Selten lag die Stimmung im DAX so weit auseinander wie heute. Während Infineon von einer weltweiten Speicherchip-Rally profitiert, drücken schwache Baukonjunktur-Signale und die anhaltende VW-Krise auf zyklische Titel wie Heidelberg Materials und Porsche SE. Dazwischen behaupten sich RWE und Daimler Truck mit solider operativer Substanz, während Scout24 nach einem furiosen Lauf erst einmal Luft holt.

Zwei Geschwindigkeiten im Index

Antreiber der Stärke ist die Halbleiterbranche. Nachdem mehrere große Speicherchip-Hersteller mit ihren jüngsten Quartalszahlen die Erwartungen übertroffen hatten, wähnen sich Anleger vor einer neuen Investitionswelle rund um KI-Infrastruktur. Infineon reitet als DAX-Schwergewicht auf dieser Welle und markiert den klaren Tagesgewinner.

Auf der anderen Seite belastet die Krise der deutschen Automobilindustrie den Index. Der jüngste Gewinneinbruch bei Volkswagen strahlt direkt auf die Beteiligungsholding Porsche SE aus. Auch im Baustoffsektor kommt es nach der vorangegangenen Erholung zu Gewinnmitnahmen, wie das Beispiel Heidelberg Materials zeigt. Versorger und Nutzfahrzeugbauer präsentieren sich dagegen robust.

Infineon: Speicherchip-Boom treibt die Aktie

Infineon springt um 3,83 Prozent auf 61,78 Euro und führt die Gewinnerliste damit klar an. Der gestrige Schlusskurs von 59,50 Euro liegt damit weit zurück – Auslöser ist eine branchenweite Kaufwelle, nachdem mehrere internationale Speicherchip-Hersteller mit überzeugenden Zahlen positive Signale für die gesamte Halbleiterindustrie gesendet hatten.

Der Aufschwung kommt nach einer schwierigen Phase. Auf Sicht von sieben Tagen steht noch immer ein Minus von 2,98 Prozent zu Buche, auf 30 Tage sogar ein Rückgang von 21,25 Prozent. Seit Jahresbeginn bleibt trotzdem ein Plus von 63,74 Prozent stehen – die Aktie hat also einen tiefen Rücksetzer bereits größtenteils wieder wettgemacht.

Strategisch untermauert wird die positive Stimmung durch den Ausbau der eigenen Fertigungskapazitäten für Leistungshalbleiter, die zunehmend auch in KI-Rechenzentren zum Einsatz kommen. Am 5. August legt der Konzern seine Quartalszahlen vor, bis dahin gilt eine Quiet Period. Der RSI von 42,1 signalisiert trotz der Rally keine Überhitzung – der Kurs notiert mit 74,51 Euro als 50-Tage-Durchschnitt weiterhin deutlich unter seinem mittelfristigen Trend. Ob sich die Erholung als nachhaltig erweist, dürften erst die kommenden Zahlen zeigen.

Rwe: Prognoseanhebung stützt den Kurs

RWE gewinnt 1,31 Prozent auf 57,16 Euro und setzt damit die solide Entwicklung der vergangenen Tage fort. Grundlage ist eine überraschend starke Geschäftsentwicklung im ersten Halbjahr, die das Management zu einer Anhebung der Jahresprognose bewogen hat. Für 2026 rechnet der Konzern nun mit einem bereinigten Ebitda zwischen 5,75 und 6,35 Milliarden Euro.

Auch für das Folgejahr zeigte sich das Management zuversichtlicher: Beim Ebitda werden 6,7 bis 7,3 Milliarden Euro in Aussicht gestellt, beim Nettoergebnis 2,2 bis 2,7 Milliarden Euro. Besonders positiv wurde aufgenommen, dass die Verbesserung breit getragen wird und nicht nur auf Einmaleffekten beruht.

Der moderate Tagesgewinn wirkt nach der bereits erfolgten Kursreaktion auf die vorläufigen Zahlen eher wie eine Fortsetzung des positiven Trends. Mit einem RSI von 51,4 und einem Kurs nur leicht über dem 50-Tage-Durchschnitt von 56,27 Euro bleibt reichlich Spielraum nach oben. Die vollständigen, geprüften Halbjahreszahlen stehen am 13. August noch aus.

Daimler Truck: Nahe am Rekordhoch trotz überkaufter Lage

Daimler Truck legt um 0,56 Prozent auf 48,90 Euro zu und nähert sich damit erneut seinem 52-Wochen-Hoch von 49,15 Euro, das erst heute markiert wurde. Der Lkw-Hersteller zeigt seit Wochen ein deutlich positiveres Momentum als der breite Industriewerte-Sektor. Auf Sicht von sieben Tagen steht ein Plus von 7,12 Prozent, auf 30 Tage sogar von 15,93 Prozent zu Buche.

Diese Dynamik hat allerdings ihren Preis: Der RSI von 79,2 signalisiert eine deutlich überkaufte Lage. Unterstützung erhält der Titel aus dem operativen Umfeld, etwa durch die Wasserstoff-Initiative mit Volvo, die zuletzt durch die Beteiligung eines japanischen Autobauers am gemeinsamen Brennstoffzellen-Joint-Venture Auftrieb bekam. Die für den 7. August erwarteten Quartalszahlen dürften zeigen, ob sich der positive Trend auch operativ fortsetzt – nach schwächeren Margen im Vorquartal bleibt hier Unsicherheit.

