Dollar-Chaos erschüttert Weltmärkte

Die Nominierung eines neuen Fed-Chefs und politische Einflussnahme lösen extreme Volatilität an Devisen-, Rohstoff- und Aktienmärkten aus und gefährden die Stabilität des Dollar-Systems.

Dollar-Chaos erschüttert Weltmärkte
Kurz & knapp:
  • Politische Fed-Nominierung spaltet Washington
  • Gold und Silber erleben historische Kurseinbrüche
  • Aktienmärkte zeigen gespaltenes Bild
  • Zinskurve steht unter enormer Spannung

Die internationalen Finanzmärkte durchleben turbulente Zeiten. Während die US-Währung eine Berg-und-Talfahrt hinlegt, geraten von Gold über Aktien bis hin zu Staatsanleihen zahlreiche Anlageklassen unter Druck. Im Zentrum der Unruhe steht eine explosive Mischung aus politischer Einflussnahme auf die Federal Reserve und grundlegenden Zweifeln an der Stabilität des Dollar-Systems.

Fed unter Beschuss: Warsh-Nominierung spaltet Washington

Die Nominierung von Kevin Warsh zum neuen Fed-Chef durch US-Präsident Donald Trump entwickelt sich zum politischen Showdown. Demokratische Senatoren fordern eine Verschiebung der Anhörungen, solange strafrechtliche Ermittlungen gegen den amtierenden Fed-Chef Jerome Powell und Gouverneurin Lisa Cook laufen. „Die Nominierung erfolgt nach monatelangen wiederholten Versuchen von Präsident Trump und seiner Regierung, die Fed durch Einschüchterung zu beeinflussen“, heißt es in einem Brief aller elf demokratischen Mitglieder des Bankenausschusses.

Das Justizministerium untersucht Powell wegen angeblicher Falschaussagen bei Senatsanhörungen zur Renovierung des Fed-Hauptsitzes, während Cook Fehler in Hypothekenanträgen vorgeworfen werden. Powell bezeichnet die Ermittlungen als Teil eines Versuchs, unangemessene Kontrolle über die Geldpolitik auszuüben. Cook bestreitet jegliches Fehlverhalten und klagt derzeit vor dem Obersten Gerichtshof gegen ihre mögliche Entlassung.

Warsh selbst gilt als schwer kalkulierbar. Als Fed-Gouverneur von 2006 bis 2011 zeigte er sich als Falke, neuerdings argumentiert er jedoch deutlich taubenhafter – passend zu Trumps Erwartungen baldiger Zinssenkungen. Diese 180-Grad-Wende macht ihn für Marktteilnehmer unberechenbar und schürt Sorgen vor erhöhter Volatilität.

Dollar-Achterbahn lässt Rohstoffmärkte abstürzen

Die Unsicherheit um die Fed-Führung löste dramatische Bewegungen am Devisenmarkt aus. Nachdem der Dollar im Januar auf Vierjahrestiefs gefallen war, legte er nach Warsh‘ Nominierung schlagartig zu – mit verheerenden Folgen für Rohstoffmärkte. Gold erlebte seinen größten Tagesrückgang seit den frühen 1980er Jahren und verlor am Montag 5%, nachdem es im Januar seinen besten Monat seit über einem halben Jahrhundert verzeichnet hatte. Am Dienstag erholte sich das Edelmetall um 6,14% auf 4.951,72 Dollar je Unze.

Silber stürzte am Freitag um 27% ab, gefolgt von weiteren 6% am Montag, bevor es am Dienstag 7,58% zulegte. Der populäre „Währungsabwertungstrade“, bei dem Anleger auf steigende Metallpreise bei gleichzeitig schwächelndem Dollar setzten, löste sich innerhalb von Tagen „mit Lichtgeschwindigkeit“ auf, wie die Société Générale konstatiert.

