EZB warnt: Iran-Krieg bedroht Inflationsziel

Die Europäische Zentralbank sieht das Inflationsziel durch den anhaltenden Nahost-Krieg gefährdet. Gleichzeitig zeigen sich die globalen Arbeitsmärkte robust, während China auf Technologieoffensive setzt.

EZB warnt: Iran-Krieg bedroht Inflationsziel
Kurz & knapp:
  • EZB-Vertreter warnen vor Inflationsschub durch Krieg
  • Globale Arbeitsmärkte zeigen überraschende Widerstandsfähigkeit
  • China setzt klaren Fokus auf Technologie und Verteidigung
  • Deutsche Bundesanleihen verlieren Status als sicherer Hafen

Die europäischen Finanzmärkte stehen vor einer gefährlichen Gemengelage: Während der Krieg zwischen den USA und Iran in den sechsten Tag geht und sich auf Asien ausweitet, warnen führende Notenbanker der Europäischen Zentralbank vor einem erneuten Inflationsschub. Die Erinnerungen an 2022 sind noch frisch – damals unterschätzte die EZB die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf die Energiepreise dramatisch. Doch diesmal könnte die Herausforderung noch komplexer sein.

Gestiegene Wachsamkeit bei Europas Währungshütern

„Wenn der Konflikt länger andauert, besteht das Risiko, dass sich die Inflationserwartungen ändern“, warnte EZB-Vizepräsident Luis de Guindos am Donnerstag in Brüssel. Die Euro-Zone schwebte zuletzt mit einer Inflationsrate nahe dem Zwei-Prozent-Ziel der Notenbank in scheinbar ruhigem Fahrwasser. Doch die Ruhe könnte trügerisch sein. Bundesbank-Präsident Joachim Nagel und sein finnischer Kollege Olli Rehn schlugen ähnlich mahnende Töne an: Ein ausgedehnter Konflikt im Nahen Osten würde gleichzeitig die Inflation anheizen und das Wachstum dämpfen – ein Albtraum-Szenario für Zentralbanker.

Die Situation unterscheidet sich allerdings von 2022 in einem entscheidenden Punkt: Die Geldpolitik ist heute deutlich restriktiver. Damals konnte sich die EZB nur schleppend von ihrer ultra-lockeren Politik lösen. Heute liegt der Leitzins bereits bei zwei Prozent – auf Augenhöhe mit der aktuellen Inflation. Das gibt der Notenbank theoretisch mehr Spielraum. Gleichzeitig macht es jede Fehleinschätzung teurer.

Pedro Machado, hochrangiger EZB-Bankenaufseher, bezifferte die direkte Exposition europäischer Banken gegenüber Iran und Israel auf gerade einmal 0,7 Prozent des Kernkapitals. Doch die wahre Gefahr lauere woanders: „Langfristig könnten steigende Energiepreise einen Inflationsschub mit rezessiven Auswirkungen auf die Wirtschaftsaktivität auslösen“, erklärte er gegenüber Reuters. Höhere Arbeitslosigkeit würde Kreditnehmer unter Druck setzen – und damit auch die Bankenbilanzen belasten.

Arbeitsmarktdaten mit gemischten Signalen

Während Europa nervös auf den Nahen Osten blickt, zeigen sich die Arbeitsmärkte in den entwickelten Volkswirtschaften überraschend widerstandsfähig. In den USA blieben die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe mit 213.000 unverändert – im Rahmen der Erwartungen. Noch bemerkenswerter: Die angekündigten Stellenstreichungen brachen im Februar um 55 Prozent gegenüber Januar ein und lagen 72 Prozent unter dem Vorjahreswert.

Doch auch hier zeigen sich erste Risse. Die Zahl der Menschen, die nach einer ersten Woche weiterhin Arbeitslosenhilfe beziehen, stieg um 46.000 auf 1,868 Millionen – ein Hinweis darauf, dass entlassene Arbeitnehmer länger brauchen, um neue Jobs zu finden. Die zögerliche Einstellungsbereitschaft der Unternehmen reflektiert die Unsicherheit über die Wirtschaftsaussichten.

