Ein Bericht über chinesische Lithografie-Fortschritte reichte am Montag aus, um den gesamten Halbleitersektor durcheinanderzuwirbeln. ASML brach zweistellig ein, Nvidia rutschte erneut ab. Gleichzeitig kletterte Micron unbeirrt weiter Richtung Bewertungsrekorde — ein Sektor, der sich gerade in zwei Lager spaltet.
Während Speicherchips gefragt bleiben wie nie, wächst die Nervosität bei Ausrüstern und GPU-Herstellern. Microsoft steuert auf einen entscheidenden Quartalsbericht zu, ServiceNow kämpft sich nach einem holprigen Zahlenwerk zurück. Die KI-Rally zeigt Risse, aber keinen Bruch.
ASML: Chinas Lithografie-Ambitionen schicken die Aktie auf Talfahrt
Ein Bericht über ein staatlich unterstütztes chinesisches Konsortium löste den heftigsten Kursrutsch der Aktie seit Wochen aus. Shanghai Yuliangsheng, SiCarrier und Huawei sollen gemeinsam an einer eigenen Immersions-DUV-Lithografie arbeiten — jener Technologie, die ASML bislang praktisch konkurrenzlos beherrscht. Die Maschinen sollen an SMIC, Hua Hong und ChangXin Memory gehen, mit geplant fünf Einheiten 2026 und zwanzig im Jahr darauf.
Der Kurs fiel um 4,05 Prozent auf 1.400,80 Euro, nachdem er bereits am Montag deutlich nachgegeben hatte. Auf Wochensicht steht ein Minus von 11,42 Prozent zu Buche, der Abstand zum 50-Tage-Durchschnitt von 1.535,24 Euro beträgt fast neun Prozent. Vom Rekordhoch bei 1.748,00 Euro, erst Ende Juni erreicht, hat sich die Aktie mittlerweile um knapp ein Fünftel entfernt.
Die geplanten chinesischen Stückzahlen wirken im Verhältnis zu ASMLs eigener Kapazität von rund 130 Immersions-DUV-Systemen im Jahr 2026 überschaubar — die fünf angekündigten Maschinen entsprechen weniger als vier Prozent davon. Trotzdem wurden am Kapitalmarkt binnen eines Handelstags Werte in Milliardenhöhe vernichtet. Einige Analysten halten die Reaktion für übertrieben und verweisen darauf, dass chinesische Systeme technologisch weiterhin deutlich hinter dem Original liegen.
Der China-Umsatzanteil bleibt für ASML dennoch ein reales Thema: Von der für 2026 erwarteten Gesamterlösspanne sollen rund 20 Prozent aus China stammen. Das Unternehmen selbst hat seine Jahresprognose zuletzt sogar angehoben, was auf eine intakte globale Nachfrage außerhalb Chinas hindeutet. Der RSI von 37,3 signalisiert inzwischen eine überverkaufte Aktie — ein Hinweis darauf, dass die Verkaufswelle kurzfristig an Kraft verlieren könnte.
Nvidia: Alte Höchststände bleiben außer Reichweite
Auch Nvidia geriet erneut unter Druck. Der Kurs gab um 0,98 Prozent auf 171,18 Euro nach, nachdem bereits die Vorwoche mit einem Minus von 5,90 Prozent verlief. Die Marke von 200 Euro, zuletzt im Frühjahr überschritten, liegt inzwischen in weiter Ferne — der Abstand zum 52-Wochen-Hoch bei 202,50 Euro beträgt gut 15 Prozent.
Fundamental sieht das Bild anders aus als der Chart vermuten lässt. Ein zuvor kursierender Bericht über angebliche Verzögerungen bei der Kyber-Rack-Scale-Plattform wurde dementiert, was die Aktie zwischenzeitlich stützte. Zudem verdichten sich Gespräche über eine milliardenschwere Finanzierungsvereinbarung mit OpenAI zum Ausbau der KI-Infrastruktur, ergänzt um eine neue strategische Partnerschaft mit Ilya Sutskevers Safe Superintelligence.
Der 50-Tage-Durchschnitt liegt bei 180,08 Euro, der RSI bei 41,8 — beides deutet auf eine Aktie hin, die technisch angeschlagen, aber nicht überverkauft ist. Der nächste Quartalsbericht ist für Ende August terminiert und dürfte zeigen, ob die Nachfrageseite die Kursschwäche rechtfertigt oder widerlegt.
Micron: Der Speicherboom kennt kein Halten
Während Chip-Ausrüster und GPU-Hersteller kämpfen, bleibt Micron der auffälligste Gewinner im Sektor. Trotz eines Rücksetzers von 4,93 Prozent auf 750,70 Euro am aktuellen Handelstag türmt sich die Jahresperformance auf beeindruckende 197,78 Prozent, auf Zwölfmonatssicht sogar auf 682,31 Prozent. Die jüngste Korrektur wirkt vor diesem Hintergrund wie eine Verschnaufpause nach einem parabolischen Anstieg.
Der Rückgang der vergangenen 30 Tage von fast 25 Prozent zeigt allerdings, wie volatil die Story inzwischen gehandelt wird — der Abstand zum 50-Tage-Durchschnitt von 850,20 Euro beträgt fast zwölf Prozent. Fundamental bleibt die Nachfrage nach Speicherchips für KI-Anwendungen ungebrochen.