Scout24: Verschnaufpause nach kräftigem Lauf

Scout24 verliert 3,05 Prozent auf 74,75 Euro und zählt damit zu den schwächsten DAX-Werten des Tages. Der gestrige Schlusskurs von 77,10 Euro markiert bereits das Ende einer bemerkenswerten Erholung: Allein auf Sieben-Tage-Sicht stand zuvor ein Plus von 9,28 Prozent zu Buche. Der Rücksetzer wirkt nach dieser Rally wie eine klassische Gewinnmitnahme.

Selbst eine jüngste Kurszielanhebung durch Berenberg konnte den Kursrückgang nicht verhindern. Fundamental bleibt das Bild dennoch intakt: Der Immobilienportal-Betreiber notiert mit 74,75 Euro nur knapp über seinem 50-Tage-Durchschnitt von 73,68 Euro, was eher für eine Konsolidierung als für eine Trendwende spricht. Auf Jahressicht steht allerdings weiterhin ein deutliches Minus von 12,98 Prozent zu Buche – die Erholung der vergangenen Wochen hat den langfristigen Rückstand nur teilweise wettgemacht.

Heidelberg Materials: Nahe am Jahrestief trotz solider Zahlen

Heidelberg Materials fällt um 3,30 Prozent auf 161,25 Euro und nähert sich damit dem erst heute markierten 52-Wochen-Tief von 157,50 Euro. Das ist bemerkenswert, denn das Zahlenwerk zum zweiten Quartal fiel grundsätzlich solide aus: Der Umsatz stieg um 6,4 Prozent auf 6,04 Milliarden Euro, das bereinigte operative Ergebnis um 3,6 Prozent auf 1,09 Milliarden Euro.

Dass der Kurs trotzdem deutlich nachgibt, dürfte auf strukturelle Sorgen um die Baustoffnachfrage zurückzuführen sein. Ein historisch schwacher Zementverbrauch hatte bereits vor Wochen für gesenkte Sektor-Erwartungen gesorgt. Zahlen im Rahmen der Erwartungen reichen in einem solchen Umfeld offenbar nicht aus, um die Aktie zu stützen – der RSI von 35,9 deutet bereits auf eine überverkaufte Lage hin, seit Jahresbeginn steht ein Minus von 27,88 Prozent zu Buche.

Porsche SE: VW-Schwäche drückt auf die Beteiligungsholding

Porsche SE verliert 2,62 Prozent auf 28,66 Euro und nähert sich damit ebenfalls seinem Jahrestief von 26,87 Euro, das erst vor wenigen Tagen erreicht wurde. Ursache ist die anhaltende Krise bei der Kernbeteiligung Volkswagen: Der Wolfsburger Konzern hatte für das zweite Quartal einen Gewinnrückgang um 32,9 Prozent auf 1,54 Milliarden Euro gemeldet – bereits das zehnte Mal in Folge.

Verschärft wird die Lage durch die Diskussion um ein umfassendes Sparprogramm bei VW, das bis zu 100.000 Stellen und vier Werke betreffen könnte. Da Porsche SE als Holdinggesellschaft maßgeblich an Volkswagen beteiligt ist, schlägt diese Unsicherheit direkt auf den eigenen Kurs durch. Immerhin: Auf Sieben-Tage-Sicht steht trotz des heutigen Rücksetzers noch ein Plus von 5,56 Prozent zu Buche – die Aktie bleibt damit ein gehebeltes Investment auf die VW-Entwicklung.

Sektordynamik in Kürze

  • Halbleiter: Infineon profitiert von einer globalen Speicherchip-Rally, bleibt aber unter dem 50-Tage-Durchschnitt
  • Versorger: RWE stützt sich auf angehobene Ebitda-Prognosen für 2026 und 2027
  • Nutzfahrzeuge: Daimler Truck nahe am Allzeithoch, RSI signalisiert aber überkaufte Lage
  • Immobilienportale: Scout24 konsolidiert nach starkem Wochenlauf
  • Baustoffe: Heidelberg Materials nahe Jahrestief trotz solidem Quartalsergebnis
  • Autobeteiligungen: Porsche SE bleibt an das Schicksal der VW-Sanierung gekoppelt

DAX zwischen Chip-Euphorie und Auto-Sorgen

Der heutige Handelstag unterstreicht die Zweiteilung des Index: Technologie- und Energiewerte mit struktureller Wachstumsfantasie stehen zyklischen Industrie- und Baustoffwerten gegenüber, die unter konjunkturellen Sorgen leiden. Für Infineon dürfte der 5. August mit den Quartalszahlen zum entscheidenden Test werden, ob die Rally fundamental unterlegt ist. Bei RWE und Daimler Truck spricht die operative Entwicklung für eine Fortsetzung der positiven Kursverläufe, auch wenn bei Letzterem die überkaufte technische Lage kurzfristige Rücksetzer wahrscheinlicher macht.

Auf der Verliererseite bleibt die Automobilbranche im Fokus. Solange die Sanierungsdiskussion bei Volkswagen nicht geklärt ist, dürfte auch Porsche SE unter Druck bleiben. Bei Heidelberg Materials und Scout24 handelt es sich dagegen eher um Konsolidierungsbewegungen nach vorangegangenen Kursbewegungen als um fundamentale Trendwenden.