Selten klaffte die Schere im Verteidigungssektor so weit auseinander wie in dieser Woche. Während US-Drohnenhersteller mit Rekordquartalen und frischen Pentagon-Aufträgen glänzen, kämpft Hensoldt mit den Folgen einer gestrichenen Bundeswehr-Fregatte. Die Trennlinie verläuft klar: europäische Programmrisiken auf der einen, amerikanischer Autonomie-Boom auf der anderen Seite.

Hensoldt: Insiderkäufe nach dem Absturz auf Jahrestief

Die Stornierung des F126-Fregattenprogramms durch das Bundesverteidigungsministerium am 24. Juni hat Hensoldt einen empfindlichen Schlag versetzt. Projektüberschreitungen und drohende Kostensteigerungen gaben den Ausschlag — für Hensoldt bedeutet das den Verlust eines Auftrags für TRS-4D-Marineradarsysteme im Gesamtvolumen von gut 200 Millionen Euro. Die Aktie sackte daraufhin auf ein neues 52-Wochen-Tief bei 63,12 Euro ab.

Mehr als ein Drittel des Auftragswertes war allerdings bereits als Umsatz verbucht. Der verbleibende Umsatzbeitrag für 2026 bewegt sich laut Unternehmensangaben nur im niedrigen zweistelligen Millionenbereich. Statt der F126 plant Deutschland nun die Beschaffung von MEKO-A-200-Fregatten — vorbehaltlich der Zustimmung des Haushaltsausschusses. Hensoldt prüft derzeit, welche Rolle das Unternehmen im Ersatzprogramm übernehmen könnte.

Das Management reagierte auf den Kursrutsch mit einem unmissverständlichen Signal. Vorstandsmitglied Inka Tews und CEO Oliver Dörre griffen in der vergangenen Woche bei eigenen Aktien zu — zusammen für knapp 193.000 Euro, bei Kursen zwischen 67 und 69 Euro. Operativ bleibt die Basis solide: Der Auftragseingang im ersten Quartal 2026 erreichte mit 1,48 Milliarden Euro einen Rekord, der gesamte Auftragsbestand wuchs auf rund 10 Milliarden Euro. Die Jahresziele — etwa 2,75 Milliarden Euro Umsatz bei einer bereinigten EBITDA-Marge zwischen 18,5 und 19,0 Prozent — bestätigt das Unternehmen ausdrücklich.

Heute notiert die Aktie bei 72,52 Euro, gut 15 Prozent über dem Tief. Entscheidend wird der 31. Juli: Der Halbjahresbericht soll Klarheit über die vertragliche Abwicklung des verbleibenden F126-Volumens bringen.

AeroVironment: Umsatz verdoppelt — Kurs explodiert um 30 Prozent in einer Woche

AeroVironment hat diese Woche die lauteste Schlagzeile im gesamten Sektor geliefert. Die Aktie schoss nach der Vorlage der Quartalszahlen um fast 19 Prozent an einem einzigen Tag nach oben. Der Grund: Das Unternehmen hat die Wall-Street-Erwartungen für das vierte Fiskalquartal regelrecht pulverisiert.

Die Kernzahlen im Überblick:

  • Umsatz: 642 Millionen Dollar, mehr als eine Verdopplung gegenüber dem Vorjahr
  • Gewinn je Aktie: 1,84 Dollar (Konsens: 1,46 Dollar)
  • Finanzierter Auftragsbestand: 1,2 Milliarden Dollar, ein Plus von 65 Prozent
  • Autonome Systeme: 492 Millionen Dollar Umsatz, deutlich über den Erwartungen

CEO Wahid Nawabi unterstrich die Dynamik: Nicht nur das US-Verteidigungsministerium, sondern sämtliche Verbündeten müssten bei Adoption und Einsatz autonomer Systeme aufholen — „in sehr hohem Tempo.“ Die Skalierung der Fertigung laufe, die Wachstumschancen seien so groß wie nie.

