Fed-Zinshoffnungen beflügeln Märkte

Unterwartet niedrige US-Inflationsdaten erhöhen die Erwartungen an Zinssenkungen der Fed und treiben die Aktienmärkte an, während die KI-Rally durch starke Micron-Zahlen neuen Schwung erhält.

Fed-Zinshoffnungen beflügeln Märkte
Kurz & knapp:
  • US-Inflation fällt deutlich unter Erwartungen
  • Aktienmärkte reagieren mit starken Kursgewinnen
  • Micron prognostiziert überraschend hohen KI-Gewinn
  • EZB und Bank of England zeigen sich zurückhaltender

Die Wall Street steht vor einem versöhnlichen Jahresausklang: Unerwartet niedrige US-Inflationsdaten vom Donnerstag haben den Finanzmärkten neuen Schwung verliehen und die Erwartungen für weitere Zinssenkungen der Federal Reserve deutlich erhöht. Während Investoren weltweit auf Signale der Notenbanken warten, setzt sich die Debatte über die Nachhaltigkeit der KI-Rally fort – befeuert durch spektakuläre Quartalszahlen des Chip-Riesen Micron Technology.

Inflation überrascht mit deutlichem Rückgang

Der US-Verbraucherpreisindex (CPI) stieg im November im Jahresvergleich um lediglich 2,7 Prozent – deutlich unter den erwarteten 3,1 Prozent. Die Kernrate ohne volatile Energie- und Nahrungsmittelpreise kletterte um 2,6 Prozent, während Ökonomen mit 3,0 Prozent gerechnet hatten. „Die Inflation war deutlich kühler als erwartet“, kommentiert Brian Jacobsen, Chefökonom bei Annex Wealth Management. „Besonders die Wohnkosten, der größte Bestandteil des CPI, haben sich spürbar abgekühlt.“

Die Daten kommen allerdings mit einer Einschränkung: Aufgrund des 43-tägigen Government Shutdowns konnten keine Oktober-Zahlen erhoben werden, was Monatsvergleiche unmöglich macht. Einige Marktteilnehmer warnen vor systematischen Verzerrungen durch den verkürzten Erhebungsprozess. Kay Haigh von Goldman Sachs Asset Management bleibt skeptisch: „Diese niedrige Inflationsablesung wird die Fed nicht bewegen, da die Daten zu verrauscht sind.“ Dennoch setzen Händler zunehmend auf eine Zinssenkung im Januar – mittlerweile werden für 2026 rund 60 Basispunkte an Zinssenkungen eingepreist.

Aktienmarkt feiert Comeback nach Technologie-Ausverkauf

Die US-Futures reagierten euphorisch auf die Inflationszahlen. Der Dow Jones legte im vorbörslichen Handel um 0,55 Prozent zu, der S&P 500 kletterte um 0,84 Prozent und der technologielastige Nasdaq schoss um 1,42 Prozent nach oben. Besonders zinssensible Small-Cap-Aktien profitierten mit einem Plus von 1,3 Prozent. Auch an den europäischen Börsen überwog die Zuversicht: Der britische FTSE 100 gewann 0,3 Prozent, während der STOXX 600 um 0,2 Prozent zulegte.

Die Erholung kommt nach turbulenten Handelstagen. Am Mittwoch hatten Unsicherheiten über die Finanzierungspläne von Oracle für ein Stargate-Rechenzentrum den S&P 500 und Nasdaq auf Dreiwochentiefs gedrückt. Oracle-Aktien waren um 5,4 Prozent eingebrochen, nachdem bekannt wurde, dass ein geplanter Equity-Deal den wichtigen Partner Blue Owl Capital nicht einschließen würde. Die Oracle-Aktie hat seit ihrem September-Höchststand, als ein Deal mit OpenAI einen 35-prozentigen Tagesanstieg auslöste, fast 50 Prozent an Wert verloren.

Micron entfacht KI-Optimismus

Doch ausgerechnet aus dem Chip-Sektor kam die dringend benötigte Aufmunterung. Micron Technology katapultierte sich mit seiner Quartalsprognose um 14,5 Prozent nach oben und prognostizierte einen Gewinn, der fast doppelt so hoch ausfällt wie von Analysten erwartet. Treiber ist die anhaltend starke Nachfrage nach KI-bezogenen Speicherlösungen. Die Welle schwappte über auf andere Speicherhersteller: SanDisk sprang um 9,1 Prozent, Western Digital um 5,8 Prozent und selbst Chip-Gigant Nvidia legte 1,9 Prozent zu.

