Liebe Leserinnen und Leser,
34,35 Prozent. So viel hält Unicredit jetzt rechnerisch an der Commerzbank. Kupfer notiert auf einem Niveau, das es nie zuvor erreicht hat. Und Infineon handelt so hoch wie zuletzt zur Jahrtausendwende. Wer taktisch denkt, findet an diesem Dienstag mehr Substanz abseits der gewohnten Index-Betrachtung — in konkreten Aktien, in einem Rohstoff mit struktureller Story und in einer Übernahme, die mit jeder Woche wahrscheinlicher wird.
Unicredit bei 34 Prozent — die Commerzbank-Übernahme nimmt Fahrt auf
Was lange wie ein zähes Tauziehen wirkte, bekommt eine neue Qualität. Unicredit hält nach eigenen Angaben rechnerisch 34,35 Prozent der Commerzbank-Anteile. Im Rahmen des seit dem 5. Mai laufenden Umtauschangebots haben Aktionäre Papiere im Umfang von 7,58 Prozent des Grundkapitals angedient — zusätzlich zu den zuvor gehaltenen 26,77 Prozent. Das Angebot läuft bis zum 16. Juni, eine Verlängerung bis 3. Juli ist möglich.
Die Konditionen: 0,485 Unicredit-Aktien je Commerzbank-Aktie. Gemessen an den aktuellen Börsenkursen ist das Angebot rechnerisch nicht attraktiv — und dennoch haben Aktionäre angedient. Das ist das eigentlich bemerkenswerte Signal. Es zeigt: Ein Teil der Aktionäre rechnet mit einer vollständigen Übernahme und will lieber jetzt Unicredit-Papiere als später in einem Squeeze-out weniger Spielraum zu haben.
Die Commerzbank-Aktie notiert zuletzt bei 37,50 Euro, dem höchsten Stand seit August 2025. Unicredit bei rund 74,50 Euro. Zusätzlich zu den direkt gehaltenen Anteilen kontrolliert Unicredit Finanzinstrumente über Nomura und Citigroup, die weitere 12,1 Prozent repräsentieren. Das Widerstandsbündnis aus Commerzbank-Management, Betriebsrat, Aufsichtsratschef Jens Weidmann und dem Bund (rund 12 Prozent) bleibt intakt — verliert aber rechnerisch an Gewicht. Wer Commerzbank hält, sollte die Angebotsfrist im Blick behalten. Wer Unicredit hält, beobachtet, ob der Integrationsdruck die Bewertung langfristig stützt oder belastet.
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EZB vor Zinserhöhung — der Konsens von gestern ist Geschichte
Noch am Montag schrieb ich über drei eingepreiste Zinssenkungen bei der EZB. Einen Tag später sieht die Welt anders aus. Die Inflationsrate im Euroraum stieg im Mai auf 3,2 Prozent, nach 3,0 Prozent im April — der höchste Stand seit September 2023. Energiepreise legten um 10,9 Prozent zu, befeuert durch die Hormuz-Krise. Dienstleistungen verteuerten sich um 3,5 Prozent, die Kernrate kletterte auf 2,5 Prozent.
Die Finanzmärkte preisen mit 97-prozentiger Wahrscheinlichkeit eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte auf der Ratssitzung am 11. Juni ein. Nicht mehr Senkung — Erhöhung. EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel nannte eine Anhebung notwendig; Olli Rehn sprach von einer „präventiven Zinserhöhung“. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer erwartet, dass die Inflation mehrere Monate über drei Prozent bleibt und sieht nach der Sommerpause weitere Schritte.
Für Anleger heißt das konkret: Der Einlagensatz steigt voraussichtlich von 2,0 auf 2,25 Prozent. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen notiert bei 2,97 Prozent — ein Niveau, das Anleihen als Ertragsquelle wieder ernst macht. Wachstumswerte mit hohen Bewertungen bleiben unter Druck, solange der Zinserhöhungszyklus nicht als abgeschlossen gilt.
