Die globalen Finanzmärkte stehen unter Hochspannung. Während US-Präsident Donald Trump mit Zolldrohungen und territorialen Ambitionen auf Grönland für Verunsicherung sorgt, reagieren Investoren weltweit mit massiven Umschichtungen. Der Dollar gerät unter Druck, europäische Währungen gewinnen an Stärke – und die Federal Reserve sieht sich zunehmend politischem Druck ausgesetzt.
Geopolitische Spannungen setzen Dollar unter Druck
Der US-Dollar rutschte am Mittwoch von seinem Drei-Wochen-Tief gegenüber Euro und Schweizer Franken leicht ab, konnte sich aber stabilisieren, während Investoren gespannt auf Trumps Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos warteten. Der Euro notierte bei 1,1715 Dollar, nachdem er zuvor in zwei Handelstagen um mehr als ein Prozent zugelegt hatte. Am Dienstag erreichte die Gemeinschaftswährung mit 1,1770 Dollar den höchsten Stand seit Ende Dezember.
Die Verunsicherung hat konkrete Ursachen: Trumps wiederholte Drohungen, Zölle gegen europäische Nationen zu verhängen, die seine Ambitionen bezüglich Grönlands nicht unterstützen, lösten einen breiten Ausverkauf bei US-Vermögenswerten aus. US-Finanzminister Scott Bessent versuchte zwar zu beschwichtigen und spielte die Kritik europäischer Staats- und Regierungschefs herunter. Er beschrieb die dänischen Investitionen in US-Staatsanleihen als „irrelevant“ und zeigte sich „überhaupt nicht besorgt“ über einen möglichen Ausverkauf.
Doch die Märkte denken anders: Die dänische Pensionskasse AkademikerPension kündigte am Dienstag an, ihre US-Staatsanleihen im Wert von rund 100 Millionen Dollar bis Ende des Monats zu verkaufen – ein Symbol für wachsendes Unbehagen bei ausländischen Investoren.
Europäische Währungen profitieren von der Unsicherheit
Der sichere Hafen Schweizer Franken verlor am Mittwoch nur 0,13 Prozent auf 0,7909 pro Dollar, nachdem er zwischen Montag und Dienstag etwa 1,5 Prozent zugelegt hatte. Besonders bemerkenswert: Die schwedische Krone erreichte ein frisches Vier-Jahres-Hoch gegenüber dem Dollar bei 10,099 und legte um 0,35 Prozent zu. Investoren bevorzugen zunehmend Länder mit niedrigen Schuldenständen.
„Der nächste Schritt in der ‚Grönland oder nichts‘-Saga ist zu sehen, ob eine gemeinsame Basis gefunden werden kann, etwa eine gemeinsame NATO-Verwaltung Grönlands, beginnend in Davos diese Woche“, erklärte Thierry Wizman, globaler Devisen- und Zinsstratege bei Macquarie Group. „Bis das geschieht, bleibt die sogenannte Vorrangstellung der USA gefährdet, und damit auch die geopolitischen Ausrichtungen, die die Märkte in den letzten Jahren gestützt haben.“
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron drängt die EU, erstmals ihr Anti-Zwangs-Instrument zu nutzen – informell als „Handelsbazooka“ bekannt. Dieses könnte den US-Zugang zu öffentlichen Ausschreibungen einschränken oder den Handel mit Dienstleistungen wie Tech-Plattformen beschränken. Macron nannte es am Dienstag „verrückt“, dass es so weit gekommen sei.
Fed unter politischem Beschuss
Während die Devisenmärkte schwanken, gerät die Federal Reserve zunehmend ins Visier politischer Einflussnahme. Der Oberste Gerichtshof der USA verhandelt am Mittwoch über Trumps beispiellosen Versuch, Fed-Gouverneurin Lisa Cook zu entlassen – ein Fall, der die Unabhängigkeit der Zentralbank auf die Probe stellt.
Trump hatte im August versucht, Cook mit unbewiesenen Hypothekenbetrugsvorwürfen zu entlassen, die sie bestreitet. Cook bezeichnet die Anschuldigungen als Vorwand, um sie wegen geldpolitischer Differenzen loszuwerden, da Trump massiv Druck auf die Zentralbank ausübt, die Zinsen zu senken. Die Trump-Regierung hat zudem ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren gegen Fed-Chef Jerome Powell wegen Äußerungen zum Kongress über ein Bauprojekt der Fed eingeleitet – ein Schritt, den Powell ebenfalls als Vorwand zur Einflussnahme auf die Geldpolitik bezeichnet.
Eine aktuelle Reuters-Umfrage unter 100 Ökonomen zeigt: Die Fed wird ihre Leitzinsen voraussichtlich bis März und möglicherweise bis zum Ende von Powells Amtszeit im Mai unverändert bei 3,50 bis 3,75 Prozent halten. Das ist eine deutliche Verschiebung gegenüber dem Vormonat, als die meisten Experten mindestens eine Zinssenkung bis März erwarteten.
