Die Eurozone-Produktion kehrt zurück ins Plus – doch von Euphorie keine Spur. Während Frankreichs Fabriken überraschend aufdrehen und die EZB vor neuen Herausforderungen steht, offenbart ein Blick auf die Einzelmärkte eine zutiefst gespaltene Industrielandschaft. Gleichzeitig sorgen steigende Rohstoffkosten und ein erstarkter Euro für zusätzliche Unsicherheit.
Produktion wächst, Auftragsbücher schrumpfen
Der HCOB Eurozone Manufacturing PMI kletterte im Januar auf 49,5 Punkte, nach 48,8 im Vormonat – und bleibt damit den dritten Monat in Folge unter der Wachstumsschwelle von 50. Die gute Nachricht: Der Output-Index sprang auf 50,5 und signalisiert erstmals seit drei Monaten wieder Produktionswachstum. Die schlechte: Die Neuaufträge gingen zum dritten Mal in Folge zurück.
„Fortschritte sind erkennbar, aber sie geschehen im Schneckentempo“, fasst Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank, die Lage zusammen. Das Kernproblem bleibt der anhaltende Lagerabbau. Solange Unternehmen ihre Bestände reduzieren statt neue Waren zu ordern, dürfte ein kräftiger Aufschwung ausbleiben.
Besonders beunruhigend: Exportaufträge schwächelten weiter, ein Trend, der seit Juli 2025 anhält. Die internationale Nachfrage bleibt fragil – ein Warnsignal für eine Wirtschaftszone, die stark vom globalen Handel abhängt.
Frankreich überrascht, Deutschland enttäuscht
Die Länderdaten zeichnen ein hochgradig uneinheitliches Bild. Frankreich setzte mit einem PMI von 51,2 ein Ausrufezeichen – der höchste Wert seit 43 Monaten. Die französische Industrieproduktion legte so stark zu wie seit fast vier Jahren nicht mehr. Treiber waren vor allem die Zwischen- und Konsumgüterbranchen, während Investitionsgüter weiter schwächelten.
„Ohne signifikante Verbesserung bei den Neuaufträgen wäre es verfrüht, von einer nachhaltigen Erholung zu sprechen“, dämpft Jonas Feldhusen von der Hamburg Commercial Bank die Erwartungen. Tatsächlich schrumpften die französischen Auftragseingänge marginal, Exportaufträge fielen sogar deutlich – Firmen nannten Wettbewerbsdruck, geopolitische Spannungen und schwache Nachfrage aus Deutschland als Gründe.
Deutschland selbst blieb mit 49,1 Punkten in der Kontraktionszone, ebenso Spanien (49,2), Italien (48,1) und besonders Österreich (47,2). Italien zeigte immerhin Stabilisierungstendenzen: Die Beschäftigung wuchs, und das Geschäftsklima erreichte ein Vierjahreshoch. Unternehmen setzten auf „sektorale Erholung, Zinssenkungen und neue Produktinitiativen“, so Nils Müller von der Hamburg Commercial Bank.
Kostendruck erreicht Dreijahreshoch
Ein weiterer Belastungsfaktor türmt sich auf: Die Inputkosten stiegen im Januar so stark wie seit drei Jahren nicht mehr. Verantwortlich sind vor allem drastisch gestiegene Erdgaspreise und teurere Industriemetalle. Französische Hersteller berichteten von höheren Zuliefergebühren und explodierenden Kupferpreisen.
Das Dilemma: Trotz steigender Kosten können Hersteller ihre Preise kaum erhöhen. Die Output-Preise blieben im Euroraum nahezu unverändert gegenüber Dezember – ein Zeichen fehlender Preissetzungsmacht. Französische Firmen senkten ihre Verkaufspreise sogar, um Absätze zu stimulieren. Die Gewinnmargen geraten unter Druck.
In Italien erreichte die Teuerung bei Vorleistungsgütern ebenfalls ein Dreijahreshoch. Rumänische Produzenten klagten über steigende Rohstoffkosten und höhere Steuerlasten. Die Weitergabe an Kunden gelang nur teilweise – ein weiteres Indiz für schwache Nachfrage.
EZB zwischen Euro-Stärke und Inflationssorgen
Die Europäische Zentralbank trifft sich am Donnerstag inmitten dieser widersprüchlichen Signale. Erwartet wird, dass sie die Zinsen zum fünften Mal in Folge bei 2% belässt. Doch die Währungsentwicklung bereitet zunehmend Kopfzerbrechen: Der Euro kratzte vergangene Woche kurzzeitig an der 1,20-Dollar-Marke – der höchste Stand seit 2021.
„Die Grönland-Sache hat eines bewirkt: Der Euro ist deutlich stärker“, konstatiert Christian Schulz, Chefvolkswirt bei Allianz Global Investors. Ein zu fester Euro könnte die Inflation, die bereits unter dem 2%-Ziel liegt, weiter drücken und Exporte belasten. Ökonomen rechnen allerdings noch nicht mit unmittelbaren Gegenmaßnahmen. Erst ein deutlicher Ausbruch über 1,25 Dollar könnte die EZB zu deutlichen Prognoserevisionen zwingen.
Gleichzeitig könnten gestiegene Öl- und Gaspreise den Abwärtsdruck auf die Inflation dämpfen. Die Märkte preisen aktuell eine 15-prozentige Wahrscheinlichkeit für eine Zinssenkung bis Sommer ein – deutlich weniger als noch vor wenigen Tagen.
Die Nominierung von Kevin Warsh als künftigem Fed-Chef durch Donald Trump stützte den Dollar zuletzt wieder. Warsh gilt als vergleichsweise restriktiv in Geldpolitik. Seine Bestätigung könnte bedeuten, dass die Fed ihre Bilanz schrumpfen lässt – mit möglichen Spillover-Effekten auf die Eurozone.
Hoffnungsschimmer: Zuversicht steigt
Trotz aller Widrigkeiten hellt sich die Stimmung auf. Das Geschäftsklima unter Eurozone-Herstellern erreichte im Januar den höchsten Stand seit Februar 2022. Auch die Beschäftigung entwickelt sich weniger negativ: Jobs wurden den 32. Monat in Folge abgebaut, allerdings so langsam wie seit September 2025 nicht mehr.
Die gesamtwirtschaftlichen Rahmendaten stützen vorsichtigen Optimismus: Die Eurozone wuchs im vierten Quartal 2025 stärker als erwartet und legte im Gesamtjahr um 1,5% zu – das schnellste Tempo seit 2022. Für 2026 erwarten Ökonomen 1,2% Wachstum. Entscheidend wird sein, wie schnell Deutschland seine angekündigte Fiskaloffensive umsetzt. „Die Umsetzung des Fiskalstimulus kann helfen, einen Teil der Unsicherheitsbelastung abzufedern“, sagt Paul Hollingsworth von BNP Paribas.
De la Rubia warnt jedoch: „Dieses höchst uneinheitliche Bild in der Eurozone legt nicht gerade den Grundstein für einen nachhaltigen Aufschwung.“ Die Industrie tastet sich voran – aber der Weg zurück zur Normalität bleibt steinig und langwierig.


