Liebe Leserinnen und Leser,
am Montag schloss ich mit der Beobachtung, dass die größten Verschiebungen selten dort stattfinden, wo die lautesten Schlagzeilen entstehen. Zwei Tage später bestätigt sich das Muster – nur diesmal in einer Dimension, die selbst Optimisten überraschen dürfte. Der DAX legte am Mittwoch 2,24 Prozent zu und schloss bei 24.949 Punkten, befeuert von Berichten des US-Portals Axios über ein mögliches Memorandum of Understanding zwischen Washington und Teheran. Die Ölpreise fielen zeitweise unter 100 US-Dollar, das vorläufige Pausieren der US-Operation „Project Freedom“ drückte die geopolitischen Risikoaufschläge nach unten. Soweit die Oberfläche. Darunter vollziehen sich zwei Umschichtungen, die für die kommenden Monate schwerer wiegen als jeder Tagesgewinn im DAX: Das Kapital rotiert in der Kryptowelt von Bitcoin in die zweite Reihe – und die KI-Industrie verschlingt Hunderte Milliarden für physische Infrastruktur.
Krypto-Rotation: Die Altcoins erwachen
Bitcoin notierte am Mittwochmorgen bei 82.320 US-Dollar und hat sich damit oberhalb der 82.000er-Marke stabilisiert. Doch die eigentliche Geschichte spielt sich eine Etage tiefer ab. Der Anteil der Altcoins am kombinierten BTC- und ETH-Handelsvolumen auf Binance ist zuletzt von 31 auf 49 Prozent gesprungen. Parallel dazu stieg der Anteil der Altcoins, die über ihrer 200-Tage-Linie notieren, von 2,3 auf 11,7 Prozent.
Das sind keine Zufallsbewegungen. Ethereum erreichte mit 2.412 US-Dollar den höchsten Stand seit dem 27. April. Spot-ETFs auf Ripple sammelten allein am Dienstag Nettozuflüsse von 11,28 Millionen US-Dollar ein, nach bereits starken 81,59 Millionen im gesamten April. Bei Solana halten die entsprechenden ETFs mittlerweile fast 1,8 Prozent der gesamten Marktkapitalisierung des Tokens.
Flankiert wird die Rotation von einem Schwergewicht der alten Finanzwelt: Morgan Stanley plant noch in diesem Jahr den Start eines Krypto-Spot-Handels für seine 8,6 Millionen E*Trade-Nutzer – mit einer Gebühr von 50 Basispunkten, deutlich unter dem, was Coinbase oder Robinhood verlangen. Wenn eine Bank dieser Größenordnung den Kryptohandel zum Commodity-Preis anbietet, ist das kein Experiment mehr. Es ist Infrastruktur.
KI-Welle 2.0: 440 Milliarden für Beton, Strom und Kühlung
Am Montag beschrieb ich, wie sich der KI-Boom von den Chipdesignern zur physischen Infrastruktur verlagert. Die Zahlen, die diese Woche auf den Tisch kamen, setzen dieser Entwicklung eine neue Größenordnung. KI-bezogene Investitionen waren im ersten Quartal 2026 für 75 Prozent des US-BIP-Wachstums verantwortlich. Die fünf großen Hyperscaler – Amazon, Microsoft, Alphabet, Meta und Oracle – planen für das laufende Jahr Ausgaben von über 440 Milliarden US-Dollar.
Was das konkret bedeutet, zeigt ein Blick auf OpenAI: Mitgründer Greg Brockman kündigte an, in diesem Jahr rund 50 Milliarden US-Dollar allein für Rechenleistung auszugeben. Der jüngste Jahresumsatz des Unternehmens liegt bei 20 Milliarden. OpenAI gibt also das Zweieinhalbfache seiner Einnahmen für eine einzige Kostenposition aus.
Alphabet platzierte am Mittwoch eine Anleiheemission über 17 Milliarden US-Dollar in Europa und Kanada, um den Ausbau mitzufinanzieren. Das Projekt „Stargate AI“ sieht Investitionen von über 100 Milliarden in Rechenzentren vor. Der VanEck Semiconductor ETF kletterte auf 522,69 US-Dollar. AMD-Chefin Lisa Su prognostizierte, dass der Markt für Server-CPUs bis 2030 auf 120 Milliarden US-Dollar anwachsen wird. Die Botschaft ist klar: Wer in KI investieren will, muss längst nicht mehr nur auf Software schauen – Beton, Kupfer und Kühlwasser sind die neuen Engpassfaktoren.
