Fünf deutsche Werte dominieren das 30-Tage-Momentum im EuroStoxx — angeführt von Delivery Hero mit einem Kursplus von über 50 Prozent. Dass ausgerechnet zyklische Wachstumsaktien das Feld anführen, markiert eine bemerkenswerte Verschiebung der Marktpräferenzen. Statt defensiver Versorger oder Bankentitel zieht Kapital in E-Commerce, Halbleiter und Konsumgüter.

RangUnternehmen30-Tage-Rendite
1Delivery Hero53,64 %
2Zalando29,68 %
3Infineon28,62 %
4Adidas22,00 %
5Merck20,92 %

Die Dominanz deutscher Titel in den Top 5 fällt auf. Sie deutet auf eine spezifische Stärke des DAX-Umfelds innerhalb Europas hin — getrieben von operativen Turnarounds, Megatrends und einer Rückkehr des Risikoappetits.

Delivery Hero: Parabolischer Anstieg mit Ansage

Der Berliner Essenslieferdienst sticht mit einer 30-Tage-Rendite von über 53 Prozent heraus. Eine Kursverdopplung seit Jahresbeginn — der aktuelle Kurs liegt bei 37,38 Euro — zeigt, wie massiv der Markt seine Einschätzung revidiert hat. Noch im März notierte die Aktie bei knapp 14,61 Euro am 52-Wochen-Tief.

Was steckt dahinter? Die operative Wende. Delivery Hero hat den Cashburn konsequent reduziert und beim bereinigten EBITDA Fortschritte geliefert, die Anleger überzeugen. Hinzu kommen Spekulationen über Portfolio-Optimierungen — Teilverkäufe asiatischer Tochtergesellschaften oder ein möglicher Börsengang der Marke Talabat könnten Kapital für Schuldentilgung oder Rückkäufe freisetzen.

Ein technischer Verstärker: die hohe Short-Quote. Der steile Kursanstieg zwingt Leerverkäufer zur Glattstellung, was den Aufwärtsdruck beschleunigt. Der RSI bei 67 signalisiert zwar noch keinen extremen überkauften Zustand, doch bei einer annualisierten Volatilität von knapp 70 Prozent gehört Delivery Hero zu den nervösesten Titeln im EuroStoxx. Gewinnmitnahmen nach einem solchen Parabolflug wären keine Überraschung.

Zalando: Effizienz schlägt Rabattschlacht

Zalando folgt mit einem 30-Tage-Plus von rund 30 Prozent auf Platz zwei. Die Aktie notiert bei 24,86 Euro und nähert sich damit wieder dem 52-Wochen-Hoch bei 26,89 Euro. Bemerkenswert: Seit Jahresbeginn steht lediglich ein minimales Plus von 0,57 Prozent — der gesamte Aufschwung konzentriert sich auf die letzten Wochen.

Der Treiber ist weniger eine Nachrichtenexplosion als eine schleichende Neubewertung. Das Effizienzprogramm greift, die Lagerbestandsverwaltung hat sich verbessert, und weniger Rabattaktionen führen zu höheren Bruttomargen. Gleichzeitig diversifiziert der Online-Modehändler seine Einnahmequellen über B2B-Logistikdienstleistungen für externe Partnermarken.

E-Commerce-Werte gewinnen nach langer Durststrecke wieder an Gunst. Die Erholung des europäischen Konsumklimas spielt Zalando in die Karten. Risiken bleiben:

  • Konkurrenz durch Shein und Temu mit aggressiven Preisstrategien
  • Konsumabhängigkeit bei einem möglichen Wiederanstieg der Inflation
  • RSI bei 70,3 — technisch an der Schwelle zum überkauften Bereich

Zalando setzt auf Qualität und Markenpartnerschaften als Differenzierungsmerkmal. Der Markt honoriert diese Strategie — vorerst.

Infineon: Europas Halbleiter-Champion im Sog der Megatrends

Infineon liefert mit knapp 29 Prozent Monatsrendite eine beeindruckende Performance, die allerdings von einer heftigen Korrektur in der Vorwoche getrübt wird. Minus 10,75 Prozent in sieben Tagen — das relativiert den Schwung erheblich. Der aktuelle Kurs von 76,27 Euro liegt fast 15 Prozent unter dem erst Anfang Juni erreichten 52-Wochen-Hoch bei 89,67 Euro.

Trotz des Rücksetzers: Die Jahrsbilanz bleibt spektakulär. Seit Jahresbeginn hat sich der Kurs nahezu verdoppelt. Die Nachfrage nach Leistungselektronik — essenziell für Elektromobilität, erneuerbare Energien und KI-Rechenzentren — treibt das Geschäft. Besonders der Bereich Siliziumkarbid gilt als Wachstumsmotor, nachdem Infineon hier Kapazitäten massiv ausgebaut und Langfristverträge mit führenden Automobilherstellern geschlossen hat.

