Die Europäische Zentralbank dürfte ihren Zinserhöhungskurs bereits im kommenden Monat wieder aufnehmen. Nach einer kurzen Pause signalisieren maßgebliche Ratsmitglieder eine erneute Straffung für die Dezembersitzung, weil anhaltend hohe Energiepreise die Teuerung weiter antreiben. An einem weiteren Zinsschritt führt nach jetzigem Stand kaum ein Weg vorbei, sofern sich die Inflationsaussichten nicht grundlegend aufhellen.
Der Handlungsdruck auf die Währungshüter verschärft sich zusehends. Für den Euroraum wird für Oktober eine Inflationsrate von 4,0 Prozent erwartet. Das ist exakt das Doppelte des offiziellen Stabilitätsziels der Notenbank. Die Kerninflation ohne volatile Energie- und Nahrungsmittelpreise dürfte derweil bei 2,5 Prozent verharren.
Sorge vor Zweitrundeneffekten
Hinter der restriktiven Haltung steht die Furcht vor einer Lohn-Preis-Spirale. Wiederholte Preisschübe bei Energieträgern drohen auf andere Wirtschaftsbereiche überzugreifen und höhere Lohnforderungen nach sich zu ziehen. Weil diese Zweitrundeneffekte bisher ausblieben, hielt die Notenbank die Zinsen in der vergangenen Woche zunächst stabil.
Die Pause markiert jedoch keine Kehrtwende. Zuvor hatte die Notenbank die Zinsen seit Ausbruch des Iran-Kriegs bereits zweimal angehoben. Aus den Reihen der Währungshüter mehren sich die Stimmen, die den jüngsten Zinsentscheid keineswegs als Ziellinie betrachten. Auch aus den Notenbanken Bulgariens und der Slowakei verlautete, dass die Zinserhöhungen keineswegs abgeschlossen seien.
Neue Projektionen bis 2029
Grundlage für die anstehende Entscheidung sind die neuen volkswirtschaftlichen Prognosen, die den Ratsmitgliedern bei ihrer nächsten Sitzung vorliegen werden und erstmals bis in das Jahr 2029 reichen. Bereits die Herbstprojektionen sahen einen weiteren Zinsanstieg vor, seither hat sich die Preislage weiter eingetrübt. Während Ökonomen davon ausgehen, dass der Schritt im Dezember die vorerst letzte Anhebung sein könnte, preisen die Finanzmärkte bereits eine Straffung bis in das Jahr 2027 ein.


