Die Federal Reserve hat am Mittwoch wie erwartet die Leitzinsen unverändert in der Spanne von 3,50 bis 3,75 Prozent belassen und damit eine Serie von drei Zinssenkungen zum Jahresende 2025 vorerst beendet. Doch die Entscheidung offenbart tiefe Risse im mächtigsten Zentralbankrat der Welt – und wirft brennende Fragen über die Zukunft der Fed-Unabhängigkeit auf, die weit über die USA hinaus für Nervosität sorgen.
Ungewöhnliche Dissens-Signale aus dem Fed-Rat
Mit einem Abstimmungsergebnis von 10 zu 2 fiel die Entscheidung deutlicher aus als im Dezember, als drei Mitglieder gegen die damalige Zinssenkung gestimmt hatten. Doch die beiden Gegenstimmen haben es in sich: Fed-Gouverneur Christopher Waller, der als Kandidat für die Nachfolge von Jerome Powell gehandelt wird, und Stephen Miran, der vom Weißen Haus zur Fed entsandt wurde, votierten beide für eine Zinssenkung um 25 Basispunkte.
„Wallers Chance, der nächste Fed-Chef zu werden, ist gerade mit seinem Dissens gestiegen“, kommentierte Brian Jacobsen von Annex Wealth Management die überraschende Entwicklung. Tatsächlich dürfte der erfahrene Fed-Gouverneur damit ein deutliches Signal an Präsident Donald Trump gesendet haben, der seit Wochen niedrigere Zinsen fordert und Powell massiv unter Druck setzt.
Zwischen Inflation und Arbeitsmarkt
Die Fed begründete ihre Zurückhaltung mit weiterhin „erhöhter“ Inflation bei gleichzeitig solidem Wirtschaftswachstum. Bemerkenswert: Die Notenbank strich die Formulierung, wonach die Abwärtsrisiken für den Arbeitsmarkt gestiegen seien – ein Zeichen, dass die Währungshüter sich weniger Sorgen um eine rasche Verschlechterung am Jobmarkt machen. Die Arbeitslosenquote war im Dezember auf 4,4 Prozent gefallen, während die Neueinstellungen weiterhin gedämpft bleiben.
„Die Realität ist, dass wir wahrscheinlich keine Zinssenkungen sehen werden, bis Powell im Mai die Fed verlässt“, prognostizierte Ryan Detrick von Carson Group. Treasury-Minister Scott Bessent versuchte derweil, die wachsenden Inflationssorgen zu zerstreuen: Starkes Wirtschaftswachstum und Lohnsteigerungen müssten nicht zwangsläufig zu höherer Inflation führen, zumal die Mieten deutlich zurückgingen.
Dollar unter Druck – Unabhängigkeit auf dem Spiel
Während die Fed ihre Entscheidung verkündete, spielten sich an den Devisenmärkten ungewöhnliche Szenen ab. Der Dollar-Index hatte am Vortag ein Vier-Jahres-Tief erreicht, nachdem Trump den jüngsten Kurssturz der US-Währung als „großartig“ bezeichnet hatte. Bessent musste am Mittwoch eilig klarstellen, die USA hätten „absolut nicht“ interveniert, um den Yen zu stützen, und bekräftigte die Stark-Dollar-Politik Washingtons.
Die größere Sorge gilt jedoch der Unabhängigkeit der Fed selbst. Das Justizministerium hat Powell mit strafrechtlichen Ermittlungen gedroht, während Trump öffentlich seine Ablösung fordert. Bank of Canada-Chef Tiff Macklem fand dazu deutliche Worte: „Die Bedrohung der Unabhängigkeit der Zentralbank in den USA trägt zur Unsicherheit bei. Die Federal Reserve ist die wichtigste Zentralbank der Welt, und wir alle brauchen sie, damit sie gut funktioniert.“
Globale Märkte auf Achterbahnfahrt
An den Börsen prallten Euphorie und Vorsicht aufeinander. Der S&P 500 durchbrach erstmals die Marke von 7.000 Punkten, getrieben von KI-Optimismus und starken Gewinnerwartungen der Tech-Giganten. Zwischen aufeinanderfolgenden 1.000-Punkte-Sprüngen vergehen immer kürzere Zeiträume – ein Beleg für das rasante Tempo der Marktgewinne.
In London hingegen ging es bergab: Der FTSE 100 verlor 0,5 Prozent, während Anleger aus europäischen Aktien in US-Technologiewerte umschichteten. Besonders hart traf es Gesundheitsaktien und Banken. Luxusgüter-Hersteller litten unter enttäuschenden Zahlen von LVMH, während Ölaktien von steigenden Rohstoffpreisen profitierten.
Krypto-Industrie am Scheideweg
Parallel zur Fed-Entscheidung bereitete das Weiße Haus ein brisantes Treffen vor: Vertreter der Banken- und Krypto-Branche sollten am Montag zusammenkommen, um einen Ausweg aus der Pattsituation bei der wegweisenden Clarity-Act-Gesetzgebung zu finden. Der Streitpunkt: Dürfen Krypto-Börsen Zinsen auf Stablecoins zahlen?
Während die Krypto-Industrie argumentiert, solche Anreize seien entscheidend für die Kundengewinnung, warnen Banken vor einem massiven Abfluss von Einlagen – der wichtigsten Finanzierungsquelle der meisten Institute. Eine Studie von Standard Chartered schätzt, dass Stablecoins bis Ende 2028 rund 500 Milliarden Dollar an Bankeinlagen abziehen könnten. Die Trump-Administration will offenbar schnell eine Einigung erzielen, um die Gesetzgebung voranzubringen.
Was kommt als Nächstes?
Der Markt preist derzeit zwei Zinssenkungen für 2026 ein, wobei Wetten auf eine Pause bis zum Sommer oder sogar darüber hinaus zunehmen. Doch das größere Fragezeichen bleibt die Fed-Führung: Trump kündigte an, bald seinen Favoriten für Powells Nachfolge bekannt zu geben. BlackRock-Manager Rick Rieder gilt als klarer Favorit auf den Prognosemärkten, während Kevin Hassett trotz starker Unterstützung offenbar in seiner aktuellen Position als Wirtschaftsberater bleiben soll.
„Die Unabhängigkeit der Fed ist eine sehr reale Sorge“, warnte Detrick. „Wir alle hoffen, dass sie das Richtige tun werden und sich nicht zu einer Politik drängen lassen, die möglicherweise nicht die beste für die Wirtschaft ist.“ Für die Märkte könnte die Personalie wichtiger werden als jede einzelne Zinsschrittentscheidung – denn sie wird die Ausrichtung der mächtigsten Zentralbank der Welt für Jahre prägen.