In Japan dagegen fordert die größte Gewerkschaftsvereinigung Rengo eine durchschnittliche Lohnerhöhung von 5,94 Prozent – nur marginal unter der Forderung des Vorjahres von 6,09 Prozent. Eine rekordverdächtige Umfrage von Teikoku Databank zeigt, dass 63,5 Prozent der befragten Unternehmen die Löhne anheben wollen. Der Grund: chronischer Arbeitskräftemangel in einer rapide alternden Gesellschaft. Für die Bank of Japan ist dies eine Voraussetzung, um ihre geldpolitische Normalisierung fortzusetzen – der Leitzins liegt bereits auf dem höchsten Stand seit 2008.

Globale Risiken und nationale Antworten

Pakistan steht exemplarisch für die Verwundbarkeit ölimportierender Schwellenländer. Alle zehn von Reuters befragten Analysten erwarten, dass die Zentralbank des Landes ihren Leitzins am Montag bei 10,5 Prozent hält – trotz einer bereits vollzogenen Senkung um 11,5 Prozentpunkte seit Mitte 2024. Muhammad Aliv von AKD Securities warnt: „Jede Erhöhung des Rohölpreises um zehn Dollar pro Barrel fügt der Inflation etwa 0,5 Prozentpunkte hinzu.“ Bei einer Februar-Inflation von sieben Prozent lässt dies wenig Raum für weitere Zinssenkungen.

Chinas Antwort auf globale Unsicherheiten fällt radikal anders aus. Peking setzte am Donnerstag auf seinem Volkskongress ein klares Signal: Technologie, nicht Konsum, soll die nächste Entwicklungsphase antreiben. Premierminister Li Qiang kündigte eine Erhöhung der Verteidigungs- sowie Forschungs- und Entwicklungsausgaben um jeweils sieben Prozent an. Das 141 Seiten starke Fünfjahresplan-Dokument erwähnt künstliche Intelligenz über 50 Mal und sieht vor, den Anteil der digitalen Kernwirtschaft am BIP auf 12,5 Prozent zu steigern.

„Chinas Regierung bleibt lasergenau fokussiert auf technologische Durchbrüche und Hightech-Investitionen“, kommentierte Fred Neumann, Chef-Asien-Volkswirt bei HSBC. „Teilweise ist dies durch den Wettbewerb mit den USA um die Kontrolle über Zukunftstechnologien motiviert.“ Das Wachstumsziel für 2026 wurde auf 4,5 bis 5 Prozent gesenkt – eine implizite Anerkennung der strukturellen Herausforderungen durch schwache Binnennachfrage und die Immobilienkrise.

Europas gespaltene Reaktion

Während die EZB ihre geldpolitischen Optionen abwägt, zeigen sich in Europa selbst unterschiedliche wirtschaftliche Realitäten. Großbritanniens Bausektor schrumpfte im Februar den 14. Monat in Folge. Der S&P Global UK Construction PMI fiel auf 44,5 Punkte – deutlich unter der Wachstumsschwelle von 50. Besonders der Wohnungsbau brach ein, der Index stürzte auf 37,0 Punkte. Nasses Wetter erschwerte die Arbeiten zusätzlich. Trotzdem verbesserte sich die Geschäftsstimmung auf den höchsten Stand seit Dezember 2024 – 42 Prozent der Befragten erwarten steigende Auftragsvolumen.

Ein ungewöhnliches Phänomen zeigt sich am deutschen Anleihemarkt: Bundesanleihen verlieren ihren Status als bevorzugter sicherer Hafen. Während der Finanzkrise 2008/09 stiegen Bund-Kurse um fast sechs Prozent – ähnlich stark wie Gold. Doch sowohl während der Pandemie 2020 als auch nach Trumps Zollankündigungen im April fielen die Kursgewinne deutscher Staatsanleihen hinter Gold und Schweizer Franken zurück.

