Die Europäische Zentralbank belässt ihren Einlagensatz bei 2,50 Prozent. Angesichts einer Teuerungsrate von 3,8 Prozent im Euroraum kommt der Schritt auf den ersten Blick unerwartet. Allerdings wägen die Währungshüter zwischen neuem Preisdruck und wachsenden Risiken für die Finanzstabilität im Währungsraum ab.
Begleitet wurde die Entscheidung von einer personellen Ankündigung: Präsidentin Christine Lagarde wird ihr Amt zum 7. Februar 2027 vorzeitig niederlegen. Ihre reguläre achtjährige Amtszeit wäre bis Ende Oktober 2027 gelaufen.
Energiepreise heizen Teuerung an
Als wesentlicher Treiber der Teuerung erweisen sich teurere Energieträger infolge des Kriegs im Iran. Im September kletterte die Inflationsrate im Euroraum auf 3,8 Prozent, den höchsten Stand seit drei Jahren. In Deutschland lag die Rate bei 3,3 Prozent.
Damit entfernt sich die Teuerung wieder spürbar vom offiziellen Stabilitätsziel von 2,0 Prozent. Nach Einschätzung der Notenbank müssen sich die Verbraucher im Währungsraum bis mindestens 2027 auf ein erhöhtes Niveau einstellen.
Politische und finanzielle Spannungen
Parallel dazu belasten politische und fiskalische Spannungen den Euroraum. In Frankreich spitzte sich die Lage infolge von Protesten gegen hohe Lebenshaltungskosten zu. Für die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone verteuerte sich die Aufnahme neuer Schulden an den Kapitalmärkten zuletzt drastisch. Eine Zinsanhebung hätte die Refinanzierung weiter erschwert.
An den Finanzmärkten schlagen die Unsicherheiten und gestiegene Anleiherenditen bereits durch. In Deutschland erreichten die Bauzinsen zuletzt im Schnitt rund 4,5 Prozent, den höchsten Stand seit 17 Jahren. Zwar gaben die Konditionen in den vergangenen Wochen um etwa 0,2 Prozentpunkte nach, eine nachhaltige Entlastung zeichnet sich am Markt für Immobilienkredite jedoch nicht ab.
Die Pause bei den Leitzinsen könnte sich als vorübergehend erweisen. Bei der nächsten Zinssitzung Mitte Dezember liegen der Notenbank aktualisierte Prognosen zu Inflation und Konjunktur vor. Sollten Zweitrundeneffekte über steigende Löhne den Preisauftrieb weiter verstärken, gilt an den Märkten ein Zinsschritt vor dem Jahreswechsel als denkbar.


