Anlaufproblem: Eine erste Liefercharge kam ohne Unterbodenverkleidung an, verursacht durch einen Fehler im Produktionsprozess. BYD bietet betroffenen Kunden die Wahl zwischen sofortiger Lieferung mit nachträglicher Nachrüstung oder dem Warten auf vollständige Fahrzeuge ab Juli.

Kapital gegen Kursdruck

Das eigentliche Spannungsfeld für Investoren ist klar: BYD wächst schnell, aber der Aufbau eines europäischen Produktionsnetzwerks kostet Milliarden. Das Werk in Ungarn, die Suche nach einer Fabrik in Südeuropa und der eingefrorene Türkei-Plan zeigen, wie komplex die Lokalisierungsstrategie geworden ist. Ob die Verkaufserfolge die Kapitalanforderungen mittelfristig rechtfertigen, wird spätestens mit den nächsten Quartalszahlen konkreter — der Markt hat seine Skepsis bereits eingepreist.