„Der wirtschaftliche Ausblick legt nahe, dass die Fed abwarten sollte, vielleicht sogar später in diesem oder nächstem Jahr Zinserhöhungen in Betracht ziehen sollte“, erklärte Jeremy Schwartz, leitender US-Ökonom bei Nomura. „In der Realität glauben wir aber, dass die Fed für den Rest von Powells Amtszeit bis Mai unverändert bleiben wird.“
Starke US-Wirtschaft erschwert Zinsentscheidungen
Die robuste US-Konjunktur liefert der Fed wenig Argumente für baldige Zinssenkungen. Die Wirtschaft wuchs im dritten Quartal mit robusten 4,3 Prozent und soll 2026 um 2,3 Prozent expandieren – eine Aufwärtsrevision von zuvor 2,0 Prozent und deutlich über der von der Fed geschätzten inflationsfreien Rate von 1,8 Prozent.
Die Bauausgaben in den USA stiegen im Oktober um 0,5 Prozent, stärker als die erwarteten 0,1 Prozent. Dabei dürften vor allem Renovierungen eine Rolle gespielt haben, da sowohl Einfamilien- als auch Mehrfamilienhäuser Rückgänge verzeichneten. Der Wohnungsbau kämpft mit höheren Hypothekenzinsen, teureren Baumaterialien durch Zölle auf Importe und Arbeitskräftemangel.
Die Inflation bleibt hartnäckig: Der Personal Consumption Expenditures Index – das bevorzugte Inflationsmaß der Fed – wird voraussichtlich für den Rest des Jahres und in jedem Kalenderjahr bis 2028 über dem Zwei-Prozent-Ziel der Fed liegen. Das macht schnelle Zinssenkungen unwahrscheinlich.
Wall Street sucht Einfluss auf Trumps Agenda
Während Trump seine Wirtschaftspolitik ausformt, versuchen große Wall-Street-Banken, seine Ideen zur Senkung der Lebenshaltungskosten zu beeinflussen. Laut Quellen aus dem Umfeld des Weltwirtschaftsforums in Davos äußern Finanzinstitute Zweifel an der Wirksamkeit einiger Trump-Vorschläge, etwa der Deckelung von Kreditkartenzinsen, die Bankaktien unter Druck setzte.
Stattdessen schlagen die Banken Alternativen vor: mehr Altersvorsorge fördern und früheren Vermögenstransfer von Eltern zu Kindern ermöglichen. „Wir sagen: ‚Was wollt ihr erreichen? Lasst uns Wege finden, euch zu helfen'“, erklärte ein hochrangiger US-Bankmanager. Citigroup-CEO Jane Fraser sagte am Dienstag, sie erwarte nicht, dass der Kongress Obergrenzen für Kreditkartenzinsen genehmigen werde.
Die wirtschaftlichen Themen – insbesondere die explodierenden Lebenshaltungskosten für Amerikaner – halfen Trump bei den Präsidentschaftswahlen 2024 zum Sieg. Trotz gesunkener Inflation seit dem Pandemie-Höhepunkt bleiben die Preise für Grundbedarfsgüter wie Wohnen und Lebensmittel hoch, was die Aussichten der Republikaner bei den Zwischenwahlen gefährdet.
Globale Märkte zwischen Hoffnung und Sorge
Während die USA ihre Hausaufgaben machen, setzt der Rest der Welt auf andere Schwerpunkte. Nvidia-CEO Jensen Huang beschrieb beim Weltwirtschaftsforum KI-Robotik als „einmalige Chance für eine Generation“ für Europa. Er hob Europas „unglaublich starke“ industrielle Fertigungsbasis als Schlüsselvorteil hervor und meinte, die Region könne die von den USA dominierte Software-Ära „überspringen“.
Allerdings warnte Huang, Europa müsse seine Energieversorgung „ernst nehmen“, um KI-Chancen voll zu nutzen. Die Region hat derzeit einige der weltweit höchsten Energiekosten, was die Infrastrukturentwicklung behindern könnte.
In Asien zeigt Indiens Wirtschaft laut dem jüngsten Bericht der Reserve Bank of India ein starkes Wachstumsmomentum. Die RBI prognostiziert ein BIP-Wachstum von 7,3 Prozent für das am 31. März endende Geschäftsjahr. Der Internationale Währungsfonds revidierte Indiens Wachstumsprognose am Montag um 0,7 Prozentpunkte nach oben auf 7,3 Prozent.
Der japanische Yen kämpft derweil mit eigenen Problemen: Trotz des Ausverkaufs bei US-Vermögenswerten blieb der Yen gegenüber dem Dollar bei etwa 158 diese Woche weitgehend unverändert. Premierminister Sanae Takaichi rief am Montag Neuwahlen für den 8. Februar aus und versprach Maßnahmen zur Lockerung der Fiskalpolitik. „Ein weiterer Ausverkauf bei japanischen Staatsanleihen würde den Dollar/Yen in Richtung Interventionsgebiet bei 159/160 ziehen“, erklärte Chris Turner, globaler Marktchef bei ING.
Die kommenden Tage dürften entscheidend werden: Trumps Rede in Davos, die Entscheidung des Supreme Court über Lisa Cook und die Fed-Sitzung Ende Januar werden zeigen, wohin die Reise für die globalen Finanzmärkte geht.


