Der deutsche Leitindex tastet sich zurück – aber nur zögerlich. Nach zwei schweren Verlusttagen reicht es am Donnerstag gerade für ein hauchdünnes Plus, während einzelne Aktien im Index für die eigentliche Schlagzeile sorgen. Zwischen geopolitischer Nervosität und Übernahmefantasie zeigt sich: Die große Richtung fehlt, die Einzelwerte-Geschichten liefern dafür umso mehr Stoff.
Erholung im Schneckentempo
Der DAX notiert am Donnerstagmittag bei rund 24.932 Punkten, ein Plus von 0,1 Prozent. Im frühen Verlauf war der Index sogar bis auf 25.104 Punkte gestiegen, konnte das Niveau aber nicht halten. Noch am Montag hatte der Leitindex mit 25.900 Punkten ein Rekordhoch markiert – seither sind mehr als 1.000 Punkte verloren gegangen.
Auslöser der Talfahrt war eine Mischung aus eingetrübter Stimmung für KI-Werte in Asien und der erneuten Eskalation im Nahen Osten. Die USA griffen erneut Ziele im Iran an, was die Ölpreise zeitweise anschob. Der Brent-Preis pendelte zuletzt um die 78 Dollar je Barrel – Händler sprechen davon, dass der Markt die fragile Lage zuvor schlicht zu sorglos eingepreist hatte.
Etwas Rückenwind kam von der deutschen Handelsbilanz. Der Exportüberschuss weitete sich im Mai auf 19,1 Milliarden Euro aus, deutlich mehr als die erwarteten 14,8 Milliarden Euro und der größte Wert seit Februar. Die Ausfuhren zogen überraschend an, während die Importe zurückgingen – ein Signal, das vor allem zyklische Branchen wie Auto- und Maschinenbau stützt.
VW belastet, Rüstung und Halbleiter gefragt
Unter Druck bleibt Volkswagen. Die Vorzugsaktien fielen auf 71,10 Euro, während der Aufsichtsrat über weitreichende Sparpläne berät – laut Berichten stehen der Abbau von mehr als 70.000 Stellen sowie die Schließung oder das Auslaufen von vier Werken im Raum. Bankanalyst Patrick Hummel von UBS warnt vor Umbaukosten in Milliardenhöhe und hält angesichts des chinesischen Wettbewerbsdrucks sogar eine Gewinnwarnung für möglich. Rheinmetall gab parallel rund 4,4 Prozent ab, auch Mercedes-Benz und BMW gerieten mit dem schwachen Automobilsektor unter Druck.
Auf der Gewinnerseite dominieren dagegen Sondersituationen:
- Nordex: plus 5,7 Prozent nach einem überraschend starken Auftragseingang, der Bestellzahlen fast um ein Drittel steigen ließ.
- Siltronic: plus rund 13,5 Prozent, nachdem Exane BNP das Kursziel auf 108 Euro angehoben und auf „Outperform“ hochgestuft hatte.
- Deutz: plus etwa 3 Prozent durch die vollständige Übernahme der Flensburger Fahrzeugbau Gesellschaft für 1,6 Milliarden Euro, die den Zugang zum Militärfahrzeuggeschäft öffnet.
- Schott Pharma: plus rund 13 Prozent auf 20,15 Euro nach angehobener Jahresprognose und Hochstufung durch RBC Capital.
Infineon profitierte zudem von der Stabilisierung der asiatischen Chipwerte und legte etwa 1,2 Prozent zu.
Am Nachmittag richtet sich der Blick auf die Aufsichtsratssitzung bei Volkswagen – ihr Ausgang dürfte zeigen, wie weit der Konzern bei den Einschnitten tatsächlich gehen will. Für den Gesamtmarkt bleibt die Lage im Nahen Osten der entscheidende Unsicherheitsfaktor, an dem sich in den kommenden Tagen entscheidet, ob die Erholung Bestand hat.
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