Die US-Notenbank steckt in einer Zwickmühle. Während die Inflation im August überraschend anzog und Ölpreise über die Marke von 100 Dollar kletterten, wächst der Druck auf die Fed, kommende Woche erstmals seit Monaten die Zinsen zu erhöhen. Gleichzeitig zeigen Anleihemarkt und Konsumentenstimmung, wie brüchig das Fundament der US-Wirtschaft inzwischen wirkt.
Der Verbraucherpreisindex legte im August um 0,4 Prozent zu, nach einem moderaten Anstieg von 0,1 Prozent im Juli. Auf Jahressicht verharrt die Teuerung bei 3,4 Prozent – deutlich über dem Fed-Ziel von 2 Prozent. Verantwortlich dafür sind vor allem wieder steigende Benzinpreise, nachdem diese zwei Monate in Folge gefallen waren. Kein Wunder also, dass die Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung am Fed-Meeting kurzzeitig auf 90 Prozent sprang, bevor sie sich nach der Datenveröffentlichung bei rund 82 Prozent einpendelte.
Öl als Brandbeschleuniger der Teuerung
Der eigentliche Unruheherd sitzt jedoch nicht in Washington, sondern im Nahen Osten. Der Konflikt zwischen den USA und Iran hat die Ölpreise regelrecht explodieren lassen. Brent-Rohöl erreichte am Freitag mit fast 110 Dollar je Barrel den höchsten Stand seit vier Monaten, physische Preise notierten sogar über 120 Dollar. Diesel markiert Rekordhochs, Kerosin nähert sich den Spitzenwerten vom April.
Die Erzeugerpreise waren bereits am Donnerstag kräftig gestiegen und lieferten damit einen Vorgeschmack auf die Verbraucherpreisdaten. Analysten wie Shawn Snyder von Potomac Fund Management sprechen von „unbequemen Details“ – die sogenannte Supercore-Inflation, also Dienstleistungspreise ohne Wohnkosten, kletterte von 2,8 auf 3,0 Prozent. Das nährt die Sorge, dass sich die Teuerung festsetzt, statt zurückzugehen. Hinzu kommen Zölle, etwa gegen Kanada, die laut mehreren Ökonomen zusätzlichen Preisdruck erzeugen.
Anleihemarkt bleibt nervös trotz Bessents Rückkauf-Offensive
Am Anleihemarkt herrscht seit Wochen Anspannung – und ein größerer Rückkauf des US-Finanzministeriums konnte daran wenig ändern. Finanzminister Scott Bessent verdreifachte das Volumen des jüngsten Rückkaufprogramms für langlaufende Staatsanleihen auf bis zu 6 Milliarden Dollar. Am Ende wurden 5,187 Milliarden Dollar in zehn- und zwanzigjährigen Titeln zurückgekauft.
Die Reaktion der Investoren fiel trotzdem verhalten aus. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg auf den höchsten Stand seit November 2023, die zwanzig- und dreißigjährigen Laufzeiten markierten Dreiwochenhochs. „Es gab das Gefühl im Markt, dass das Finanzministerium hier ein Zeichen hätte setzen können“, sagt Padhraic Garvey von ING – manche Marktteilnehmer hatten mit bis zu 10 Milliarden Dollar gerechnet.
Jim Barnes von Bryn Mawr Trust deutet die Nervosität als Warnsignal: Die Proaktivität des Finanzministeriums könnte darauf hindeuten, dass die Probleme am Anleihemarkt größer sind, als bislang angenommen. Mit einer Staatsverschuldung von mittlerweile über 40 Billionen Dollar und monatlichen Defiziten, die die Bundeseinnahmen längst übersteigen, ist das kein beruhigendes Signal. Bessent selbst gab sich bescheiden: „Ich kann den Gleichgewichtspreis nicht ändern, ich versuche nur, die Dinge zu verlangsamen.“
Fed vor der Zerreißprobe
Für die Notenbank unter dem neuen Chef Kevin Warsh wird die Sitzung am 16. September zur Nagelprobe. Nach dessen als falkenhaft interpretierter Rede im vergangenen Monat und einem überraschend starken Arbeitsmarktbericht hatten die Wettquoten auf eine Zinserhöhung deutlich zugelegt. „Es ist wirklich eine Rasierklinge“, beschreibt Alicia Levine von BNY Wealth die Lage. Noch nie habe sich eine Fed-Sitzung so offen angefühlt.
Die entscheidende Frage lautet dabei nicht nur, ob überhaupt erhöht wird, sondern ob eine einzelne Anhebung der Auftakt zu einem ganzen Zinszyklus wäre. Sollte die Fed signalisieren, dass „noch Arbeit zu tun“ sei, wäre das für die Märkte kaum verdaulich. Gleichzeitig wächst der politische Druck: Präsident Trump fordert öffentlich niedrigere Zinsen und drohte sogar mit Handelskonsequenzen, sollte die Fed nicht einlenken. Genau das nährt Zweifel an der Unabhängigkeit der Notenbank – ein Thema, das laut Citi-Stratege JP Coviello die Märkte zusätzlich belastet.
Parallel dazu dürfte die Bank of Japan am 18. September ihre Zinsen auf 1,25 Prozent anheben, den höchsten Stand seit über drei Jahrzehnten. Während dieser Schritt als nahezu sicher gilt, bleibt die Fed-Entscheidung ein offenes Rennen mit globaler Ausstrahlung.
Anleger ziehen sich zurück, Konsumenten verlieren Vertrauen
Die Unsicherheit zeigt bereits Wirkung auf das Anlegerverhalten. US-Aktienfonds verzeichneten in der Woche bis zum 9. September Nettoabflüsse von 32,27 Milliarden Dollar – der höchste Wert seit neun Monaten. Besonders Large-Cap-Fonds traf es hart mit Rekordabflüssen von 40,44 Milliarden Dollar. Global summierten sich die Abflüsse aus Aktienfonds auf 15,52 Milliarden Dollar, während europäische und asiatische Fonds paradoxerweise Zuflüsse verzeichneten. Anleihefonds hingegen verbuchten bereits die 21. Woche in Folge Nettozuflüsse – ein klares Zeichen für die Flucht in vermeintlich sicherere Häfen.
Auch die Stimmung der Verbraucher trübt sich spürbar ein. Der Konsumentenvertrauensindex der University of Michigan fiel im September überraschend auf 47,8 Punkte, deutlich unter dem erwarteten Wert von 51,0 und dem Vormonatswert von 51,7. Steigende Preise für Benzin und Lebensmittel drücken zunehmend auf die Kauflaune – ein Umstand, der sich politisch längst bemerkbar macht, mit sinkenden Zustimmungswerten für die Regierung.
Ausblick: Eine Woche der Weichenstellungen
Die kommenden Tage dürften richtungsweisend werden. Bleibt die Fed bei ihrer abwartenden Haltung, könnte dies kurzfristig für Erleichterung an den Aktienmärkten sorgen. Doch angesichts anhaltend hoher Ölpreise, einer wackligen Konsumentenstimmung und eines nervösen Anleihemarkts bleibt die Grundspannung bestehen. Ob eine mögliche Zinserhöhung der Auftakt zu einem längeren Straffungszyklus wird oder eine einmalige Reaktion bleibt, dürfte die Marktrichtung für die restlichen Monate des Jahres maßgeblich bestimmen.


