Die Wirtschaft im Euroraum expandiert so kräftig wie seit fast dreieinhalb Jahren nicht mehr. Der anhaltende Preisdruck schürt allerdings Spekulationen über zusätzliche Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank. Anleger stellen sich darauf ein, dass die Währungshüter die Zinsen weiter anheben müssen.
Der Einkaufsmanagerindex für die Gesamtwirtschaft kletterte im September auf 53,1 Punkte. Damit markiert das Stimmungsbarometer den höchsten Stand seit April 2023. Vor allem der Dienstleistungssektor legte mit einem Wert von 53,0 Zählern spürbar zu.
Getrieben wird die Dynamik vor allem durch IT-Dienstleistungen und Investitionen in künstliche Intelligenz. Nach einer langen Durststrecke von mehr als drei Jahren zogen auch die Exportaufträge erstmals wieder an. Regional führt Spanien das Wachstum an, während sich die Erholung in Deutschland beschleunigte.
Teuerung bleibt deutlich über dem Ziel
Der kräftige Aufschwung hat seinen Preis. Die Inflationsrate im Währungsraum kletterte im September auf 3,8 Prozent, nachdem sie im Vormonat noch bei 3,2 Prozent gelegen hatte. Sie liegt damit fast doppelt so hoch wie das offizielle Notenbankziel von 2 Prozent.
Bundesbank-Präsident Joachim Nagel warnt vor verfrühtem Aufatmen, sieht jedoch bislang keine verfestigten Zweitrundeneffekte. Die Teuerung habe sich noch nicht flächendeckend in Löhne und Preise eingefressen. Längerfristige Erwartungen am Markt seien weiterhin am Zielwert von 2 Prozent ausgerichtet.
Gefahren lauern vor allem bei den Energieträgern. Niedrige Gaslagerstände vor dem Winter und beschädigte Raffineriekapazitäten treiben die Notierungen für Kraftstoffe. Hinzu kommen Risiken für die Lebensmittelpreise durch Dürren und Düngemittelengpässe.
Märkte erwarten weitere Zinserhöhungen
Der Einlagesatz der Notenbank liegt derzeit bei 2,5 Prozent. Nach zwei Zinsschritten im Sommer rechnen Marktteilnehmer für das kommende Jahr mit zwei bis drei weiteren Erhöhungen. Für die anstehende Sitzung im Oktober taxieren Händler die Wahrscheinlichkeit einer Anhebung auf 20 Prozent, während für Dezember bereits 80 Prozent eingepreist sind.
Die Notenbank behält sich ihren Kurs offen und macht Entscheidungen von künftigen Daten abhängig. Ein weiterer Anstieg der Teuerung in Richtung der Vier-Prozent-Marke würde den Handlungsspielraum für eine Zinspause vor dem Jahreswechsel jedoch empfindlich einengen.


