Christine Lagarde zieht sich vorzeitig von der Spitze der Europäischen Zentralbank zurück. Die Französin verlässt die Notenbank am 7. Februar 2027 und damit fast neun Monate vor dem regulären Ende ihrer achtjährigen Amtszeit. Sie wolle ihre Redefreiheit zurück und sich wieder Angelegenheiten außerhalb der Geldpolitik widmen, begründete sie ihren Schritt. Mitten in einer Phase spürbaren Preisdrucks beginnt für die europäischen Staats- und Regierungschefs damit die Suche nach einer Nachfolge.
Hohe Inflation und vertagte Zinsentscheide
Der Rückzug fällt in eine geldpolitisch angespannte Lage. Der Iran-Krieg trieb die Teuerung im Euroraum im September auf 3,8 Prozent — das offizielle Ziel von 2,0 Prozent liegt damit vorerst in weiter Ferne. Der EZB-Rat beließ den Einlagenzins zuletzt bei 2,5 Prozent und verschob eine mögliche dritte Zinserhöhung des laufenden Jahres auf die Sitzung im Dezember. Steigende Energiepreise bergen die Gefahr neuer Teuerungswellen, während das Wirtschaftswachstum empfindlich gedämpft werden könnte.
Politischer Poker um Spitzenposten
Der vorgezogene Abgang schafft klare Verhältnisse vor der französischen Präsidentschaftswahl im April 2027. Frankreichs scheidender Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzler Friedrich Merz erhalten dadurch die Möglichkeit, das Spitzenamt noch vor einem möglichen politischen Umbruch in Paris geordnet zu vergeben. Sorgen vor einer Blockade durch europakritische Kräfte um Marine Le Pen hatten die Debatte um Lagardes Verbleib seit Monaten begleitet.
Im sechsköpfigen Führungsgremium der EZB stehen im kommenden Jahr ohnehin umfassende Umbesetzungen an. Neben der Präsidentin verlässt auch Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel die Notenbank in Richtung des Internationalen Währungsfonds, bevor im Sommer die Amtszeit von Chefökonom Philip R. Lane ausläuft. Die Regierungen der Eurozone streben daher an, diese Spitzenpositionen in einem gemeinsamen Verhandlungspaket zu regeln.
Als aussichtsreichste Kandidaten für Lagardes Nachfolge gelten der frühere niederländische Zentralbankchef Klaas Knot sowie Pablo Hernández de Cos, derzeit Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Bundesbank-Präsident Joachim Nagel brachte sich ebenfalls ins Gespräch. Allerdings führt mit Ursula von der Leyen bereits eine Deutsche die EU-Kommission, was eine deutsche Besetzung des Notenbank-Chefpostens auf europäischer Ebene politisch erschwert.
Die Staats- und Regierungschefs der Eurozone wollen das gesamte Personalpaket spätestens auf dem EU-Gipfel am 17. und 18. Dezember beschließen. Bis zum Jahresende soll feststehen, wer die gemeinsame Währung künftig steuert.


