Die EU-Kommission hat einen neuen Rechtsakt beschlossen, der die Zukunft von Carbios grundlegend verändert. Das Regelwerk legt verbindlich fest, wie chemisch recycelter PET-Kunststoff bei der Berechnung von Recyclingquoten angerechnet wird. Für das französische Biotech-Unternehmen, das auf enzymatische PET-Wiederverwertung spezialisiert ist, fällt damit eine zentrale Hürde für die industrielle Vermarktung.
Kern der neuen Verordnung ist die sogenannte Massenbilanz-Methodik. Dabei wird ein „Fuel-Use-Excluded“-Ansatz verfolgt: Plastikabfall, der in Treibstoff oder Energie umgewandelt wird, darf nicht auf die Recyclingziele angerechnet werden. Komplexe Produktionsschritte benötigen künftig eine jährliche Prüfung durch Dritte, um die lückenlose Nachverfolgbarkeit zu gewährleisten.
Die Umsetzung erfolgt schrittweise. Zunächst sind nur Materialien aus der EU und dem Europäischen Wirtschaftsraum anrechenbar. Ab November 2027 kommen OECD-Staaten hinzu. Für Carbios ist der Zeitplan entscheidend: Die neue EU-Verpackungsverordnung schreibt vor, dass PET-Verpackungen ab 2030 mindestens 30 Prozent Recycelat enthalten müssen.
Industrieprojekt in Longlaville
Das Unternehmen treibt parallel seine Großanlage in Longlaville voran. Die Anlage ist auf 50.000 Tonnen Abfall pro Jahr ausgelegt und soll rund 48.000 Tonnen Monomere produzieren. Der Bau steht unter Zeitdruck.
Die Finanzierung will Carbios bis Ende des dritten Quartals 2026 abschließen. Der operative Start ist für das erste Halbjahr 2028 geplant. Allerdings sind bisher weniger als 70 Prozent der Produktion vorab verkauft. Der französische Staat hat das Projekt als strategische Industrieanlage eingestuft und mit rund 42,5 Millionen Euro öffentlicher Förderung unterstützt. Hinzu kommt eine Lizenzpartnerschaft mit dem chinesischen Unternehmen Wankai für den asiatischen Markt.
Kurs unter Druck
Die Aktie schloss am Freitag bei 5,68 Euro und legte 1,79 Prozent zu. Auf Wochensicht verlor das Papier jedoch 4,22 Prozent. Seit Jahresbeginn beträgt das Minus 51,08 Prozent.
Der Kurs liegt weit unter den gleitenden Durchschnitten: 16,79 Prozent unter dem 50-Tage-Wert von 6,83 Euro, 35,30 Prozent unter dem 200-Tage-Schnitt von 8,78 Euro. Der RSI von 39,6 signalisiert eine Annäherung an den überverkauften Bereich. Vom 52-Wochen-Hoch bei 15,79 Euro trennen den Kurs 64,03 Prozent.
Der Branchenverband „Chemical Recycling Europe“ bestätigt, dass Technologien wie die enzymatische Wiederverwertung grundsätzlich funktionieren. Hohe Kapitalkosten und das schwierige Finanzierungsumfeld bleiben jedoch Hürden. Die regulatorische Klarheit aus Brüssel ist für Carbios die Voraussetzung, um die fehlenden Mittel für Longlaville zu sichern. Ob das gelingt, entscheidet sich in den kommenden Monaten.
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