Auch Energiemärkte blieben nicht verschont. Brent-Rohöl steuert nach einem 16-prozentigen Januar-Rally auf die schlechteste Woche seit fast zwei Monaten zu. Am Dienstag gewann das schwarze Gold allerdings 1,55% auf 67,33 Dollar, nachdem das US-Militär eine iranische Drohne über dem Arabischen Meer abgeschossen hatte und iranische Schnellboote sich einem US-Tanker in der Straße von Hormus näherten.

Aktienmärkte gespalten: Tech unter Druck, Energie profitiert

An den Aktienbörsen zeigt sich ein gespaltenes Bild. Der S&P 500 schloss am Dienstag 0,84% niedriger bei 6.917,81 Punkten, während der Nasdaq Composite 1,43% auf 23.255,19 Zähler einbüßte. Hauptbelastung war der Technologiesektor mit einem Minus von 2,2%, angeführt von Nvidia mit minus 2,8%. Auslöser waren Berichte, wonach ChatGPT-Entwickler OpenAI nach schnelleren Alternativen zu Nvidias KI-Chips sucht.

„Jede KI-bezogene Schlagzeile wirkt derzeit als negativ und als Gegenwind für den breiteren Markt“, erklärt Sahak Manuelian von Wedbush Securities. Der Chipdesigner AMD verlor nach seinem Quartalsbericht im nachbörslichen Handel weitere 5%, während Super Micro Computer um über 6% zulegte.

Europas STOXX 600 erreichte dagegen den zweiten Rekordschluss in Folge mit einem Plus von 0,1%, wobei der Handel durch Verluste bei Software- und Werbeaktien gedämpft wurde. Profiteure waren Energiewerte im S&P 500, die um 3,3% kletterten und von steigenden Ölpreisen profitierten.

Renditekurve unter Spannung: Das Warsh-Paradox

Investoren wettern verstärkt auf eine steilere Zinskurve unter Warsh‘ Führung. Seine Präferenz für eine deutlich kleinere Fed-Bilanz – derzeit bei 6,59 Billionen Dollar – impliziert einen Rückzug bedeutender staatlicher Nachfrage nach Staatsanleihen. Weniger Fed-Käufe bedeuten mehr Treasury-Angebot am Markt, was tendenziell langlaufende Renditen anhebt und die Kurve steiler werden lässt.

Gleichzeitig dürften kurzfristige Renditen unter Warsh gedämpft bleiben, da er sich zuletzt – angepasst an Trumps Erwartungen – für baldige Zinssenkungen aussprach. Futures-Märkte preisen für 2026 zwei Zinssenkungen um je 25 Basispunkte ein, die erste voraussichtlich Mitte Juni. Die 2/10-Jahres-Kurve erreichte am Montag mit 72,70 Basispunkten ihre steilste Ausprägung seit dem 9. April, dem Tag nach Trumps „Liberation Day“ mit Zollankündigungen gegen Handelspartner.

„Es ist eine schwierige Politik umzusetzen. Eine Politik nutzt man in taubenhafter Weise durch Zinssenkungen, die andere führt zu höheren Zinsen durch Bilanzschrumpfung“, sagt Jim Barnes von Bryn Mawr Trust. „Sie bewegen sich in entgegengesetzte Richtungen. Man will gleichzeitig Zinsen senken und die Bilanz schrumpfen. Aber wie setzt man das in die Tat um?“

Währungsmärkte in Aufruhr: Australien stemmt sich gegen den Trend

Während der Dollar am Dienstag 0,18% auf 97,36 Punkte nachgab, stach der australische Dollar mit einem Plus von 1,08% auf 0,7022 US-Dollar hervor. Die Reserve Bank of Australia hatte überraschend die Zinsen um 25 Basispunkte auf 3,85% angehoben und verwies auf überhöhte Inflation sowie einen angespannten Arbeitsmarkt. Damit ist Australien neben Japan die einzige große Volkswirtschaft, die aktuell noch Zinsen erhöht.

Die Volatilität am 10-Billionen-Dollar-Devisenmarkt nimmt zu. Ein Maßstab für erwartete Schwankungen beim Euro/Dollar-Wechselkurs auf drei Monate erreichte vergangene Woche den höchsten Stand seit Juli. Nach Berechnungen von Barclays hat sich eine „US-Politikrisikoprämie“ für den Dollar gebildet, wodurch er sich von traditionellen Bewertungsmetriken wie Zinsunterschieden löst.