„Die Erleichterung durch Microns Zahlen dürfte allerdings nur kurz anhalten“, warnt Capital Economics. Die Makro-Forschungsfirma sieht die KI-Rally dennoch intakt und erwartet, dass sie bis 2026 andauert. „Wir glauben nicht, dass die KI-Blase bereits platzt“, heißt es in einer aktuellen Analyse. Der Grund: KI-bezogene Ausgaben liefern bereits einen spürbaren Wachstumsschub, besonders in den USA, und zeigen keine Anzeichen einer Verlangsamung. Capital Economics prognostiziert einen Anstieg des S&P 500 auf 8.000 Punkte im kommenden Jahr – gestützt durch ein erwartetes Kurs-Gewinn-Verhältnis von 25 und ein Gewinn je Aktie von 320 Dollar.

Notenbanken auf divergierenden Pfaden

Während die Fed-Hoffnungen steigen, präsentieren sich die europäischen Zentralbanken zurückhaltender. Die Bank of England wird am Donnerstag voraussichtlich die Zinsen um 25 Basispunkte auf 3,75 Prozent senken – die vierte Senkung in 2025 und der niedrigste Stand seit fast drei Jahren. Dennoch liegt dieser Satz fast doppelt so hoch wie der EZB-Leitzins von 2,0 Prozent, den die Europäische Zentralbank voraussichtlich unverändert lassen wird.

Die britische Inflation von 3,2 Prozent bleibt die höchste unter den G7-Staaten, teilweise bedingt durch Steuererhöhungen im Vorjahr. Investoren rechnen für 2026 nur mit einer weiteren Zinssenkung, wahrscheinlich bis April. „Die EZB könnte sogar Signale für mögliche Zinserhöhungen senden“, sagt Iain Barnes, Chief Investment Strategist bei Netwealth. „Es ist bemerkenswert, dass Entscheidungsträger ein solches Vertrauen haben, dass ihr Lockerungsprozess weitgehend abgeschlossen ist.“

Auch die schwedische Riksbank und die norwegische Norges Bank ließen ihre Leitzinsen bei 1,75 beziehungsweise 4,0 Prozent unverändert. Die globale Geldpolitik läuft zunehmend auseinander – ein Spannungsfeld, das 2026 die Währungsmärkte prägen dürfte.

Geopolitische Schockwellen aus Washington

Jenseits der Geldpolitik sorgen außenpolitische Entscheidungen für Aufregung: Die USA genehmigten ein Waffenpaket für Taiwan im Wert von 11,1 Milliarden Dollar – das größte jemals für die Insel geschnürte Arsenal. Die Lieferungen umfassen HIMARS-Raketensysteme, Haubitzen, Javelin-Panzerabwehrraketen und Kampfdrohnen. Peking reagierte erwartungsgemäß empört und warnte, dass „die Unterstützung der Taiwan-Unabhängigkeit mit Waffen nur Feuer auf die USA selbst herabbeschwören wird“.

Gleichzeitig startete China ein eigenes 113-Milliarden-Dollar-Experiment: Die Insel Hainan wird zur Freihandelszone nach Hongkonger Vorbild umgewandelt. Waren mit mindestens 30 Prozent lokalem Wertanteil können künftig zollfrei auf das Festland gelangen. Peking hofft, damit seine Chancen auf den Beitritt zum transpazifischen Handelsabkommen CPTPP zu verbessern. „China will Hainan als wichtiges Tor für eine neue Ära der Öffnung etablieren“, erklärte die Nachrichtenagentur Xinhua – ein kaum verhüllter Seitenhieb auf die Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump.

Marktbewegungen im Detail

Am Donnerstagvormittag dominierten Einzelhandelswerte in London mit einem Plus von 0,9 Prozent. Currys schoss nach einer Gewinnverdopplung im ersten Halbjahr um 10,3 Prozent nach oben, Frasers Group und Moonpig folgten mit Zuwächsen von 2,2 beziehungsweise 1,0 Prozent. Luft- und Raumfahrtaktien legten um 0,8 Prozent zu. Dagegen verloren Edelmetall- und Bergbauaktien 0,4 Prozent aufgrund fallender Goldpreise.

