Der europäische Erdgaspreis hat den höchsten Stand seit Ende 2022 erreicht. Am Montag kletterte der richtungweisende Terminkontrakt TTF an der Börse in Amsterdam um fast drei Prozent auf 97,64 Euro je Megawattstunde. Treibende Kräfte hinter dem Anstieg sind die militärische Eskalation zwischen den USA und dem Iran sowie der Druck auf Deutschland, die heimischen Gasspeicher vor dem Winter weiter zu füllen.
Seit Beginn des Monats hat die Notierung damit um rund ein Drittel zugelegt. Verglichen mit dem Jahresanfang hat sich der Preis für den Rohstoff sogar mehr als verdreifacht. Historisch bleibt das Niveau dennoch ein Stück von früheren Spitzenwerten entfernt: Nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs waren die Preise zeitweise auf mehr als 300 Euro gestiegen.
Geopolitische Risiken an der Straße von Hormus
Hauptursache für den jüngsten Preisschub ist der Konflikt zwischen den USA und dem Iran. Die US-Regierung ordnete zuletzt eine umfassendere Evakuierung von diplomatischem Personal im Nahen Osten an. US-Präsident Donald Trump stellte überdies in Aussicht, dass die Streitkräfte nach den Zwischenwahlen am 3. November ihre Angriffe auf den Iran wieder aufnehmen könnten.
Teheran wiederum bereitet Vergeltungsmaßnahmen vor. Die Märkte fürchten vor allem Behinderungen des Schiffsverkehrs, da eine der weltweit wichtigsten Routen für verflüssigtes Erdgas direkt durch die an den Iran grenzende Straße von Hormus führt.
Niedrige Speicherstände in Deutschland
Parallel zu den geopolitischen Risiken sorgt die Nachfrage der größten europäischen Volkswirtschaft für Auftrieb. Um die Reserven aufzustocken, erhielt das staatliche Unternehmen SEFE Securing Energy for Europe die Anweisung, zusätzliches Gas am Markt zu erwerben.
Die deutschen Speicher sind gegenwärtig zu gut 61 Prozent gefüllt. Vor einem Jahr hatte dieser Wert im gleichen Zeitraum noch bei rund 75 Prozent gelegen.
Die Verteuerung des Rohstoffs erreicht schrittweise auch die Endkunden. In Baden-Württemberg stiegen die Gaspreise für private Haushalte binnen zwölf Monaten um 22 Prozent, wie eine Auswertung des Vergleichsportals Verivox ergab. Da Energieversorger überwiegend langfristige Verträge abschließen, schlagen die Notierungen an den Großhandelsbörsen erst mit einer Verzögerung von mehreren Monaten auf die Rechnungen von Industrie und Verbrauchern durch. Nach den US-Wahlen am 3. November dürfte sich entscheiden, ob eine weitere militärische Eskalation am Persischen Golf die Versorgungslage zusätzlich anspannt.


