Die globalen Finanzmärkte erleben eine historische Woche: Der US-Dollar stürzt auf ein Vier-Jahres-Tief, während Gold erstmals die Marke von 5.200 Dollar durchbricht und der Euro seine stärkste Rallye seit Jahren fortsetzt. Im Zentrum dieser dramatischen Entwicklungen steht die zunehmende Unsicherheit über die US-Wirtschaftspolitik unter Präsident Donald Trump – und das Vertrauen in den Greenback schwindet rapide.
Dollar-Krise verschärft sich dramatisch
Der Dollar-Index fiel am Dienstag um 0,48 Prozent auf 96,64 Punkte und notierte damit nahe dem September-Tief, als die Währung auf den niedrigsten Stand seit dreieinhalb Jahren abrutschte. Was die Situation besonders brisant macht: Trump selbst schien unbesorgt. Auf die Frage, ob der Dollar zu stark gefallen sei, antwortete er lediglich, die Währung sei „großartig“ – eine Reaktion, die weitere Verkaufswellen auslöste.
„Mit dem ‚Tariff Man‘, der keine Reue zeigt, und einer US-Regierung, die auf einen weiteren Shutdown zusteuert, schießt die wirtschaftspolitische Unsicherheit erneut in die Höhe“, erklärt Karl Schamotta, Chef-Marktstratege bei Corpay in Toronto. Die Folge: Der „Sell America“-Trade, der seit einem Jahr die Märkte dominiert, intensiviert sich weiter.
Besonders schmerzhaft für ausländische Investoren: Sie halten US-Treasuries mit vier Prozent Rendite, verlieren aber rund zehn Prozent auf der Währungsseite. Kein Wunder also, dass Australiens zweitgrößter Pensionsfonds, Australian Retirement Trust, seine Dollar-Exposition durch Hedging reduziert – ein Trend, der sich bei institutionellen Anlegern weltweit abzeichnet.
Euro durchbricht psychologische Marke
Der Euro kletterte am Mittwoch auf 1,20 Dollar – ein Niveau, das zuletzt im Juni 2021 erreicht wurde. Die Aufwertung von rund 13 Prozent im vergangenen Jahr markiert das beste Jahr seit 2017. Doch hinter dem Jubel über die Stärke wächst die Sorge über mögliche Nebenwirkungen.
MartÃn Kocher, Chef der österreichischen Notenbank und Mitglied im EZB-Rat, warnte in einem Interview mit der Financial Times: „Wenn der Euro weiter und weiter aufwertet, könnte dies natürlich irgendwann eine gewisse Notwendigkeit schaffen, in Sachen Geldpolitik zu reagieren.“ Nicht wegen des Wechselkurses selbst, betonte er, sondern weil dieser zu geringerer Inflation führe.
Die Stärke des Euro belastet zunehmend europäische Exporteure. Unternehmen im STOXX 600 Index erwirtschaften 60 Prozent ihrer Umsätze im Ausland, davon fast die Hälfte in den USA. Goldman Sachs schätzt, dass die Euro-Stärke im vergangenen Jahr etwa die Hälfte der Gewinnprognosen-Rückstufungen erklärte. Barclays rechnet damit, dass die Unternehmensgewinne bereits geschrumpft sind.
Yen-Intervention lässt Märkte zittern
Viel Aufmerksamkeit galt dem japanischen Yen, der über zwei Handelstage um bis zu drei Prozent zulegte – Auslöser waren Spekulationen über koordinierte Interventionen der USA und Japans. Die Währung rutschte unter 153 zum Dollar und handelte zuletzt bei 152,96.
Die mögliche US-Beteiligung an einer Intervention markiert einen Paradigmenwechsel. „Es deutet darauf hin, dass mehrere Parteien bereit sein könnten zu intervenieren“, erklärt Parisha Saimbi, EM-Asia-Strategin bei BNP Paribas. Das unterscheide sich fundamental von früheren Interventionsepisoden der vergangenen Jahre, als Japan allein agierte.
