Die globalen Finanzmärkte erleben ein seltenes Schauspiel: Gleich drei große Notenbanken – Fed, Bank of Japan und EZB – steuern zeitgleich auf restriktivere Geldpolitik zu. Während Anleger gebannt auf den US-Arbeitsmarktbericht warten, sorgt vor allem der japanische Yen für Aufsehen. Dazwischen mischen Lululemon, Adobe und OpenAI mit eigenen Schlagzeilen die Nachrichtenlage auf.

Der Zinspoker der Fed

Seit Wochen rätseln Investoren, ob die US-Notenbank im September erstmals seit drei Jahren die Zinsen anheben könnte – ein Szenario, das noch vor Kurzem undenkbar schien. Auslöser sind hartnäckige Inflationssorgen und ein Ausverkauf am Anleihemarkt, der die Renditen auf mehrjährige Höchststände trieb.

Fed-Gouverneur Christopher Waller dämpfte die Erwartungen zuletzt deutlich. Bei einem Reuters-NEXT-Event sprach er von ermutigenden Anzeichen einer Disinflation und signalisierte, im September lieber die Füße stillzuhalten, sofern sich der Trend bestätigt. New-York-Fed-Präsident John Williams schlug in dieselbe Kerbe. Die Folge: Die von Marktteilnehmern eingepreiste Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung fiel von rund 65 Prozent auf etwa 50 Prozent – ein echter Münzwurf.

Genau deshalb kommt dem heutigen Arbeitsmarktbericht besondere Bedeutung zu. Ökonomen rechnen mit einem Plus von 56.000 Stellen, nach einem überraschenden Rückgang um 23.000 im Juli. Die Arbeitslosenquote dürfte bei 4,1 Prozent verharren. Belastend wirkt der Wegfall des Schutzstatus für haitianische Migranten, der laut Morgan-Stanley-Chefökonom Michael Gapen bis zu 15.000 Jobs kosten könnte – in einem ohnehin fragilen „Slow-Hire-Slow-Fire“-Arbeitsmarkt. Viele Beobachter halten die Zahlen inzwischen für zweitrangig: Erst die Inflationsdaten der kommenden Woche dürften die eigentliche Entscheidung liefern.

Yen im Aufwind – Spekulanten geraten unter Druck

Während die Fed noch zögert, scheint die Bank of Japan entschlossener. Die japanische Währung legte diese Woche um rund 2,5 Prozent zu und markiert damit ihre stärkste Wochenperformance seit der gemeinsamen Dollar-Yen-Intervention von Tokio und Washington im Juli. Der Kurs näherte sich zeitweise wieder der Marke von 155 Yen je Dollar.

Der Hintergrund: Die Wahrscheinlichkeit einer BOJ-Zinserhöhung um 25 Basispunkte auf 1,25 Prozent im September wird mittlerweile mit rund 97 Prozent eingepreist – vor einem Monat lag sie noch bei 52 Prozent. Befeuert wurde diese Neubewertung durch Aussagen von BOJ-Ratsmitglied Hajime Takata, der offen über größere Zinsschritte oder eine Serie rascher Erhöhungen spekulierte. „Seine Bemerkungen über aufeinanderfolgende Zinsschritte waren dramatisch“, kommentierte Yoshio Iguchi von Traders Securities. Sollte sich diese Haltung durchsetzen, könnte sie für den Yen zum Wendepunkt werden.

Hinzu kommt ein struktureller Faktor: Japanische Institutionelle ziehen wegen historisch hoher Inlandsrenditen Kapital aus dem Ausland ab – in einem Tempo, das laut offiziellen Daten das schnellste seit vier Jahren ist. Laut J.P. Morgan haben sich seit Amtsantritt von Premierministerin Sanae Takaichi Yen-Shortpositionen im Wert von umgerechnet rund 108,7 Milliarden Dollar aufgebaut. Ein vollständiges Auflösen dieser Wetten könnte den Dollar-Yen-Kurs auf 142 bis 146 drücken, schätzen die Analysten. Stephen Jen von Eurizon SLJ zieht gar Parallelen zum LTCM-Kollaps von 1998 und warnt vor einer ruckartigen Entladung aufgestauter Marktspannungen.

EZB zieht nach – Europas Wirtschaft zeigt Risse

Auch die Europäische Zentralbank bewegt sich in Richtung strafferer Geldpolitik. JPMorgan rechnet nun mit einer dritten Zinserhöhung im Dezember auf 2,75 Prozent, nachdem kommende Woche eine als „nahezu sicher“ geltende zweite Anhebung auf 2,5 Prozent ansteht. Ökonom Greg Fuzesi verweist auf anhaltenden Energiepreisdruck durch den Nahost-Konflikt, robustes Wachstum und eine hartnäckig hohe Kerninflation, die durch Lohnentwicklung und Technologiepreise getrieben wird.

Wie unterschiedlich die Realwirtschaft auf diese Aussichten reagiert, zeigt ein Blick nach Frankreich. Der dortige Bausektor schrumpfte im August so stark wie zuletzt im Mai 2020: Der PMI-Gesamtindex fiel von 41,5 auf 37,3 Punkte. Sowohl Wohnungsbau als auch Gewerbebau brachen deutlich ein, während die Beschäftigung bereits den 28. Monat in Folge sank. „Ein Turnaround ist nicht in Sicht“, resümierte S&P-Global-Ökonom Joe Hayes. Steigende Zinsen träfen damit auf eine Wirtschaft, die in Teilen bereits erheblich unter Druck steht – ein Spannungsfeld, das die EZB kaum ignorieren kann.

Unternehmen zwischen Umbruch und Absturz

Neben der Zinsdebatte sorgten auch einzelne Unternehmen für Bewegung. Lululemon brach nachbörslich um rund 18 Prozent ein, nachdem der Sportbekleidungskonzern seine Jahresprognose erneut kappte und die Quartalsumsätze die Erwartungen verfehlten. Die designierte CEO Heidi O’Neill steht damit schon vor Amtsantritt unter Druck, die Marke gegen aufstrebende Konkurrenten zu verteidigen.

Bei Adobe hingegen geht es um einen geplanten Führungswechsel: Anil Chakravarthy übernimmt zum 1. Dezember als neuer CEO von Shantanu Narayen, der als Executive Chair im Unternehmen bleibt. Chakravarthy kündigte an, sich auf „agentenbasierte Software“ zu konzentrieren – ein Seitenhieb auf den wachsenden KI-Wettbewerb, den auch OpenAI mit dem Rollout seines neuen Modells GPT-6 Astra befeuert.

Ausblick

Die kommenden Wochen dürften zeigen, ob sich der globale Trend zu strafferer Geldpolitik tatsächlich verfestigt oder ob schwache Konjunkturdaten – wie aus Frankreich – die Notenbanken zur Vorsicht mahnen. Für Anleger bleibt die Gemengelage aus Zinsfantasie, Währungsturbulenzen und Unternehmensnews ein Drahtseilakt ohne klare Richtung.