Liebe Leserinnen und Leser,

54 Prozent. So hoch könnte die Gesamtposition der UniCredit an der Commerzbank bereits sein — wenn man den offiziell gemeldeten 37,68 Prozent Direktanteil die 16,41 Prozent über Finanzinstrumente hinzurechnet. Italienische Medien berichten nun, dass die tatsächliche Stimmrechtskontrolle sogar noch darüber liegen könnte. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft prüft den Verdacht der Marktmanipulation. Und die Commerzbank-Aktie? Die notiert zuletzt bei 38,18 Euro — satte elf Prozent über dem rechnerischen Angebotspreis von rund 34,35 Euro. Der Markt preist ein, was Berlin noch verhindern will.

Commerzbank: Der Kurs überholt das Angebot

Die Übernahmeschlacht zwischen UniCredit und Commerzbank hat eine neue Dynamik erreicht. Am Dienstag hatte UniCredit mit 38 Prozent Direktzugriff abgeschlossen, jetzt verdichten sich die Hinweise, dass die Mailänder über Derivate und möglicherweise nicht gemeldete Positionen weit mehr kontrollieren als bisher bekannt.

Die Commerzbank-Aktie reagierte mit einem Sprung von mehr als 5 Prozent. UniCredit selbst legte über 2 Prozent auf 79,61 Euro zu. Das Umtauschverhältnis von 0,485 UniCredit-Aktien je Commerzbank-Aktie ergibt bei diesem Kurs einen Gegenwert von rund 38,61 Euro — erstmals knapp über dem aktuellen Commerzbank-Kurs. Doch Vorstand und Aufsichtsrat der Commerzbank hatten das Angebot bereits am 18. Mai zur Ablehnung empfohlen: opportunistisch, ohne angemessene Prämie. Immerhin signalisiert die Frankfurter Seite inzwischen Gesprächsbereitschaft.

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Für Anleger mit Commerzbank-Positionen bleibt die Rechnung unbequem: Der Kurs liegt über dem ursprünglichen Angebotswert, aber unter dem, was Metzler (40 Euro) und Bank of America (42 Euro) für angemessen halten. Die Annahmefrist endet am 3. Juli. Wer hält, wettet darauf, dass UniCredit nachbessern muss. Wer verkauft, kassiert den Aufschlag und vermeidet das Risiko eines monatelangen regulatorischen Stellungskriegs.

Siemens Energy: 154 Milliarden Euro im Orderbuch

Während die Commerzbank-Saga die Schlagzeilen dominierte, lieferte Siemens Energy am Mittwoch die solidere Kursgeschichte. Die Aktie stieg um 3,60 Prozent auf 161,74 Euro, getrieben von einem Auftragsbestand, der inzwischen 154 Milliarden Euro erreicht hat. Der Treiber: KI-Rechenzentren, die den Strombedarf in Europa und den USA in einem Tempo nach oben treiben, das die bestehende Energieinfrastruktur an ihre Grenzen bringt.

Amundi S.A. meldete einen Stimmrechtsanteil von 3,11 Prozent — ein weiteres Signal, dass institutionelle Investoren den Titel als strategische Position aufbauen. Für Anleger, die am KI-Boom partizipieren wollen, ohne in US-Hyperscaler zu investieren, bleibt Siemens Energy eine der wenigen europäischen Optionen mit konkretem Orderbuch statt bloßer Fantasie.

Thyssenkrupp: 70 Prozent Rally, dann die Ernüchterung

Thyssenkrupp verlor rund 3 Prozent auf 10,84 Euro — und das trotz einer Nachricht, die eigentlich hätte beflügeln sollen: Die Abspaltung von TK Accelis soll noch 2026 über ein Listing an der Frankfurter Börse vollzogen werden. Bank of America bewertet die Tochter mit rund 3,5 Milliarden Euro, das entspricht mehr als der Hälfte der aktuellen Thyssenkrupp-Marktkapitalisierung von 6,7 Milliarden Euro. JPMorgan spricht von einem wichtigen Schritt zur Wertfreisetzung.

Dass der Kurs dennoch fällt, erzählt die eigentliche Geschichte: Zwischen Ende März und Anfang Juni hatte Thyssenkrupp bereits rund 70 Prozent zugelegt. Die Abspaltung war eingepreist, bevor sie offiziell wurde. Wer jetzt einsteigt, kauft nicht die Nachricht — sondern die Hoffnung, dass der Markt die Bewertungslücke zwischen Mutter und Tochter nach dem Listing tatsächlich schließt.

BioNTech, Ravensburger, Hapag-Lloyd: Drei Nebenschauplätze, die man kennen sollte

BioNTech steht unter Druck von ungewohnter Seite: Bernd Förtsch, Verleger des Aktionär, fordert Transparenz bei der am 10. März angekündigten Ausgliederung von Vermögenswerten an ein neues Unternehmen der scheidenden Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci. Er prüft rechtliche Schritte zum Schutz der Minderheitsaktionäre. Der Hintergrund: Der Umsatz ist von 7,3 Milliarden Euro (2022) auf geschätzte 2,0 bis 2,3 Milliarden Euro im laufenden Jahr geschrumpft, Werke werden geschlossen, bis zu 1.860 Stellen abgebaut. Die Aktie legte dennoch rund 3 Prozent auf 79,45 Euro zu — offenbar liest der Markt die Transparenzforderung als Schutz gegen stille Wertvernichtung.

Ravensburger übernimmt 60 Prozent am Plüschtierhersteller Steiff. Kaufpreis nicht veröffentlicht, Kartellfreigabe steht aus. Beide Marken kämpfen mit rückläufigem Geschäft: Ravensburger-Umsatz 2025 bei 742 Millionen Euro (nach 790 Millionen im Vorjahr), Steiff bei 94 Millionen Euro mit kleinem Verlust. Ob zwei schwächelnde Traditionsmarken gemeinsam stärker werden, muss die Integration zeigen.

Hapag-Lloyd blieb gelassen, nachdem MSC Gerüchte über ein Kaufangebot zurückgewiesen hatte. Die Aktionärsstruktur erklärt die Ruhe: Kühne und CSAV halten je rund 30 Prozent, ihr Ankeraktionärspakt läuft bis Ende 2030. Katar und Saudi-Arabien kommen auf weitere 22,5 Prozent. Eine feindliche Übernahme ist bei dieser Eigentümerstruktur praktisch ausgeschlossen.

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Quintessenz

Die Commerzbank-Übernahme ist die dominante Handelsgeschichte dieser Woche — und sie wird es bleiben, bis die Annahmefrist am 3. Juli ausläuft. Der Kurs hat das ursprüngliche Angebot bereits hinter sich gelassen. Die Frage ist nicht mehr, ob UniCredit die Commerzbank will, sondern zu welchem Preis Berlin sie lässt. Daneben verdient Siemens Energy Aufmerksamkeit als der europäische KI-Infrastruktur-Titel mit dem härtesten Orderbuch. Und bei Thyssenkrupp zeigt sich einmal mehr: Die beste Nachricht nützt nichts, wenn der Kurs sie vorweggenommen hat.

Herzlichst, Ihr Andreas Sommer