HENSOLDT verdoppelt, die EZB beruhigt
In Frankfurt überzeugte neben Siemens, die 2,5 Prozent auf 267,00 Euro zulegten, vor allem HENSOLDT. Der MDAX-Rüstungszulieferer meldete für das erste Quartal eine Verdopplung des Auftragseingangs auf knapp 1,5 Milliarden Euro. Der Auftragsbestand erreichte mit 9,8 Milliarden Euro einen neuen Rekord. Die Aktie schloss bei 80,78 Euro.
Der Verteidigungssektor wandelt sich gerade grundlegend – weg von klassischer Hardware, hin zu digitalen Systemen, die staatliche Milliarden-Budgets auf sich ziehen. Genau diese Verschiebung analysiert Carsten Müller morgen um 18:00 Uhr im Live-Webinar „Bytes statt Bomben – Ihre +934 %-Chance mit der Revolution der Verteidigung!“. Er stellt vier Unternehmen vor, die im Bereich digitale Verteidigung und Cybersicherheit positioniert sind – dort, wo Software-Margen auf gesicherte Staatsaufträge treffen und die NATO-Ostflanke den Bedarf für Jahre festschreibt. Konkret geht es darum, wie der Übergang von konventioneller Rüstung zu digitalen Schutzsystemen Anlegern strukturelle Chancen eröffnet, die mit klassischen Rüstungswerten kaum zu erschließen sind. Jetzt kostenlos zum Webinar anmelden
Auf makroökonomischer Ebene sendet die EZB beruhigende Signale: Trotz der Inflationssorgen durch den Nahost-Konflikt sieht die Notenbank keine Anzeichen für eine Lohn-Preis-Spirale und rechnet für 2026 mit einem Tariflohnwachstum von 2,6 Prozent. Weniger beruhigend ist der Dienstleistungssektor: Der S&P Global Einkaufsmanagerindex für die Eurozone fiel im April um 2,6 Punkte auf 47,6 Zähler – der niedrigste Wert seit fünf Jahren. Die Industrie stabilisiert sich, die Dienstleister schwächeln. Das ist das Gegenteil der üblichen Rollenverteilung.
GameStop gegen eBay: Der Markt glaubt nicht daran
Die GameStop-eBay-Saga, die am Montag mit dem formellen Angebot begann, hat sich zur Wochenmitte weiter zugespitzt. GameStop beziffert das Übernahmeangebot auf 55,5 Milliarden US-Dollar, hälftig in Bar und Aktien. Das Problem bleibt dasselbe: GameStop bringt eine Marktkapitalisierung von rund 12 Milliarden mit, eBay kommt auf 46 Milliarden.
Die liquiden Mittel von GameStop belaufen sich auf 9,4 Milliarden US-Dollar – eine beachtliche Kriegskasse, aber bei weitem nicht ausreichend. Auf Polymarket wird die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Deals auf 16 Prozent taxiert. Die GameStop-Aktie verlor nach der Ankündigung 10 Prozent. eBay hingegen lieferte operative Argumente für seinen Kurs: Im ersten Quartal 2026 stieg der Umsatz um 19,5 Prozent auf 3,09 Milliarden US-Dollar. Auf Jahressicht hat die eBay-Aktie über 50 Prozent zugelegt – ganz ohne die Hilfe eines Meme-Stock-Ritters.
Was morgen zählt
Am Donnerstag wird sich zeigen, ob die geopolitische Entspannung trägt oder ob die Iran-Berichte zu früh gefeiert wurden. In Frankfurt rückt die Berichtssaison in den Vordergrund: Vonovia, Siemens Healthineers und Lanxess legen Quartalszahlen vor.
Die Lektion dieser Wochenmitte: Der DAX-Anstieg um fast 1.000 Punkte seit Montag ist eindrucksvoll, aber er erzählt nur einen Teil der Geschichte. Die tieferen Kapitalströme fließen in Altcoins, in Rechenzentren und in Rüstungsaufträge. Drei Bereiche, die vor zwei Jahren kaum im selben Satz genannt wurden. Dass sie es jetzt werden, sagt mehr über den Zustand der Welt aus als jeder Indexstand.
Herzlichst, Ihr Andreas Sommer


