Mehr Nutzer, mehr Transaktionen, niedrigere Preise. Bei Ethereum klaffen On-Chain-Realität und Kursperformance so weit auseinander wie selten zuvor.

Das ETH/BTC-Verhältnis fiel am 21. Juni 2026 auf 0,027 — den tiefsten Stand seit Anfang 2023 und weit entfernt vom Höchststand von 0,088 aus dem Jahr 2021. ETH verlor im bisherigen Jahresverlauf 43 Prozent gegenüber dem Dollar. Bitcoin büßte im gleichen Zeitraum rund 11 Prozent ein. Aktuell notiert Ethereum bei 1.709 Dollar — nur knapp 13 Prozent über dem 52-Wochen-Tief vom 6. Juni.

Warum ETH stärker leidet als Bitcoin

Ein zentraler Faktor ist die Nasdaq-Korrelation. ETH korreliert zu 0,78 mit dem Nasdaq 100, Bitcoin nur zu 0,55. Steigen die Anleiherenditen und Institutionelle verkaufen Technologieaktien — wie im Makroschock rund um den US-Iran-Konflikt im Mai und Juni 2026 — trifft es Ethereum härter. Hinzu kommen schwächere ETF-Zuflüsse und sinkende Gebühreneinnahmen durch Layer-2-Netzwerke, die Transaktionen von der Hauptkette abziehen.

Das Ergebnis: Das Open Interest für ETH-Futures fiel im ersten Halbjahr von über 17 Milliarden auf rund 10 Milliarden Dollar. Fallende Preise bei gleichzeitig sinkendem Open Interest deuten auf Kapitulation hin — überschüssige Spekulation verlässt den Markt. Zwischen dem 4. und 7. Juni zogen große Halter 475.000 ETH von Börsen ab. Das spricht für Akkumulation, nicht für Panik.

Rekordaktivität, aber kaum Einnahmen

Das Netzwerk selbst brummt. Im ersten Quartal 2026 stieg die Zahl monatlich aktiver Adressen auf durchschnittlich 13,2 Millionen — ein Plus von 86 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der Durchsatz erreichte mit 25,78 Transaktionen pro Sekunde ebenfalls einen Rekord.

Die Kehrseite: Die Gebühreneinnahmen brachen auf 39,9 Millionen Dollar ein, ein Rückgang von 82 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Fusaka-Upgrade vom Dezember 2025 erhöhte die Datenkapazität deutlich und drückte die Kosten je Transaktion. Mehr Nutzung, weniger Erlös — das ist das Dilemma des aktuellen Ethereum-Designs.

Tokenisierung wächst, DeFi schwächelt

Das Ökosystem entwickelt sich zweigeteilt. Der Gesamtwert gesperrter Mittel in DeFi-Protokollen fiel im Quartal um 11 Prozent, liegt aber noch 22 Prozent über dem Vorjahreswert. Handelsvolumen und Kreditvergabe gingen zurück.

Anders sieht es bei tokenisierten Vermögenswerten aus. Die Marktkapitalisierung tokenisierter Assets lag bei 203,4 Milliarden Dollar — ein Jahresplus von 43 Prozent. Tokenisierte Rohstoffe, angeführt von Gold, legten im Quartal sogar 60 Prozent zu. BlackRock, JPMorgan Chase und Fidelity International lancierten neue tokenisierte Fonds auf Ethereum. Das institutionelle Interesse an der Infrastruktur bleibt also intakt.

Glamsterdam als nächster Katalysator

Das technische Upgrade namens Glamsterdam bündelt zehn Verbesserungsvorschläge und gilt als größter Protokollumbau seit dem Merge. Es zielt auf 10.000 Transaktionen pro Sekunde und 78 Prozent niedrigere Gasgebühren. Kernstücke sind die eingebettete Trennung von Blockvorschlag und -bau sowie parallele Transaktionsverarbeitung.

Das Upgrade hat die finale Devnet-Phase erreicht und soll im dritten Quartal 2026 starten — ursprünglich war Juni geplant. Technische Analysen sehen kurzfristig noch Abwärtsrisiken bis in den Bereich von 1.660 Dollar. Ob Glamsterdam den Kurs dreht, hängt davon ab, ob das Upgrade pünktlich kommt und die Gebührenstruktur tatsächlich verändert — oder ob die Einnahmen weiter sinken, während die Nutzung steigt.