Liebe Börsenfreundinnen und Börsenfreunde,

das Geld an der Börse wechselt gerade die Straßenseite. Der DAX hat heute ein neues Allzeithoch markiert und die Bestmarke aus dem August übertroffen. Getragen haben ihn nicht Technologiewerte, sondern Chemie, Baustoffe und Banken. Am Nachmittag riss der Ausverkauf an der Nasdaq den Index wieder leicht ins Minus.

Wichtiger als der Rekord ist die Bewegung dahinter. Geld fließt aus KI-Rechenzentren in europäische Zykliker, also in Firmen, deren Geschäft eng mit der Konjunktur schwankt. Genau dort spielen heute die interessantesten Einzelwerte. Es lohnt sich deshalb, weniger auf den Indexstand und mehr auf die Branchen dahinter zu schauen.

Evonik will allein bleiben

Evonik-Interimschef Claus Rettig hat das Übernahmeangebot von BASF in einem FAZ-Interview erneut abgelehnt. BASF hatte zuletzt 24 Euro je Evonik-Aktie geboten. Rettig sagt, die eigene Planung liege über diesem Wert, und verweist auf „finanzielle Feuerkraft“ für eigene Zukäufe. Ein Gegenangebot gibt es allerdings nicht.

Glaubt die Börse an einen Deal? Offenbar nicht fest. Die Evonik-Aktie notiert bei 21,48 Euro und damit klar unter dem Gebot, obwohl sie seit Jahresbeginn 61 Prozent gewonnen hat. Der Markt preist eine Einigung also nicht fest ein, er rechnet nicht sicher mit ihr. Für Evonik-Aktionäre bleibt es ein Spiel auf Zeit: Entweder BASF legt nach, oder das Management muss die versprochene Wertsteigerung allein liefern.

Und der Bieter? BASF steigt heute deutlich und erreicht ein neues 52-Wochen-Hoch. Der Markt belohnt BASF offenbar dafür, dass der Konzern nicht überzahlt. Dazu profitiert die gesamte Chemie vom gefallenen Ölpreis.

Heidelberg Materials: Analysten und Vorstand greifen zu

Nach den Quartalszahlen der Vorwoche legen die Analysten bei Heidelberg Materials nach. Goldman Sachs hebt das Kursziel auf 220 Euro und bestätigt seine Kaufempfehlung. Auch RBC und die Deutsche Bank bleiben positiv. Ihre Begründung: Die Verkaufspreise laufen den Kosten davon, und das Ergebnis wächst auch ohne klare Absatzerholung.

Wer kauft da eigentlich noch mit? Der eigene Vorstand. Vorstandsmitglied Hakan Gurdal hat heute Aktien für gut 43.000 Euro erworben. In den letzten Wochen hat Heidelberg Materials kräftig zugelegt, seit Jahresbeginn steht aber noch ein Minus von 22 Prozent.

Das Hoch aus dem Januar ist weit weg, die Kursziele der Analysten liegen deutlich über dem aktuellen Kurs. Auch sonst zeigt die Baustoffbranche Stabilität: Cementir bestätigte heute seine Jahresprognose.

Siemens Energy: Der Wahlausgang drückt, UBS bleibt gelassen

Die Demokraten haben beide Kammern des US-Kongresses gewonnen, und das trifft europäische Energietechnik hart. Die designierte Texas-Gouverneurin Gina Hinojosa fordert ein Moratorium, einen vorläufigen Stopp für neue Rechenzentren. UBS schätzt rund 30 Prozent der für 2028 erwarteten US-Rechenzentrumskapazitäten als gefährdet.

Siemens Energy verliert aktuell 6,3 Prozent und setzt damit einen deutlichen Abwärtstrend der letzten Wochen fort. Ist das übertrieben? UBS-Analyst Christopher Leonard nennt die Folgen des Wahlsiegs zwar „eher negativ“, hält den Ausverkauf aber für weitgehend eingepreist. Er bestätigt seine Kaufempfehlung für Siemens Energy mit Kursziel 210 Euro.