In den USA sorgte Lululemon für Schlagzeilen: Der aktivistische Investor Elliott Management hat einen Anteil von über einer Milliarde Dollar am Sportbekleidungshersteller aufgebaut. Die Aktie sprang vorbörslich um 7,5 Prozent. Weniger erfreulich verlief es für Birkenstock – der Schuhhersteller verlor 9,5 Prozent, nachdem die Jahresprognose enttäuschte.

Den spektakulärsten Sprung legte Trump Media & Technology hin: Die Aktie explodierte um 27 Prozent, nachdem die Fusion mit dem Fusionsenergie-Unternehmen TAE Technologies angekündigt wurde – eine reine Aktientransaktion mit einem Volumen von über sechs Milliarden Dollar.

Ausblick: Zwischen Euphorie und Vorsicht

Die Märkte befinden sich in einem Spannungsfeld. Einerseits nähren sinkende Inflationszahlen die Hoffnung auf fortgesetzte Zinssenkungen. Andererseits warnen Analysten vor voreiligen Schlüssen aus möglicherweise verzerrten Daten. Peter Cardillo von Spartan Capital Securities zeigt sich optimistisch: „Diese Zahlen könnten den Weg für nicht nur eine, sondern möglicherweise zwei Zinssenkungen im ersten Quartal 2026 ebnen.“

Chris Zaccarelli von Northlight Asset Management pflichtet bei: „Die Hauptsorge der Fed-Offiziellen, die zögerlich mit weiteren Senkungen sind, war eine hartnäckig hohe Inflation. Das scheint derzeit nicht der Fall zu sein.“ Dennoch mahnt Kay Haigh zur Zurückhaltung: „Die Fed wird sich auf die Dezember-CPI-Daten Mitte Januar konzentrieren – nur zwei Wochen vor ihrer nächsten Sitzung.“

Trotz der jüngsten Turbulenzen steuert der FTSE 100 auf sein bestes Jahr seit 2009 zu – mit einem Plus von rund 20 Prozent übertrifft er sogar den S&P 500, der 14,3 Prozent zugelegt hat. Ob die KI-Rally noch Luft nach oben hat oder die Bewertungen bereits zu hoch sind, bleibt die zentrale Frage für 2026. Capital Economics rechnet jedenfalls nicht mit einem Platzen der Blase vor 2027. Das dürfte spannend werden.

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Mit über fünfzehn Jahren Erfahrung als Wirtschaftsjournalist hat sich Felix Baarz als Experte für internationale Finanzmärkte etabliert. Seine Leidenschaft gilt den Mechanismen globaler Finanzmärkte und komplexen wirtschaftspolitischen Zusammenhängen, die er für seine Leserschaft verständlich aufbereitet.In Köln geboren und aufgewachsen, entdeckte er früh sein Interesse für Wirtschaftsthemen und internationale Entwicklungen. Nach seinem Studium startete er als Wirtschaftsredakteur bei einer renommierten deutschen Fachpublikation, bevor ihn sein Weg ins Ausland führte.Ein prägendes Kapitel seiner Karriere waren die sechs Jahre in New York, wo er direkten Einblick in die globale Finanzwelt erhielt. Die Berichterstattung von der Wall Street und über weltweite wirtschaftspolitische Entscheidungen schärfte seinen Blick für globale Zusammenhänge.Heute ist Felix Baarz als freier Journalist für führende Wirtschafts- und Finanzmedien im deutschsprachigen Raum tätig. Seine Arbeit zeichnet sich durch fundierte Recherchen und präzise Analysen aus. Er möchte nicht nur Fakten präsentieren, sondern auch deren Bedeutung erklären und seinen Lesern Orientierung bieten – sei es zu wirtschaftlichen Trends, politischen Entscheidungen oder langfristigen Veränderungen in der Finanzwelt.Zusätzlich moderiert er Diskussionen und nimmt an Expertenrunden teil, um sein Wissen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Dabei liegt sein Fokus darauf, komplexe Themen informativ und inspirierend zu vermitteln. Felix Baarz versteht seine journalistische Aufgabe darin, in einer sich schnell wandelnden Welt einen klaren Blick auf wirtschaftliche Zusammenhänge zu ermöglichen und seine Leser bei fundierten Entscheidungen zu unterstützen – beruflich wie privat.