Der Ausblick fiel gemischt aus. Das Management peilt für das Fiskaljahr 2027 einen Umsatz von 2,13 bis 2,23 Milliarden Dollar an. Die EPS-Prognose von 3,02 bis 3,34 Dollar lag bei einigen Analysten allerdings unter den bisherigen Konsensschätzungen. Clear Street senkte das Kursziel von 293 auf 247 Dollar, KeyBanc von 295 auf 220 Dollar — beide behielten jedoch ihre Kaufempfehlung. „Sollten sich geopolitische Spannungen verschärfen, gehört AVAV zu den Top-Profiteuren“, schrieb KeyBanc.

Mit einem Wochenplus von knapp 30 Prozent bleibt die Volatilität extrem: Die annualisierte 30-Tage-Volatilität liegt bei über 98 Prozent. Am 8. Juli steht ein Investorentag an, der weitere Details zur Umsetzung der ambitionierten Jahresziele liefern soll.

Electro Optic Systems Holdings: Nahost-Aufträge füllen das Orderbuch weiter

EOS baut seine Position im Nahen Osten systematisch aus. Zwei neue Verteidigungsaufträge im Gesamtvolumen von 38 Millionen Dollar kamen diese Woche hinzu. Ein 15-Millionen-Dollar-Vertrag für Drohnenabwehrsysteme sieht Lieferungen über einen Siebenjahres-Zeitraum vor, beginnend noch in diesem Jahr.

Die frischen Aufträge ergänzen einen im Juni verkündeten Vertrag über 124 Millionen Dollar für ferngesteuerte Waffensysteme. Das kombinierte Orderbuch von EOS und der übernommenen MARSS liegt inzwischen bei 726 Millionen Dollar. Zwischen 60 und 80 Prozent davon sollen in den Jahren 2026 und 2027 umsatzwirksam werden. Für das EOS-Kerngeschäft ohne MARSS erwartet das Management einen Jahresumsatz von 240 bis 270 Millionen Dollar.

Die Aufnahme in den S&P/ASX 200 entpuppte sich als klassisches Sell-the-News-Ereignis: Am Tag nach der Indexaufnahme brachen die Aktien um über 11 Prozent ein. Bell Potter sieht das Unternehmen dennoch strategisch gut positioniert und verweist auf die Nahost-Partnerschaften sowie ein KI-Zentrum in Frankreich als Wachstumstreiber. Das durchschnittliche Analystenrating lautet „Strong Buy“ mit einem Zwölfmonatsziel von 12,94 australischen Dollar — deutlich über dem aktuellen Kurs von umgerechnet 6,03 Euro.

Red Cat: Pentagon-Finalist mit wachsendem Umsatz, aber offenen Risiken

Red Cat hat den Sprung vom Nischenanbieter zum ernstzunehmenden Militärdrohnen-Lieferanten geschafft — zumindest auf dem Papier. Im ersten Quartal kletterte der Umsatz um 849 Prozent auf 15,5 Millionen Dollar. Die Bruttomarge drehte von negativ auf 12,7 Prozent, mit dem Ziel von 30 Prozent bei steigenden Stückzahlen.

Auf der Eurosatory 2026 stellte das Unternehmen die neue Drohnenplattform Hellcat vor, aufgebaut auf der Black-Widow-Architektur. Sie integriert Erfahrungen aus dem Ukraine-Einsatz: GPS-unabhängiger Betrieb, mehr als 50 Minuten Flugzeit. Die Aktie wird besonders aufmerksam verfolgt, weil Red Cat als Finalist im Pentagon-Programm „Drone Dominance“ gilt — ein Topf mit bis zu 150 Millionen Dollar für kostengünstige Angriffsdrohnen.

H.C. Wainwright hat die Abdeckung mit einem Kaufrating und einem Kursziel von 20 Dollar aufgenommen. Der Analystenkonsens von sechs Häusern lautet „Strong Buy“ bei einem Zielkurs von 22 Dollar. Die Kehrseite: Red Cat schreibt weiterhin Verluste, und die laufende Verwässerung durch Kapitalerhöhungen bleibt ein Thema. Um die Konsensschätzung von rund 326 Millionen Dollar Umsatz bis 2029 zu erreichen, müsste der Erlös jährlich um 252 Prozent wachsen. Bei 9,00 Euro liegt die Aktie heute gut 45 Prozent unter ihrem Jahreshoch.