„Mit jedem Schock, der uns weiter auf den Pfad höherer Staatsausgaben treibt, werden Bunds wahrscheinlich weniger als sicherer Hafen fungieren als in der Vergangenheit“, erklärte James Bilson, Rentenstratege bei Schroders. Deutschlands geplante Fiskalwende und die reduzierten EZB-Anleihekäufe verändern die Angebots-Nachfrage-Dynamik fundamental. Mit einer Rendite von nur 2,71 Prozent – verglichen mit 4,02 Prozent für US-Treasuries oder 4,4 Prozent für britische Gilts – wirken Bundesanleihen zudem zunehmend unattraktiv.

Kommende Weichenstellungen

Die nächste EZB-Ratssitzung am 18. und 19. März wird mit Spannung erwartet, auch wenn Änderungen der Zinssätze als unwahrscheinlich gelten. Die Notenbanker stehen vor einem klassischen Dilemma: Sollte der Iran-Konflikt eskalieren und die Energiepreise nachhaltig steigen, müssten sie gleichzeitig höhere Inflation und schwächeres Wachstum bekämpfen – ein unmögliches Unterfangen mit einem einzigen geldpolitischen Instrument.

Griechlands Notenbankchef Yannis Stournaras forderte bereits Flexibilität bei der Zinsfestsetzung. Sein lettischer Kollege Martins Kazaks betonte, alles hänge davon ab, welche Kraft überwiege – Inflation oder Wachstumsschwäche. Die Antwort auf diese Frage könnte über die wirtschaftliche Zukunft der Euro-Zone in den kommenden Monaten entscheiden. Doch während die Notenbanker abwägen, läuft der Konflikt im Nahen Osten weiter – und mit jedem Tag steigt das Risiko einer bösen Überraschung.

Über Felix Baarz 2023 Artikel
Mit über fünfzehn Jahren Erfahrung als Wirtschaftsjournalist hat sich Felix Baarz als Experte für internationale Finanzmärkte etabliert. Seine Leidenschaft gilt den Mechanismen globaler Finanzmärkte und komplexen wirtschaftspolitischen Zusammenhängen, die er für seine Leserschaft verständlich aufbereitet.In Köln geboren und aufgewachsen, entdeckte er früh sein Interesse für Wirtschaftsthemen und internationale Entwicklungen. Nach seinem Studium startete er als Wirtschaftsredakteur bei einer renommierten deutschen Fachpublikation, bevor ihn sein Weg ins Ausland führte.Ein prägendes Kapitel seiner Karriere waren die sechs Jahre in New York, wo er direkten Einblick in die globale Finanzwelt erhielt. Die Berichterstattung von der Wall Street und über weltweite wirtschaftspolitische Entscheidungen schärfte seinen Blick für globale Zusammenhänge.Heute ist Felix Baarz als freier Journalist für führende Wirtschafts- und Finanzmedien im deutschsprachigen Raum tätig. Seine Arbeit zeichnet sich durch fundierte Recherchen und präzise Analysen aus. Er möchte nicht nur Fakten präsentieren, sondern auch deren Bedeutung erklären und seinen Lesern Orientierung bieten – sei es zu wirtschaftlichen Trends, politischen Entscheidungen oder langfristigen Veränderungen in der Finanzwelt.Zusätzlich moderiert er Diskussionen und nimmt an Expertenrunden teil, um sein Wissen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Dabei liegt sein Fokus darauf, komplexe Themen informativ und inspirierend zu vermitteln. Felix Baarz versteht seine journalistische Aufgabe darin, in einer sich schnell wandelnden Welt einen klaren Blick auf wirtschaftliche Zusammenhänge zu ermöglichen und seine Leser bei fundierten Entscheidungen zu unterstützen – beruflich wie privat.