Den jüngsten Schub lieferte eine mehrjährige Partnerschaft mit Anthropic: Micron wird künftig einer der wichtigsten Zulieferer für Speicher- und Storage-Lösungen des KI-Labors, entwickelt HBM-Subsysteme mit und beteiligt sich sogar an dessen Series-H-Finanzierungsrunde. Parallel investiert das Unternehmen kräftig in neue Kapazitäten, unter anderem in ein neues Werk im Bundesstaat New York gemeinsam mit Bechtel. Die Quartalsdividende von 15 US-Cent je Aktie unterstreicht, dass trotz aller Wachstumsambitionen auch die Ausschüttung an Aktionäre nicht vergessen wird.
Microsoft: Zwischen Kurskorrektur und Cloud-Hoffnung
Microsoft steht vor einem der wichtigsten Termine des Jahres — dem Quartalsbericht in wenigen Tagen. Der Kurs legte zuletzt um 1,26 Prozent auf 346,55 Euro zu und bewegt sich damit fast exakt auf Höhe des 50-Tage-Durchschnitts von 345,63 Euro. Das Gesamtbild bleibt trotzdem angeschlagen: Seit Jahresbeginn steht ein Minus von 16,12 Prozent, auf Zwölfmonatssicht sogar von 21,61 Prozent zu Buche.
Mehrere Analysehäuser haben ihre Kursziele vor dem Bericht gesenkt, meist mit Verweis auf die schwer verdauliche Investitionslast im Cloud-Geschäft. Die grundsätzliche Einschätzung bleibt jedoch überwiegend positiv — Kaufempfehlungen dominieren klar gegenüber neutralen oder negativen Bewertungen. Bemerkenswert ist der Kontrast zwischen Kursverlauf und operativem Geschäft: Während die Aktie fast ein Fünftel ihres Werts eingebüßt hat, wächst das KI-Geschäft auf eine jährliche Run-Rate von rund 37 Milliarden US-Dollar, und der Auftragsbestand hat sich nahezu verdoppelt. Der RSI von 53,6 signalisiert eine neutrale Ausgangslage kurz vor dem Zahlenwerk.
ServiceNow: Erholung nach turbulentem Zahlentag
ServiceNow durchlief zuletzt eine der heftigsten Kursachterbahnen im Sektor. Nach einem herben Rücksetzer direkt nach der Ergebnisveröffentlichung folgte eine kräftige Gegenbewegung. Aktuell notiert die Aktie bei 94,50 Euro, ein Plus von 1,42 Prozent am Tag und von 5,61 Prozent auf Wochensicht.
Strategisch untermauert wird die Erholung durch eine neue Integration mit NinjaOne, die IT-Organisationen eine zentralere Steuerung von Support-Workflows ermöglichen soll. Das operative Fundament stimmt: Der Umsatz wuchs im vergangenen Quartal um 24 Prozent, angetrieben vor allem vom KI-Segment. Die Reaktionen der Analysten fallen gemischt, aber mehrheitlich konstruktiv aus — trotz leicht gesenkter Kursziele bleibt die grundsätzliche Kaufempfehlung bestehen. Der RSI von 55,6 spiegelt die frische Stärke nach der Erholung wider.
Sektordynamik: Ein Markt mit zwei Geschwindigkeiten
Die fünf Aktien zeigen, wie unterschiedlich der Markt KI-Exposure derzeit bepreist:
- Micron hat sich vom zyklischen Speicherhersteller zum gefragten Infrastruktur-Lieferanten gewandelt — mit entsprechender Kursdynamik trotz kurzfristiger Rücksetzer
- Nvidia bleibt trotz starker Nachfragesignale relativer Nachzügler unter den Chip-Werten, belastet von Bewertungsfragen und Roadmap-Zweifeln
- ASML zeigt, wie schnell eine einzelne Wettbewerbsmeldung aus China einen bislang uneinnehmbar geglaubten Burggraben infrage stellen kann
- Microsoft und ServiceNow stehen stellvertretend für die Software-Seite des KI-Trades, wo Investoren Investitionsintensität gegen konkrete Monetarisierungserfolge abwägen
Die Achse verläuft nicht zufällig zwischen Hardware und Software, sondern zwischen bereits ausgelasteten Lieferketten und noch unbewiesenen Skaleneffekten.
Ausblick: Die kommenden Wochen entscheiden
Die anstehende Berichtssaison dürfte richtungsweisend werden. Microsofts Zahlen am 29. Juli gelten als Lackmustest: Fällt das Azure-Wachstum stark aus und hält die Prognose, öffnet sich ein Weg zurück zu den Jahresverlusten. Enttäuscht die Marge oder verfehlt Azure die Erwartungen, dürften weitere Kürzungen der Kursziele folgen.
Bei Nvidia rückt die Kommentierung der Hyperscaler-Investitionen in den Fokus, ergänzt um mögliche neue Entwicklungen bei Chip-Exportlizenzen und der OpenAI-Finanzierung. ASMLs weiterer Kursverlauf hängt maßgeblich davon ab, wie glaubwürdig Chinas DUV-Ambitionen tatsächlich eingeschätzt werden — gegen die eigene Kapazitätsplanung und den China-Umsatzanteil gerechnet. Micron bleibt durch seine praktisch ausverkaufte HBM-Kapazität vorerst vergleichsweise abgeschirmt, während ServiceNow zeigen muss, ob auf die NinjaOne-Integration weitere Plattform-Anbindungen folgen.
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