Die Gegenprobe liefern die Erneuerbaren: Orsted und Vestas steigen. Die Wette der Anleger ist also nicht „weniger Strom“, sondern „anderer Strom“. Gemeint sind weniger Gasturbinen für Rechenzentren und mehr Wind und Solar. Ob Siemens Energy diese Verschiebung aushält, zeigt sich am Mittwoch, 11. November, mit den Zahlen zum vierten Quartal.

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Wie Anleger systematisch von Kursreaktionen nach Quartalszahlen profitieren können, zeigt Bernd Wünsche im Live-Webinar „Quartals-Rally-Trading“. Er hat über 500 US-Aktien aus S&P 500 und Nasdaq 100 über acht Quartale hinweg bei Umsatz und Gewinn gegen die Analystenschätzungen geprüft. Nur 88 Unternehmen bestanden durchgehend, 11 davon sprangen danach in mindestens sechs von acht Quartalen spürbar nach oben. Am Sonntag, 8. November, um 18:00 Uhr stellt er diese Dauer-Rally-Aktien und sein Handelsmuster rund um Zahlentermine vor. Jetzt kostenlos zum Webinar anmelden

Der Tech-Ausverkauf erfasst übrigens auch Bitcoin. Die Kryptowährung verliert 5,1 Prozent auf rund 76.400 Dollar.

Öl und Zinsen: Entlastung mit Haken

Die Nordseesorte Brent, der wichtigste Ölpreis für Europa, handelt nach dem Einbruch am Mittwoch wieder um 97 Dollar. Vor zwei Wochen waren es noch über 117. Für die Industrie ist das spürbar billigeres Öl.

Gehofft wird auf Iran-Gespräche unter Vermittlung Katars. Die Eurasia Group hält einen Deal allerdings für wenig wahrscheinlich und sieht bei einer Eskalation wieder höhere Preise. Die Bank of England hob den Leitzins trotzdem auf 4 Prozent an, erstmals seit drei Jahren.

Die DIHK hebt ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr an. Gleichzeitig warnen Unternehmen wie Covestro, Evonik, Wacker Chemie und Thyssenkrupp-Stahl in einem Brief vor Werksschließungen. Hintergrund ist die geplante Reform des EU-Emissionshandels, über den Firmen Rechte für ihren CO2-Ausstoß erhalten. Das EU-Parlament stimmt im Dezember ab, und für Chemieanleger ist das der wichtigere Termin als jede Ölpreis-Prognose.

Siemens Healthineers spaltet die Diagnostik ab

Siemens Healthineers bringt die Ausgliederung seiner Diagnostiksparte auf den Weg. Bis Mitte 2028 soll sie als Olyrian Diagnostics eigenständig werden. Die Sparte stand zuletzt für ein Sechstel des Umsatzes, verdiente aber deutlich weniger als im Vorjahr. Beide Teile bekommen eigene Sparprogramme.

Siemens will seinen Anteil 2027 auf eine Minderheit senken. Die Healthineers-Aktie reagiert kaum, die Dividende bleibt mit 1,00 Euro stabil. Das ist ein Umbau für Geduldige. Erst ohne die Diagnostik zeigt sich, was das Kerngeschäft aus Bildgebung und Präzisionstherapie allein verdienen kann.

Was jetzt zählt

Die Rotation von US-Technologie in europäische Industrie ist real. Sie hängt aber an einem Ölpreis, der auf jede Meldung aus Hormus reagiert. Bei Evonik bleibt offen, ob BASF nachlegt oder das Management die versprochene Wertsteigerung allein liefern muss.

Wer in Chemie und Baustoffe investiert ist, sollte den Dezember im Blick behalten: die Abstimmung über den Emissionshandel in Straßburg und den möglichen nächsten Schritt der Bank of England. Für Siemens Energy entscheidet der 11. November, ob UBS mit ihrer Gelassenheit recht behält.

Viele Grüße vom Treff, Ihr Andreas Sommer