Liebe Traderinnen und Trader,

der Streit um neue Rechenzentren in den USA verschiebt Geld von den Bauherren zu den Stromlieferanten. Bloom Energy sprang am Dienstag im frühen US-Handel um 10,9 Prozent, während Oracle sich erst langsam von seinem 52-Wochen-Tief löst. Dazu kommen drei Handelsmarken mit klarem Termin: Tanker nahe Jahreshoch bei fallendem Öl, China-Autos an neuen Tiefs und zwei binäre Ereignisse am Mittwoch bei Gerresheimer und Scholar Rock.

Strom vor Ort schlägt den Bauherren

Bloom Energy legte zu, nachdem RBC Capital die Einstufung „Outperform“ und das Kursziel von 335 Dollar (rund 295 Euro) bestätigte. Der Brennstoffzellenhersteller hat zusätzliche 158.000 Quadratfuß Fläche angemietet, was RBC als Nachfragesignal wertet. Bloom Energy hat sich binnen zwölf Monaten vervielfacht, die Marktkapitalisierung liegt bei 87,3 Milliarden Dollar. Bewertungsmodelle sehen den Titel damit deutlich über seinem fairen Wert.

Warum die Story trotzdem trägt, zeigt ein Blick nach Pennsylvania. NorthPoint Development bot im Juni rund 4.500 Haushalten in Hazle Township, Pennsylvania, je 10.000 Dollar für die Aufgabe ihres Protests gegen ein Rechenzentrum.

Nur etwa 100 Anwohner nahmen an. Laut Gallup lehnen sieben von zehn US-Bürgern Rechenzentren in ihrer Nachbarschaft ab. Datacenterwatch zählt für das zweite Quartal 45 blockierte Projekte im Wert von 68 Milliarden Dollar.

Oracle hatte wegen Schutzmaßnahmen gegen Ausfallkosten bei Protesten in New Mexico zuvor einen Kursrückgang von über 3 Prozent verdauen müssen. Inzwischen erholt sich Oracle: Die Aktie notiert aktuell bei 123,32 Euro und damit 5,7 Prozent über dem Montagsschluss, auf Jahressicht bleibt ein Minus von 49 Prozent.

Die These für Trader: Wer Strom direkt am Standort liefert und damit Netzanschluss und Anwohnerstreit umgeht, sammelt die Prämie ein, die der reine Bauherr an Bürgerinitiativen und Gerichte abgeben muss. Bloom Energy ist nach dem Lauf kein Einstiegskandidat, aber der Wert zeigt, wo die relative Stärke im KI-Ausbau gerade sitzt.

Tanker: Der Markt bezahlt die Umwege

Die zweite Zone relativer Stärke liegt auf dem Wasser. Brent ist nach dem Sprung über 100 Dollar am Montag wieder unter die Marke gerutscht und notiert bei rund 96 Dollar.

Die politischen Nachrichten bleiben dabei hart: US-Präsident Trump lehnte einen iranischen Vorschlag ab, die Straße von Hormus binnen sieben Tagen zu öffnen. Teheran hatte dafür die Aufhebung von Seeblockade und Sanktionen verlangt. Der Rial fiel auf ein Rekordtief von über 2,5 Millionen je Dollar.

Saudi-Arabien meldet dagegen Entspannung: Die 1.200 Kilometer lange Ost-West-Pipeline läuft nach dem Drohnenangriff wieder, Kpler zählte am 27. September 12,5 Millionen Barrel Verladung in Yanbu. Die Vollkapazität soll binnen weniger Wochen erreicht sein. Umgeleitete Ströme bedeuten längere Routen, und genau davon leben Tankerreedereien.

Scorpio Tankers hat seit Jahresbeginn kräftig zugelegt und notiert in Reichweite seines Mitte September markierten Jahreshochs. TORM zeigt dasselbe Bild noch deutlicher. TORM notiert aktuell bei 32,00 Euro, 2,1 Prozent über dem Montagsschluss, seit Jahresbeginn summiert sich das Plus auf 88 Prozent. Das 52-Wochen-Hoch vom 18. September liegt bei 33,60 Euro.

Am Mittwoch treffen sich Scorpio, TORM, Dorian LPG, Star Bulk und Safe Bulkers auf dem Capital Link Maritime Forum in New York mit Investoren. Ein Ausbruch der Tankerwerte über ihre Septemberhochs bei fallendem Ölpreis wäre der Beleg, dass der Markt nicht den Rohstoff, sondern die Logistik bezahlt.

Ein Warnsignal für alle Energiesensitiven sendet die Reserve Bank of Australia. Sie hob den Leitzins heute um 25 Basispunkte auf 4,6 Prozent, ein 15-Jahres-Hoch, und begründete das ausdrücklich mit Energiepreisen aus dem Nahost-Konflikt.

China-Autos: Rekordabsatz, Rekordtiefs

Bei den chinesischen Autobauern klaffen Absatz und Aktienkurs so weit auseinander wie selten. Laut Herstellerverband CPCA hielten chinesische Eigenmarken im August 69,9 Prozent des heimischen Pkw-Einzelhandels.

BYD verkaufte 234.000 Fahrzeuge im Inland und exportierte über 180.000 Einheiten. Die Exporte aller chinesischen Marken stiegen um 82 Prozent auf 780.000 Fahrzeuge. Leapmotor rückte mit 84.900 Fahrzeugen und einem Plus von 65,9 Prozent auf Rang vier vor, noch vor Changan.

Die Kurse erzählen das Gegenteil. BYD verliert am Dienstag 3,4 Prozent auf 8,44 Euro, das 52-Wochen-Tief vom 30. Juni bei 8,03 Euro ist in Sichtweite.