Im Vergleich zu US-Halbleiterwerten galt Infineon lange als unterbewertet. Die aktuelle Sektor-Rotation hin zu europäischen Technologietiteln hat diesen Abschlag teilweise geschlossen. Die Zyklizität der Branche bleibt ein Risiko: Ein Nachlassen der globalen Autonachfrage oder neue Handelsbeschränkungen gegenüber China könnten das Momentum abrupt bremsen. Die annualisierte Volatilität von über 73 Prozent unterstreicht, dass Infineon nichts für schwache Nerven ist.

Adidas: Turnaround-Story trifft auf Lifestyle-Boom

Adidas reiht sich mit 22 Prozent Monatsplus auf Rang vier ein. Der Kurs bei 173,30 Euro liegt zwar noch deutlich unter dem 52-Wochen-Hoch von 212,20 Euro, aber die Richtung stimmt. Nach dem erfolgreichen Abbau der Yeezy-Altlasten konzentriert sich das Management auf das Kernprodukt — und der Markt belohnt es.

Retro-Modelle wie Samba und Gazelle sorgen für eine Nachfragewelle im Lifestyle-Segment, die weit über das klassische Sportgeschäft hinausgeht. Gleichzeitig stabilisiert der höhere Anteil an Direktverkäufen die Bruttomargen und gibt Adidas mehr Kontrolle über Preisgestaltung und Markenimage.

Der RSI von 72,5 deutet auf einen leicht überhitzten Zustand hin. Im Vergleich zu Delivery Hero oder Infineon ist die Volatilität mit knapp 34 Prozent allerdings moderat. Das Risiko liegt im intensiven Wettbewerb mit Nike sowie aufstrebenden Marken wie On oder Hoka, die um die gleiche Zielgruppe kämpfen. Rohstoffpreise und globale Lieferketten bleiben weitere Unsicherheitsfaktoren. Die Tatsache, dass Adidas auf Zwölfmonatssicht noch rund 17 Prozent im Minus liegt, zeigt: Der Turnaround ist im Gang, aber noch nicht abgeschlossen.

Merck: Stille Stärke aus drei Sparten

Merck komplettiert die Top 5 mit knapp 21 Prozent Monatsrendite und einem Kurs von 137,00 Euro — nur gut 2 Prozent unter dem frischen 52-Wochen-Hoch. Im Unterschied zu den anderen vier Titeln verläuft der Anstieg hier deutlich gleichmäßiger. Die Volatilität ist mit 33 Prozent die niedrigste im Quintett.

Die Stärke speist sich aus allen drei Sparten. Im Healthcare-Bereich liefern positive Nachrichten aus der Pharma-Pipeline Impulse. Life Science profitiert von einer Normalisierung der Nachfrage nach der pandemiebedingten Lagerbereinigung bei Labordienstleistern. Und im Electronics-Segment fließen indirekt die Gewinne des Halbleiterbooms ein — Merck liefert spezialisierte Materialien für die Chipfertigung.

Diese Diversifikation macht Merck zu einem defensiven Wachstumswert. Die jüngsten Quartalszahlen haben die Analystenerwartungen übertroffen und Kurszielerhöhungen nach sich gezogen. Risiken bestehen in den langen Entwicklungszyklen im Pharmabereich — ein Phase-III-Misserfolg könnte die Stimmung schnell drehen — sowie in regulativen Eingriffen bei der Medikamentenpreisgestaltung, insbesondere in den USA.

Risikoappetit kehrt zurück — mit Fragezeichen

Die Zusammensetzung dieses Rankings erzählt eine klare Geschichte: Europäische Anleger setzen wieder auf Wachstum. Operative Turnarounds bei Delivery Hero und Adidas treffen auf strukturelle Megatrends bei Infineon und Merck. Zalando profitiert von beidem — Effizienzgewinne und einer Erholung des Konsumklimas.

Auffällig ist die Bandbreite der Volatilität. Delivery Hero und Infineon bewegen sich mit knapp 70 bis 74 Prozent annualisierter Schwankungsbreite in einem Bereich, der sonst eher Small Caps vorbehalten ist. Merck und Zalando sind mit rund 33 Prozent vergleichsweise ruhig. Für Anleger, die Momentum als Selektionskriterium nutzen, ergeben sich daraus unterschiedliche Risikoprofile:

  • Hohes Momentum, hohe Volatilität: Delivery Hero, Infineon — kurzfristiges Korrekturrisiko erhöht
  • Starkes Momentum, moderate Volatilität: Zalando, Adidas, Merck — technisch weniger anfällig für Rückschläge
  • RSI-Warnung: Adidas (72,5) und Zalando (70,3) bewegen sich an der überkauften Schwelle

Ein hohes 30-Tage-Momentum signalisiert kurzfristige Stärke. Es ist kein Freifahrtschein. Die Geschichte zeigt: Parabolische Anstiege enden selten mit sanfter Landung. Wer hier einsteigt, sollte wissen, dass er auf einer Welle reitet — nicht auf einem Fundament steht.