Die Europäische Zentralbank pausiert im Zinserhöhungszyklus. Trotz eines erneuten Energiepreisschubs bleiben die drei Leitzinsen im Euroraum vorerst unverändert. Dahinter steht ein klares Kalkül: Zwar treiben teures Öl und Gas die Gesamtteuerung wieder nach oben, allerdings übernimmt die spürbare Straffung an den Finanzmärkten bereits einen Teil der geldpolitischen Bremsarbeit.
Teure Energie heizt die Gesamtteuerung an
Der Preisdruck im Euroraum hat im Spätsommer wieder angezogen. Im September kletterte die Inflationsrate auf 3,8 Prozent, nachdem sie im August noch bei 3,2 Prozent gelegen hatte. Den Ausschlag gaben vor allem die Energiekosten, die im September um 18,9 Prozent über dem Vorjahresniveau lagen.
Gefahr droht vor allem dann, wenn die höheren Energiepreise auf andere Bereiche überwälzen. Bislang zeichnet sich eine solche Lohn-Preis-Spirale jedoch nicht ab. Die Teuerung ohne Energie stieg im September lediglich leicht auf 2,3 Prozent, und der Lohndruck bleibt moderat. Für die Notenbanker schafft diese relative Stabilität bei der Kerninflation den nötigen Raum, um die Folgen des Angebotsschocks zunächst abzuwarten.
Steigende Renditen bremsen die Kreditvergabe
Gleichwohl hat sich das Finanzierungsumfeld für Unternehmen und Staaten spürbar verschlechtert. Höhere Zinsen an den Kapitalmärkten und sinkende Aktienkurse wirken bereits dämpfend auf die Konjunktur. Die Nachfrage nach Unternehmenskrediten sowie privaten Baufinanzierungen geht zurück, während Banken ihre Vergabestandards anziehen.
Besonders an den Staatsanleihemärkten nimmt der Druck zu. In Frankreich verlangen Investoren mittlerweile einen Risikoaufschlag von 155 Basispunkten gegenüber deutschen Bundesanleihen. Die französische Schuldenlast und die unklare haushaltspolitische Lage nach den Wahlen schüren am Markt zunehmend Nervosität.
Überlagert wird der geldpolitische Kurs von einem personellen Einschnitt: Christine Lagarde kündigte an, ihr Amt als EZB-Präsidentin bereits am 7. Februar vorzeitig abzugeben. Für die anstehenden Zinsentscheidungen legt sich die Notenbank nicht auf einen festen Pfad fest, sondern entscheidet strikt anhand der eingehenden Daten. Setzt sich der Aufwärtstrend bei den Energiepreisen fort, gilt eine weitere Zinserhöhung bei der Dezembersitzung als das wahrscheinlichste Szenario.