Zwar bestätigten weder japanische noch US-Behörden offiziell Rate-Checks, doch eine mit der Sache vertraute Person verriet Reuters, dass die New York Fed am Freitag Dollar-Yen-Kurse bei Händlern abgefragt habe. Japanische Behörden betonten, sie stünden in enger Abstimmung mit den USA bei Devisenfragen.
Gold glänzt wie nie zuvor
Von der Dollar-Schwäche profitierte vor allem Gold: Das Edelmetall durchbrach erstmals die Marke von 5.200 Dollar und erreichte ein Rekordhoch von 5.224,95 Dollar je Unze – ein Plus von über 20 Prozent seit Jahresbeginn. Silber sprang auf 113,63 Dollar, nachdem es am Montag mit 117,69 Dollar ein Allzeithoch markiert hatte – ein Anstieg von fast 60 Prozent in diesem Jahr.
„Der Anstieg ist auf die sehr starke indirekte Korrelation mit dem Dollar zurückzuführen“, sagt Kelvin Wong, Senior-Analyst bei OANDA. „Trumps beiläufige Bemerkung zum Dollar implizierte einen breiten Konsens im Weißen Haus für einen schwächeren Greenback.“
Die Deutsche Bank prognostiziert, Gold könne 2026 auf 6.000 Dollar klettern, getrieben von anhaltender Investmentnachfrage. Zentralbanken und Investoren weltweit erhöhen ihre Allokationen in Nicht-Dollar- und Sachwerte – ein Trend, der sich durch die wachsende Unsicherheit über die US-Wirtschaftspolitik verstärkt.
Handelskrieg belastet Stimmung
Trump verschärfte seine protektionistische Rhetorik weiter: Er kündigte an, die Zölle auf südkoreanische Importe wie Autos, Holz und Pharmaprodukte auf 25 Prozent anzuheben. Der südkoreanische Won reagierte mit einem Kursanstieg von 0,45 Prozent auf 1.439,14 je Dollar.
Auch Kanada geriet ins Visier: Trump drohte mit 100-prozentigen Zöllen, sollte Ottawa ein Handelsabkommen mit China abschließen. Die eskalierende Handelspolitik nährt Sorgen über globale Wachstumsrisiken – Deutschland etwa senkte seine BIP-Prognose für 2026 von 1,3 auf 1,0 Prozent.
Gleichzeitig eskaliert der Streit um den Hafen von Darwin: Australiens Premierminister Anthony Albanese bekräftigte, der seit 2015 für 99 Jahre an den chinesischen Konzern Landbridge verpachtete Nordhafen müsse zurück in australische Hände. Chinas Botschafter in Canberra drohte mit Handelsvergeltung und warnte, eine erzwungene Übernahme könnte Investitionen und Handel beeinträchtigen.
Fed-Entscheidung im Fokus
Während die Märkte turbulent bleiben, richtet sich der Blick auf die Fed-Sitzung am Mittwoch. Die Zinsen dürften unverändert bleiben – doch die größere Frage ist, wie Fed-Chef Jerome Powell mit Fragen zur Unabhängigkeit der Notenbank umgeht. Trump hatte angekündigt, seinen Kandidaten für Powells Nachfolge „sehr bald“ nach der Zinsentscheidung bekanntzugeben, insbesondere wenn ihm das Ergebnis nicht gefalle.
„Das große Risiko liegt nicht in der Zinsentscheidung selbst“, sagt Nick Rees, Makro-Research-Chef bei Monex. „Wir sind zuversichtlich, dass die Fed die Zinsen unverändert lässt. Aber Trump wird das nicht mögen.“ Die politische Einflussnahme auf die Geldpolitik bleibt ein Unsicherheitsfaktor, der das Vertrauen in den Dollar weiter untergraben könnte.
Die kommenden Wochen dürften zeigen, ob die Dollar-Schwäche eine vorübergehende Korrektur oder der Beginn einer fundamentalen Neuordnung des globalen Währungssystems ist. Eines ist jedoch klar: Die Ära der uneingeschränkten Dollar-Dominanz scheint zu bröckeln.


