Geopolitische Risiken und Zweifel an der Rentabilität hoher KI-Investitionen haben den DAX gestern belastet. Damit rücken die anstehenden Unternehmensberichte als Belastungsprobe für den deutschen Aktienmarkt in den Mittelpunkt. Heute stehen zudem deutsche Erzeugerpreise und die ZEW-Konjunkturerwartungen an. Sie treffen auf einen Markt, dessen jüngste Zuversicht bereits wieder nachgelassen hat.

Der DAX verlor gestern -1,2% und schloss bei 25.319,77 Punkten. Die Erholung amerikanischer Technologiewerte konnte den deutschen Leitindex nicht stützen. Händler verwiesen auf die Unsicherheit im Nahen Osten und die Zurückhaltung vor wichtigen Quartalsberichten.

Unternehmensgewinne müssen Vertrauen schaffen

Die DZ Bank betrachtet die Technologiekorrektur als selektive Neubewertung. Die Quartalsberichte seien der nächste Test. Hohe Bewertungen, anspruchsvolle Gewinnerwartungen und Anleiherenditen könnten aus ihrer Sicht auch das kommende Jahr schwankungsreicher machen.

Für den DAX beginnt die Berichtsrunde heute Abend mit der Deutschen Börse. SAP folgt am 21. Oktober nach US-Börsenschluss. Parallel stehen Ergebnisse großer amerikanischer Technologieunternehmen an. Damit geht es nicht nur um einzelne Bilanzen, sondern auch um die Frage, ob die Geschäftsentwicklung die Erwartungen an künstliche Intelligenz rechtfertigt.

Bei SAP erwarten Analysten einen Umsatz von 10,09 Milliarden Euro und ein Cloud-Umsatzwachstum von rund 24%. Das sind Schätzungen, keine gemeldeten Ergebnisse. Zugleich hatten Entwicklergehälter und Serverkosten für KI-Modelle zuletzt die operative Marge belastet.

Die Verbindung zum deutschen Markt reicht über SAP hinaus. Das Handelsblatt warnt, dass Industrieunternehmen mit KI-Technologiebezug den DAX ebenfalls anfällig für eine Neubewertung machen. Seine zwischenzeitliche Widerstandskraft gegenüber der amerikanischen Technologieschwäche bedeutet deshalb keine grundsätzliche Immunität.

Energiepreise und Frankreich erhöhen den Druck

Neben den Unternehmenszahlen bleibt das politische Umfeld entscheidend. Die Unsicherheit im Nahen Osten belastet über Energiepreise und gestörte Lieferketten auch die Inflationsperspektiven. In Frankreich sorgten politische Instabilität und Proteste für zusätzlichen Verkaufsdruck an Europas Börsen.

Laut Tagesschau erreichte die Rendite zehnjähriger französischer Staatsanleihen gestern 4,9% und damit den höchsten Stand seit 2002. Das zeigt, dass sich die Nervosität nicht auf Aktien beschränkt. Steigende Anleiherenditen gehören zugleich zu den Risiken für die Bewertung von Unternehmen.

CMC-Markets-Analyst Andreas Lipkow sieht solide Unternehmensgewinne als Gegengewicht zu den geopolitischen Belastungen. Sollte die Inflation erneut außer Kontrolle geraten, drohe allerdings eine größere Korrektur. Die heute anstehenden Erzeugerpreise liefern deshalb einen weiteren Prüfstein für die Einschätzung des Preisdrucks.

Gute Nachrichten reichen nicht automatisch

Wie anspruchsvoll das Umfeld ist, zeigte gestern DHL. Das Unternehmen hob nach einem Ergebnisanstieg die Jahresprognose für den operativen Gewinn an. Die Aktie gab dennoch nach. Eine positive Unternehmensmeldung genügte damit nicht, um sich der schwachen Marktstimmung zu entziehen.

Für den DAX müssen nun mehrere Signale zusammenpassen: belastbare Gewinne, überzeugende Aussagen zu KI-Investitionen und eine beherrschbare Inflationsentwicklung.

Die Unternehmensberichte können die politischen Risiken nicht beseitigen. Sie können aber zeigen, ob das operative Geschäft weiterhin ein Gegengewicht bildet. Zusätzliche Hinweise zur Konjunktur folgen am Freitag mit den angekündigten Einkaufsmanagerindizes für Deutschland, die Eurozone und die USA.