Der deutsche Leitindex tastet sich an sein Allzeithoch heran – und alles hängt an einem Mann, der bislang kaum etwas gesagt hat. Kevin Warsh hält am Nachmittag seine erste große Rede als neuer Fed-Chef, und die Börse hat sich schon vorher positioniert.

Vor dem Xetra-Start notierte der DAX rund 0,3 bis 0,35 Prozent im Plus, zuletzt bei etwa 26.460 Punkten. Zum Rekordhoch von knapp 26.574 Punkten fehlen damit nur noch gut 100 Zähler.

Rückenwind liefert die Wall Street: Starke Quartalszahlen von Nvidia trieben den Nasdaq am Vorabend um 1,6 Prozent nach oben, der Technologiesektor im S&P 500 sprang sogar um 3,4 Prozent. Auch Salesforce und CrowdStrike lieferten positive Nachrichten und stützten damit auch deutsche Techwerte wie SAP.

Warsh als Unsicherheitsfaktor

Ganz unbeschwert ist die Stimmung trotzdem nicht. Die eigentliche Geschichte des Tages spielt sich erst am Nachmittag ab, wenn Warsh in Jackson Hole ans Mikrofon tritt. Der Markt will wissen, ob die hartnäckig hohe Inflation auf einmalige Schocks wie Zölle und den Iran-Krieg zurückgeht oder auf eine strukturell überhitzte Wirtschaft hindeutet — von der Antwort hängt der weitere Zinskurs ab.

Aktuell preist der Markt für September nur eine Wahrscheinlichkeit von rund 34 bis 35 Prozent für eine Zinserhöhung ein, bis Dezember gilt ein weiterer Schritt dagegen als weitgehend erwartet.

Analysten der ING rechnen nicht mit inhaltlich Neuem von Warsh, erwarten aber, dass jedes einzelne Wort genau seziert wird. Bleibt die Rede vage, könnten die zuletzt gestiegenen US-Anleiherenditen weiter anziehen — ein Risiko, das die Aktienmärkte bislang noch vergleichsweise gelassen wegstecken.

Charttechnisch gilt die Marke von rund 26.466 Punkten als Schlüsselniveau. Ein nachhaltiger Ausbruch darüber würde den Weg in Richtung neuer Rekordstände öffnen, während ein Rückfall unter das laufende Konsolidierungsmuster neue Kursverluste bis in den Bereich um 25.800 Punkte bringen könnte.

Abseits der Notenbank-Frage sorgt der Ölmarkt für Entlastung: Brent notiert bei rund 89 Dollar je Barrel und steuert mit einem Wochenverlust von über fünf Prozent auf spürbare Entlastung für energieintensive Branchen zu. Hoffnungen auf eine diplomatische Lösung rund um die Straße von Hormus drücken die Preise, auch wenn Washington bislang wenig Interesse an direkten Gesprächen mit Teheran zeigt.

Die Rede von Kevin Warsh beginnt um 16 Uhr deutscher Zeit. Bis dahin dürfte der DAX in einer engen Spanne nahe seiner Bestmarke verharren — die eigentliche Bewegung des Tages steht noch aus.