Kupfer bei 6,65 Dollar — Allzeithoch mit Substanz
Kupfer erreichte zuletzt ein Allzeithoch von 6,65 US-Dollar pro Pfund — plus 15 Prozent in vier Wochen, plus 38 Prozent im Jahresvergleich. Zwei Treiber überlagern sich: US-Zölle auf raffinierte Kupferimporte lösen Vorziehkäufe aus, und die Angebotsseite liefert nicht. Chile meldete für April die schwächste Kupferproduktion seit 23 Jahren — rund 400.000 Tonnen, ein Minus von 13,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
BCA Research stufte Kupfer auf neutral von untergewichtet hoch. Chef-Rohstoffstrategin Roukaya Ibrahim räumt ein, dass schwaches chinesisches Kreditwachstum eigentlich gegen steigende Preise spricht — aber der Investorenenthusiasmus durch KI-Infrastruktur, Rechenzentren und erneuerbare Energien überlagert die Fundamentaldaten. Zuflüsse in Industriemetall-ETFs erreichten im April ein 18-Jahres-Hoch, das bullishe Sentiment liegt auf dem 95. Perzentil. Das ist die Art von Euphorie, bei der man genau hinschauen muss.
Freeport-McMoRan (FCX) markierte ein Allzeithoch bei 70,99 US-Dollar, plus 69 Prozent im Jahresvergleich. Morgan Stanley stufte auf Equalweight mit Kursziel 66 Dollar herab — Anlaufrisiken in der Grasberg-Mine. UBS und Argus halten dagegen mit Kaufvoten und Zielen von 74 bzw. 72 Dollar. Im MDAX legte Salzgitter rund 3,8 Prozent zu auf den höchsten Stand seit 16 Jahren; Morgan Stanley stufte auf Overweight hoch. Bei Rohstoff-nahen Werten mit technischem Ausbruch lohnt sich im aktuellen Umfeld ein genauerer Blick.
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Infineon plus 127 Prozent — ab wann ist KI eingepreist?
Infineon legte zeitweise fast sieben Prozent zu und erreichte den höchsten Kurs seit dem Jahr 2000. Der Auslöser war kein eigenes Ergebnis, sondern ein Dominoeffekt: STMicroelectronics verdoppelte sein Umsatzziel für Rechenzentrumsgeschäfte, Hewlett Packard Enterprise hob die Prognosen an. Der Chipsektor zog reflexartig mit.
Die Jahresperformance von rund 127 Prozent ist beeindruckend. Aber bei solchen Aufschlägen verschiebt sich die Frage: Es geht nicht mehr darum, ob die KI-Story stimmt, sondern ob der Kurs sie bereits vollständig vorwegnimmt. Ein Gradmesser: Arm Holdings wird aktuell mit dem 475-fachen Gewinn bewertet; der Börsenwert hat sich seit Jahresbeginn auf 436 Milliarden Dollar verdreifacht. Diese Dimensionen erfordern Selektivität. Nicht jeder Chip-Wert ist automatisch ein Kauf, nur weil er KI im Geschäftsmodell hat.
Was jetzt zählt
Der EZB-Zinsentscheid am 11. Juni wird zum nächsten marktbestimmenden Termin. Bis dahin dürfte die Commerzbank-Übernahme weitere Schlagzeilen produzieren — jede neue Andienungsquote verändert die Kräfteverhältnisse. Im Rohstoffbereich bleibt die Frage, ob das Kupfer-Momentum sich verselbständigt oder ob chinesische Nachfrageschwäche und Hormuz-Risiken in der zweiten Jahreshälfte für eine Korrektur sorgen. Und bei Infineon entscheidet sich in den kommenden Wochen, ob 127 Prozent Jahresperformance eine Zwischenstation oder ein Plateau markieren. Die interessanteren Trades liegen derzeit nicht im breiten Index, sondern in den einzelnen Geschichten dahinter.
Herzlichst, Ihr Andreas Sommer