Nio fällt 4,5 Prozent auf 3,00 Euro und markiert damit ein neues 52-Wochen-Tief. Das gilt auch für Stellantis, den Vertriebspartner von Leapmotor, mit 3,93 Euro und einem Jahresminus von 58 Prozent.

Geely bricht um 7,3 Prozent auf 1,67 Euro ein, obwohl der Konzern 30 Prozent an Nio Energy übernimmt und dafür seine Tochter Yihulian plus 640 Millionen Yuan (rund 84 Millionen Euro) einbringt. Nio erhält im Gegenzug eine Gegenbeteiligung an einer Geely-Tochter aus dem Ladegeschäft.

Dazu kommt der neue Fünfjahresplan sieben chinesischer Ministerien vom Montag: Feststoffbatterien sollen bis 2030 in Serie gehen, langlebige Lithiumzellen 15.000 Ladezyklen erreichen.

Für Trader ist das ein klassischer Fall, in dem Marktanteile nichts wert sind, solange der Kurs neue Tiefs schreibt: Erst ein Tagesschluss über dem Vortagestief bei Nio und Stellantis oder ein Halten der 8,03 Euro bei BYD liefert ein Signal, vorher bleibt jeder Kauf ein Griff in ein fallendes Messer.

Gerresheimer: Die Testat-Frist läuft ab

Bei Gerresheimer läuft am Mittwoch die Uhr ab. Die Schuldschein-Gläubiger hatten die Frist für testierte Abschlüsse mit 96 Prozent Zustimmung bis zum 30. September verlängert. Parallel eskaliert die Aufarbeitung: Die Abschlussprüferaufsicht APAS leitet ein Berufsverfahren gegen KPMG ein, weil die Prüfer den Jahresabschluss 2024 trotz Verstößen uneingeschränkt testiert hatten.

Bestätigt sind vorzeitig gebuchte Umsätze von 35 Millionen Euro mit 24 Millionen Euro Effekt auf das bereinigte EBITDA. Die BaFin prüft darüber hinaus Leasingverbindlichkeiten von 65,5 Millionen Euro, aktivierte Entwicklungskosten von 29,4 Millionen Euro und mögliche Wertminderungen von 196,5 Millionen Euro im Segment Advanced Technologies. Diese letzte Position wiegt schwer, denn Gerresheimer bringt an der Börse nur noch rund 900 Millionen Euro auf die Waage.

Der Aktionärsverband DSW lässt Haftungsansprüche gegen die Ex-Vorstände Siemssen und Metzner prüfen. Der Investor Active Ownership hält 13,67 Prozent der Stimmrechte.

Gerresheimer notiert aktuell bei 27,54 Euro und liegt 1,1 Prozent im Plus. Seit Jahresbeginn steht praktisch eine Nullnummer, vom Tief bei 14,90 Euro am 26. Februar hat sich der Kurs aber fast verdoppelt.

Die Prognose von 2,3 bis 2,4 Milliarden Euro Umsatz bei 18 bis 19 Prozent bereinigter EBITDA-Marge steht unter Vorbehalt. Wer die Aktie hält, sollte den Mittwoch als Ereignis behandeln: Ein Testat in der Frist entfernt das Finanzierungsrisiko, ein Verzug setzt die Schuldscheine wieder ins Spiel.

Scholar Rock: Eine Wette auf Fabrikpapiere

Scholar Rock steht am Mittwoch vor der Zulassungsentscheidung der FDA für Apitegromab gegen spinale Muskelatrophie. Die FDA prüft den Antrag nur noch mit der zweiten US-Abfüllanlage, nachdem sie die Inspektion bei Catalent Indiana am 7. August als gravierend beanstandet hatte.

Catalent wurde aus dem Antrag gestrichen, das Datenpaket für die Ersatzanlage ist eingereicht, kommerzielle Ware liegt vor Ort. Der Entscheidungstermin blieb beim 30. September.

Scholar Rock notiert bei 42,25 Euro, 2,3 Prozent unter dem Montagsschluss, auf 30-Tage-Sicht summiert sich das Minus auf 14 Prozent. Das 52-Wochen-Hoch vom 14. September liegt bei 54,50 Euro, das Tief vom 16. März bei 34,60 Euro.

Der Markt preist offensichtlich ein Restrisiko aus dem Produktionswechsel ein. Wer hier vor dem Termin handelt, kauft eine Wette auf Herstellungsdokumente, nicht auf Wirksamkeitsdaten, und sollte die Position entsprechend klein halten.

Marschroute

Bei den Tankern entscheiden die Septemberhochs, bei TORM konkret die 33,60 Euro, bei Oracle die Distanz zum Tief von 100,76 Euro. Nio bei 3,00 Euro und Stellantis bei 3,93 Euro haben frische Tiefs markiert, BYD verteidigt die 8,03 Euro. Am Mittwoch liefern Gerresheimer mit der Testat-Frist und Scholar Rock mit der FDA-Entscheidung zwei harte Termine.

Im Hintergrund bleibt der Zinsdruck: Die zehnjährige US-Rendite steht bei rund 5,25 Prozent, Ökonomen erwarten die PCE-Inflation für August bei 3,7 Prozent, und der Markt rechnet für Oktober mit einer Fed-Zinserhöhung. Nvidia handelt nahe dem Rekordhoch, Broadcom legt über 2 Prozent zu. Die eigentliche Bewegung abseits der Chips sitzt aber in Strom vor Ort, in Tankern und in den Tiefs der China-Autos.

Gute Trades,