Kratos Defense: Wedbush sieht den „Waffenhändler“ des gesamten Sektors

Kratos lieferte den markantesten Einzelimpuls der Woche. Wedbush-Analyst Sam Brandeis startete die Abdeckung mit einem Outperform-Rating und einem Kursziel von 85 Dollar — und einem einprägsamen Etikett: Kratos sei der „Merchant Arms Supplier“ des gesamten US-Verteidigungskomplexes.

Die These dahinter ist bemerkenswert. Wedbush argumentiert, der Markt rahme Kratos fälschlicherweise als Drohnenunternehmen im Plattformwettbewerb. In Wahrheit habe das Management eine Picks-and-Shovels-Franchise aufgebaut, die quer durch Hyperschall, Raketenabwehr, Weltraum und Mikroelektronik Content liefere — unabhängig davon, welche Plattform am Ende gewinnt.

Hyperschall gilt dabei als zentraler Wachstumsmotor. Das Management erwartet, dass der Hyperschall-Umsatz von rund 200 Millionen Dollar im Jahr 2025 auf etwa 400 Millionen in 2026 und 700 Millionen in 2027 steigt — mit dem Ziel, die Milliardenmarke in wenigen Jahren zu knacken. Beim MACH-TB-2.0-Programm, wo Kratos als Hauptauftragnehmer agiert, beläuft sich der Fünfjahresvertrag auf bis zu 1,45 Milliarden Dollar. Wedbush erwartet, dass diese Obergrenze langfristig auf rund 4,5 Milliarden Dollar steigt.

Untermauert wird die Optimismus-These durch ein starkes erstes Quartal 2026: 22,6 Prozent Umsatzwachstum, ein Book-to-Bill von 1,6 und ein Rekord-Auftragsbestand von 2,01 Milliarden Dollar. Das Unternehmen hob die Jahresprognose auf 1,70 bis 1,76 Milliarden Dollar an. Von 20 Analysten empfehlen 16 den Kauf, das durchschnittliche Kursziel liegt bei 112,20 Dollar — bei einem aktuellen Kurs von umgerechnet 46,56 Euro ein erhebliches Aufwärtspotenzial.

Transatlantischer Riss prägt die Sektordynamik

Die vergangene Woche hat eine Trennlinie offengelegt, die weit über einzelne Quartalszahlen hinausreicht. Hensoldts Rückschlag illustriert ein europäisches Risiko, das Anleger lange unterschätzt haben: Selbst bei steigenden Verteidigungsbudgets können einzelne Beschaffungsprogramme schlicht gestrichen werden. Der Rekord-Auftragsbestand und die Insiderkäufe deuten auf fundamentale Stärke hin — der Markt preist diese aktuell mit erheblichem Abschlag.

Auf der anderen Seite des Atlantiks reiten AeroVironment, Red Cat und Kratos dieselbe Welle beschleunigter Pentagon-Investitionen in unbemannte Systeme und Hyperschalltechnologie. Ihre Risikoprofile könnten unterschiedlicher kaum sein:

  • AeroVironment liefert Skaleneffekte und einen echten Profitabilitätssprung
  • Red Cat bietet die höchste Wachstumsrate, aber auch das größte Verwässerungs- und Verlustrisiko
  • Kratos besetzt als diversifizierter Subsystem-Lieferant eine einzigartige Nische
  • EOS agiert als kleinere, australische Wette auf denselben Nahost- und Drohnenabwehr-Trend

Katalysatoren für die kommenden Wochen

Hensoldts Halbjahresbericht am 31. Juli wird zeigen, wie viel des F126-Ausfalls durch den Rekord-Auftragsbestand und eine mögliche Rolle im MEKO-Programm kompensiert werden kann. AeroVironment muss am 8. Juli auf dem Investorentag erklären, wie die ambitionierte Umsatzprognose bei gleichzeitig enttäuschender EPS-Guidance zusammenpasst. Für Red Cat bleibt die Umwandlung des Drone-Dominance-Finalist-Status in feste Mehrjahresverträge der entscheidende Hebel. Bei Kratos schauen Anleger auf die tatsächliche Umsatzskalierung im Hyperschall-Segment. Und EOS-Aktionäre warten auf Klarheit zur Umsatzrealisierung der MARSS-Aufträge — das Unternehmen selbst hat dafür die nächsten zwei Monate als Zeitrahmen genannt.