„Die Hauptfrage ist, ob Menschen das Vertrauen in die US-Vermögensbasis verlieren“, sagt Barclays-Stratege Themos Fiotakis. Ausländische Investoren halten fast 70 Billionen Dollar an US-Vermögenswerten – mehr als eine Verdopplung innerhalb eines Jahrzehnts. Ein ungeordneter Dollar-Rückgang von 5% monatlich könnte laut Bank of America einen „drastischen Ausverkauf langlaufender Treasuries“ auslösen.

Krypto-Blockade und Zinsunsicherheit

Derweil scheiterte ein Treffen im Weißen Haus daran, eine monatelange Blockade bei der US-Krypto-Gesetzgebung aufzulösen. Großbanken und Krypto-Firmen streiten über die Frage, ob Stablecoins Zinsen zahlen dürfen. Banken fürchten einen Einlagenabfluss, Krypto-Unternehmen halten Zinsverbote für wettbewerbswidrig. Der Clarity Act, der bundesweite Regeln für digitale Assets schaffen soll, bleibt damit weiter blockiert.

Hedgefonds ziehen sich unterdessen aus nordamerikanischen Assets zurück – wegen Handelskonflikten und politischer Unsicherheit. John Stopford von Ninety One kaufte Put-Optionen für steigende Treasury-Renditen und Call-Optionen für fallende, „um die Unsicherheit über die wahrscheinliche Richtung der Renditen abzudecken“. Auch Manager Oliver Blackbourn von Janus Henderson reduzierte seine Aktien- und Goldpositionen und schwenkte auf eine neutrale Haltung, um Marktrisiken zu meiden.

Das Dollar-Chaos entwickelt sich zum Weckruf für globale Investoren: In Zeiten politischer Einmischung und institutioneller Unsicherheit wird selbst die Weltreservewährung zum Spekulationsobjekt.

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Mit über fünfzehn Jahren Erfahrung als Wirtschaftsjournalist hat sich Felix Baarz als Experte für internationale Finanzmärkte etabliert. Seine Leidenschaft gilt den Mechanismen globaler Finanzmärkte und komplexen wirtschaftspolitischen Zusammenhängen, die er für seine Leserschaft verständlich aufbereitet.In Köln geboren und aufgewachsen, entdeckte er früh sein Interesse für Wirtschaftsthemen und internationale Entwicklungen. Nach seinem Studium startete er als Wirtschaftsredakteur bei einer renommierten deutschen Fachpublikation, bevor ihn sein Weg ins Ausland führte.Ein prägendes Kapitel seiner Karriere waren die sechs Jahre in New York, wo er direkten Einblick in die globale Finanzwelt erhielt. Die Berichterstattung von der Wall Street und über weltweite wirtschaftspolitische Entscheidungen schärfte seinen Blick für globale Zusammenhänge.Heute ist Felix Baarz als freier Journalist für führende Wirtschafts- und Finanzmedien im deutschsprachigen Raum tätig. Seine Arbeit zeichnet sich durch fundierte Recherchen und präzise Analysen aus. Er möchte nicht nur Fakten präsentieren, sondern auch deren Bedeutung erklären und seinen Lesern Orientierung bieten – sei es zu wirtschaftlichen Trends, politischen Entscheidungen oder langfristigen Veränderungen in der Finanzwelt.Zusätzlich moderiert er Diskussionen und nimmt an Expertenrunden teil, um sein Wissen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Dabei liegt sein Fokus darauf, komplexe Themen informativ und inspirierend zu vermitteln. Felix Baarz versteht seine journalistische Aufgabe darin, in einer sich schnell wandelnden Welt einen klaren Blick auf wirtschaftliche Zusammenhänge zu ermöglichen und seine Leser bei fundierten Entscheidungen zu unterstützen – beruflich wie privat.